Oh, du hübscher Kerl, dachte er, als er sah, wie Ruhn rot wurde und den Blick senkte. Trotz all der Kraft in diesem Körper strahlte er eine Verletzlichkeit aus, die einen dazu brachte, ihm einen sicheren Hafen bieten zu wollen. Andererseits hatte Saxton schon immer ein Faible für Streuner gehabt.
„Verzeih mir“, murmelte Ruhn.
„Wofür?“ Saxton atmete tief ein und sog den köstlichen Duft in seine Lungen. „Warum entschuldigst du dich?“
„Ich weiß es nicht.“
„Es ist keine Zumutung, dass du dich zu mir hingezogen fühlst. Überhaupt nicht. Sieh mich an. Komm schon … heb deinen Blick.“
Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich dieser strahlende Blick hob und seinem begegnete.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, flüsterte Ruhn. Doch dann konzentrierte sich der Mann auf Saxtons Mund.
Oh doch, das tust du, dachte er. Du weißt ganz genau, was du tun musst.
Aber es lag nicht in der Natur des Mannes, die Initiative zu ergreifen. Zum Glück hatte Saxton ein Mittel dagegen.
„Willst du, dass ich dich küsse?“, fragte er leise. „Nur damit du weißt, wie es sich anfühlt. Nur damit du nicht weiter darüber nachdenken musst.“
Das stand überhaupt nicht zur Debatte. Die Antwort lag in der sexuellen Spannung, die zwischen ihnen aufkam, einer Feuerwand, die ihre Körper zum Schmelzen bringen würde … und vielleicht auch ihre Seelen.
Doch dann schaute Ruhn nach draußen.
Saxton seufzte. „Niemand wird es erfahren. Ich verspreche es.“
Es war traurig, den Mann davon überzeugen zu müssen, als wäre das eine schmutzige Angelegenheit, etwas, das andere dazu brachte, ihre Meinung über einen zu ändern und sich selbst minderwertig zu fühlen – aber es gab keinen Grund, naiv zu sein. Die meisten Zivilisten wie Ruhn hatten eine viel konservativere Einstellung zu solchen Dingen als Aristokraten.
In der Glymera herrschte eine Art Toleranz, bei der man wegschaute, solange man bereit war, sich ordentlich mit einer Frau zu vermählen, im Laufe der Zeit einen Erben und einen Ersatz zu zeugen und niemals, niemals aus der Deckung zu kommen.
Zu all dem war Saxton im Dienste seines Vaters und seiner Blutlinie nicht bereit gewesen. Das war einer der Gründe, warum er und sein Vater sich entfremdet hatten.
Um seine Privatsphäre zu wahren, lehnte er sich zur Seite und zog die Vorhänge zu, sodass die großen schwarzen Stoffbahnen die Welt ausblendeten und eine private Oase schufen.
„Niemand wird es erfahren“, sagte er trotz der Enttäuschung in seiner Brust.
Als Antwort streckte Ruhn seine zitternde, arbeitsame Hand aus … hielt sie jedoch kurz vor Saxtons Mund zurück.
„Ist es das, was du willst?“, flüsterte Saxton.
Ruhn senkte seinen Arm. „Ja.“
Saxton trat näher, aber nicht zu nah, sodass ein Abstand zwischen ihren Brustmuskeln blieb. Dann nahm er Ruhns Gesicht in seine Handflächen.
Der gesamte Körper des Mannes zitterte, all seine Muskeln und schweren Knochen waren angespannt, als würde er jeden Moment springen wollen – aber ob zu ihm oder von ihm weg, wusste er nicht.
„Ich werde dir nichts tun“, versprach Saxton. „Ich schwöre es.“
Dann zog er den größeren Mann langsam zu sich herunter, wobei Ruhn sich dem sanften Druck bereitwillig hingab.
Saxton neigte seinen Kopf zur Seite und presste seine Lippen auf Ruhns – und der Keuchlaut, der aus dem anderen Mann kam, war der eines überraschten Liebhabers. Saxton spürte ebenfalls den Schock und hätte etwas sagen wollen.
Aber er wollte nicht aufhören, um zu sprechen.
Sanft, zärtlich … streichelte er wieder und wieder über diesen Mund. Zuerst gab es keine Reaktion, die Lippen an seinen eigenen waren wie erstarrt. Aber dann öffneten sie sich und streichelten zurück, mit einer süßen Zurückhaltung.
Saxtons Körper brüllte, seine Erektion drängte sich nach draußen, wollte gestreichelt und gelutscht werden. Und im Gegenzug wollte er jeden Zentimeter dieses Mannes kennenlernen, verdammt noch mal, sofort. Geduld war jedoch eine Tugend, die eher belohnt wurde als ungeschickte Gier.
Saxton zog sich ein Stück zurück und suchte Ruhns Gesicht. „Wie war das?“
„Mehr“, kam die stöhnende Antwort.
Ein schnurrendes Geräusch kam aus Saxtons Kehle, als er sich an Ruhns Körper presste. Er legte einen Arm weit über diese breiten Schultern und zog diesen süßen Mund wieder zu seinem eigenen, während er seinen anderen Arm um eine Taille schlang, die straff und glatt wie polierter Stein war.
Das Zittern in Ruhns Oberkörper war verdammt erotisch. Was war noch besser? An diesen Hüften zeichnete sich eine Erektion ab, die perfekt zu diesem unglaublichen Körper passte und nur darauf wartete, befreit zu werden. Saxton wusste jedoch, dass er nichts überstürzen durfte – denn er wollte den Mann nicht gegen seinen Willen verführen. Vielmehr wollte er, dass der Mann sich bereitwillig auf dieses sicherlich unglaubliche sexuelle Abenteuer einließ –
Als Saxtons Handy in der Küche zu klingeln begann, zuckten beide zusammen.
„Solltest du nicht rangegehen?“, fragte Ruhn mit rauer Stimme.
Vielleicht, ja, dachte Saxton. Aber nur, um das verdammte Ding in die Toilette zu spülen – oder vielleicht mit einem Hammer zu zerschlagen. Nur …
„Es könnte der König sein.“ Saxton lehnte sich zurück. „Warte einen Moment.“
Mit schnellen Schritten eilte er zu der schwarzen Granitarbeitsplatte, wo er sein Handy neben der Kaffeekanne liegen gelassen hatte. „Hallo – oh, ja, natürlich, mein Herr. Was gibt’s? Aha. Ja. Verstehe …“
Saxton schloss die Augen. Er durfte nicht unhöflich sein oder sich vor seinen Pflichten drücken, aber er musste Wrath vom Telefon wegbekommen, damit er dort weitermachen konnte, wo er aufgehört hatte – und hoffentlich den Kuss vertiefen konnte.
„Ja, mein Herr. Ich werde die entsprechenden Unterlagen vorbereiten und sie morgen Abend der anderen Partei zustellen – wann? Jetzt?“ Saxton formte lautlos ein Wort, das nicht angemessen war. „Ja, ich werde sofort zum Audienzsaal kommen und – was? Ja, das auch. Danke, mein Herr. Es ist mir ein Vergnügen.“
Als er auflegte, dachte er, dass sein Vergnügen eigentlich direkt vor ihm stand –
„Verdammt“, murmelte er, als er sich wieder umdrehte.
Ruhn war durch die Glasschiebetür verschwunden und hatte nichts als die sanften Wellen der Vorhänge hinterlassen, die von der kalten Abendluft bewegt wurden und den verweilenden Duft sexueller Erregung wegwehten.
Er verspürte den Instinkt, ihm zu folgen, aber er unterdrückte ihn. Ruhn hatte seine Entscheidung getroffen, zumindest vorerst.
Keine Ahnung, ob er zurückkommen würde.
Saxton berührte seinen Mund. „Aber ich hoffe, du tust es“, flüsterte er in das leere Penthouse.
—
Der Bus rollte mit einer Geschwindigkeit, die nur geringfügig langsamer schien als die, mit der Wasser aus einem Glas verdunstet. In einem Kühlschrank. Über einen Zeitraum von hundertfünfzig verdammten Jahren.
Peyton saß auf dem linken Sitz in der ersten Reihe direkt am Fenster und starrte auf die schwarze Scheibe, um sein Spiegelbild zu ignorieren. Es war sonst niemand im Bus, und er wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. Eine Ablenkung wäre vielleicht ganz nett gewesen … aber andererseits hätte ihn das Geschwätz in seinen Ohren wahrscheinlich total genervt – und nein, danke, er hatte keine Lust, auf irgendjemanden oder irgendetwas zu reagieren.
Erleichtert atmete er auf, als das Fahrzeug langsamer wurde und zum Stehen kam. Dann fuhr es wieder los. Und ein Stück weiter … wurde es wieder langsamer.
Endlich näherten sie sich der Reihe von Toren. Wie alle anderen Auszubildenden hatte er noch nie gesehen, wie sie aussahen, und er hätte nicht mal der Jungfrau Maria selbst sagen können, wie man auf die Straße gelangte, die zum Ausbildungszentrum führte. Aber er kannte dieses Stop-and-Go gut, wenn sie das Gelände der Bruderschaft betraten und unter die Erde zu der Einrichtung hinabfuhren.
Ich muss mit dir allein sprechen. Wir haben wenig Zeit.
Das Bild von Romina, wie sie vor dem Badezimmer stand, ihr blaues Kleid in den Händen, die Augen weit aufgerissen, ihr blasses Gesicht von Angst und Verfolgung gezeichnet, ließ ihn den Kopf schütteln und sich die Nasenwurzel reiben.
Romina brauchte dringend einen Freund. Sie brauchte auch Peyton.
Ich fürchte, man will dir etwas Unwertes verkaufen. Erkläre heute Abend, dass ich dir nicht zusagt, dann wirst du verschont bleiben.
Als er sie gefragt hatte, wovon zum Teufel sie rede, hatte sie ihm eine schreckliche Geschichte erzählt, eine so schreckliche, dass er nicht daran denken konnte.
Und am Ende hatte sie nicht gelogen. Sie war in den Augen der Glymera tatsächlich verwöhnt – und zwar nicht im Sinne von privilegiert und verhätschelt.
Nach allen Maßstäben war Romina für eine Paarung ungeeignet, wenn auch nicht durch ihre eigene Schuld – vorausgesetzt, sie sagte die Wahrheit, und mal ehrlich, wenn man bedenkt, was ihr angetan worden war? Warum sollte man so etwas einem Fremden gegenüber zugeben?
Er bewunderte ihre Ehrlichkeit. Und er fühlte sich ebenfalls gebrochen, aus vielen Gründen ungeeignet für eine Paarung, also hatten sie das gemeinsam.
Ich weiß, dass du das Richtige für dich tun wirst. Ich wollte nur nicht, dass noch jemand verletzt wird.
Damit war sie zum Tisch zurückgegangen. Und er hatte versucht, ihr zu folgen – nur um kurz vor dem Ziel zu scheitern. Anstatt zurück in den Speisesaal zu gehen, war er einfach zur Haustür hinausgegangen. Sein Vater hatte ihm hinterhergerufen, aber nein, Peyton hatte genug. Er war zum Abholort verschwunden, hatte eine SMS geschickt, dass er angekommen war, und dann fünfundzwanzig Minuten in der Kälte ohne Winterjacke auf den Bus gewartet.