Die Luft im Verlies war voll von dem Geruch rostiger Ketten, feuchter Steine und getrocknetem Leid.
Iyana stand da, in ruhige Wut gehüllt, ihre violetten Augen glänzten wie geschliffene Amethyste im flackernden Schein der Fackeln. In ihrem Blick war kein bisschen Mitleid zu sehen – nur eine distanzierte, eindringliche Gelassenheit, die die Luft noch kälter wirken ließ, als sie ohnehin schon war.
Sienna saß gefesselt auf einem Stahlstuhl, die Ketten ächzten bei jeder Bewegung ihrer Glieder. Ihr Gesicht, das einst in den höfischen Hallen so selbstgefällig gewesen war und hinter vorgehaltener Hand Intrigen gesponnen hatte, war jetzt vor lauter Angst verzerrt. Dieser Anblick weckte etwas Leises und Viszerales in Iyana – eine Befriedigung, die nicht aus Rache geboren war, sondern aus lang ersehnter Gerechtigkeit.
„Bitte“, krächzte Sienna, ihre Stimme brach wie altes Porzellan. „Töte mich nicht.“
Aber Gnade gab es nicht.
Das war der Gefallen, um den Vyan sie gebeten hatte – das Einzige, wozu er selbst nicht in der Lage war. Die Fäulnis an der Wurzel zu beseitigen. Die Marionettenmeisterin zu entfernen, die ihr Leben viel zu lange vergiftet hatte. Er konnte Siennas Anwesenheit nicht länger ertragen, da seine Schwäche durch das viel zu lange Aushalten der dunklen Magie während des Monsterjagd-Festivals noch zugenommen hatte. Aber Iyana konnte es.
Und sie würde jede Sekunde nutzen.
Ausnahmsweise würde sie sich der Grausamkeit hingeben.
Seit ihrer Kindheit hatte Sienna im Schatten von Iyanas Licht geschlichen, immer nach ihr greifend, immer voller Neid, immer bemüht, ihren Glanz mit kleinlichen Tricks und bitteren Intrigen zu trüben. Aber Iyana hatte sie nie gelassen. Sie hatte eine Mauer aus Angst um sich herum errichtet – eine Festung aus Stärke und Schweigen, die Sienna nie zu durchbrechen wagte.
Bis sie es tat.
Bis sie die einzige Person traf, die Iyana über alles liebte – Vyan.
Alle ihre Handlungen waren feige. Zuerst eine gescheiterte Verführung. Dann quälte sie ihn durch Lyon. Dann ein noch niederträchtigerer Trick – sie hängte ihm ein Verbrechen an, das er nie begangen hatte, legte ihm eine Schlinge aus Lügen um den Hals und schickte ihn fast in den Tod.
Aber wie immer hat Iyana ihn beschützt. Sie hat ihn aus der Zelle befreit, obwohl sie nicht an seine Unschuld glaubte. Weil sie keine Rücksicht darauf nahm. Vyan könnte der meistgesuchte Verbrecher im Reich sein, und Iyana würde ihn trotzdem immer befreien.
Doch in dem Moment, als Iyana erfuhr, dass Vyan unschuldig war, dass er von Sienna besessen war, um das Verbrechen zu begehen, dass sie Iyana in Vyans Augen als die Böse dargestellt hatte – in diesem Moment hörte Iyana auf, sie als belanglose Nonsensfigur zu betrachten.
Sie wurde zu einer Krankheit.
Und nun war die Heilung da.
Iyana trat näher, der Saum ihres Mantels raschelte auf dem Steinboden. Ihr Blick schwankte nicht. Mit jedem Flackern der Fackeln kamen Erinnerungen zurück – an Vyans verletztes Gesicht, seinen blutüberströmten Körper, die Wut in seinen weinroten Augen, als er dachte, die ganze Welt – vor allem Iyana – hätte sich gegen ihn gewandt.
Jede Demütigung. Jeder Tropfen Blut. Jede schlaflose Nacht, die er damit verbracht hatte, sich wieder aufzurichten.
Iyana würde Sienna alles heimzahlen – zehnfach. Nicht aus Wut. Sondern in stiller Entschlossenheit. Mit ruhigen Händen, gnadenlosen Augen und entschlossenem Herzen.
Sie hatte sich nie für Folter interessiert. Hatte nie Freude an lang anhaltenden Schmerzen gefunden.
Aber hier ging es nicht um Freude.
Es ging um Gerechtigkeit.
Und Sienna –
Sie hatte das verdient.
Der erste Schrei durchdrang den Kerker wie ein Messer die Nebelschwaden.
Er hallte wider, prallte ab und brach an den Wänden – rau, kehlig, zutiefst menschlich. Sienna wand sich in den Stahlfesseln, ihre Handgelenke bluteten an den Handschellen, ihr Atem ging flach und feucht von Schluchzen.
Iyana zuckte nicht. Sie blinzelte nicht.
Ihre violetten Augen blieben auf ihr Ziel gerichtet, ihre Lippen zu einer kalten, entschlossenen Linie gepresst.
Die Werkzeuge lagen bereit – nichts Primitives, nichts unnötig Unordentliches. Von Vyan hatte sie gelernt, dass Kontrolle Macht war und dass Schmerz, wenn er richtig eingesetzt wurde, kein Chaos brauchte, um furchterregend zu sein. Er brauchte nur Absicht.
Ein Brandeisen zischte im Kaminfeuer und glühte in der Farbe geschmolzener Rache.
„Lass uns mit der Rache anfangen, okay?“, hatte Iyana leise gesagt, als würde sie eine Gutenachtgeschichte anfangen.
Sie drückte das Eisen in das Fleisch, und der zweite Schrei brach hervor – erschütternd, urwüchsig. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg in die Luft, beißend und lebendig. Die Adern traten an den Schläfen ihres Opfers hervor, dessen Augen rollten, während sein Körper auf dem Stuhl zuckte. Aber Iyana machte langsam und methodisch weiter. Sie suchte keine Antworten. Sie wollte keine.
Hier ging es um Bestrafung.
Klingen folgten mit chirurgischer Präzision den Nervenbahnen. Salz wurde in die Wunden gerieben. Knochen brachen unter dem gezielten Druck. Iyanas Hände bewegten sich wie die eines Komponisten – jedes Instrument war so abgestimmt, dass es das perfekte Crescendo der Qual hervorbrachte.
Sienna flehte.
Sie heulte.
Sie verfluchte Iyanas Namen und schrie dann um Vergebung, als der Schmerz zurückkehrte.
Aber Iyana sagte kein Wort mehr – nicht nach dem ersten Wort. Sie sah nur zu.
Obwohl sie anfangs dachte, es sei für Vyan, seine Wiedergutmachung, Gerechtigkeit für ihn. Ein kleiner – nein, ein großer Teil von ihr wollte Rache für sich selbst.
Dafür, dass sie ihr ihre Familie genommen hatte. Dafür, dass sie ihren eigenen Bruder und Vater gegen sie aufgebracht hatte. Dafür, dass sie sie in ihrem eigenen Zuhause zur Außenseiterin gemacht hatte. Für jedes Unrecht, das ihr angetan worden war.
Je tiefer sie in all die Einsamkeit eintauchte, die sie durchlebt hatte, all die Male, die sie allein geweint und ihr gebrochenes Herz geheilt hatte, um zu der zu werden, die sie jetzt war, desto brutaler und gnadenloser wurde die Qual.
Als sie sah, wie das Blut immer mehr spritzte und den Boden bedeckte, leuchteten ihre apathischen Augen vor psychotischer Befriedigung.
Vielleicht ging es doch um Lust.
Als der Körper ihrer Gefangenen nach vorne sackte, zuckte und blutüberströmt war, war der Kerker vom Geruch des Todes erfüllt. Iyana hockte sich hin, strich das blutverfilzte Haar beiseite und sah in die erlöschenden Augen.
Es gab kein letztes Flehen. Kein Flüstern um Erlösung. Nur ein rasselndes Atmen …
Und dann – Stille.
Iyana stand auf und wischte sich die Hände an einem bereits blutroten Tuch ab. Sie starrte lange auf die Leiche. Ein bitteres Gefühl der Erlösung stieg in ihr auf – und doch fühlte sich etwas … seltsam an.
Dann passierte es.
Ein subtiler Schimmer unter der blutigen Oberfläche des Gesichts. Ein Zucken. Ein Aufblitzen von Magie. Und dann, als würde ein Vorhang zurückgezogen, begannen sich die Gesichtszüge zu verändern.
Die Wangenknochen wurden weicher. Die Form des Kiefers veränderte sich. Das hellbraune Haar wurde dunkler. Die Wölbung der Lippen, der Ausdruck der Augen … alles veränderte sich.
Das war nicht Sienna.
Das war sie nie gewesen.
Das war ihr Klon. Ein zufälliges, unbekanntes Mädchen.
Und bevor sie überhaupt reagieren konnte, brannte etwas – ein sengendes Licht entzündete sich auf dem Unterarm des Klons, als wäre er von einer unsichtbaren Klinge geschnitten worden. Blut sprudelte in einer Reihe gezackter Schriftzeichen an die Oberfläche.
„Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich so einfach umbringen, liebe Schwester?“
Iyana taumelte zurück, Wut und Unglauben durchfuhren sie.