Die Kammer war still.
Die sich windenden Ranken aus dunkelgrüner Mana, die Asher mal wie ein Kokon umhüllt hatten, waren jetzt komplett verschwunden und in seine Knochen, seine Adern und sein Innerstes zurückgezogen. Er atmete langsam und leise aus, wie jemand, der in einen Abgrund gestarrt hatte und mit dessen Spuren zurückgekehrt war.
Level: 40
Bewertungspunkte: 0 / 5.472.500
HP: 227.710 / 227.710
MP: 53.090 / 53.090
STR: 38.902
DEF: 42.542
INT: 36.614
DEX: 17.823
Ashers Blick fixierte die leuchtenden Zahlen, die in seinem Kopf schwebten – seine Werte, das Echo seiner Seele, geschmiedet durch Schmerz, Wut und unerbittlichen Willen.
Level: 40.
Die Zahl starrte ihn an wie eine Verkündung.
Der Gipfel des Seelentyrannen.
Eine Schwelle, die nur wenige Sterbliche jemals erreicht hatten, geschweige denn überschritten hatten.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte ihm die Vorstellung, jemals Level 34 zu überschreiten, wie eine ferne Fabel vorgekommen – etwas, das Göttern, Mythen oder längst verstorbenen Legenden der Geschichte vorbehalten war.
Jetzt stand er unter ihnen. Selbst in seinem früheren Leben hatte er dieses teuflische Niveau an Stärke nie erreicht.
Seine Finger krümmten sich langsam, die überwältigende Kraft summte direkt unter seiner Haut, gewunden und wartend wie ein Sturm, der kaum gezügelt war.
Allein die Erinnerung an seine früheren Werte und der Vergleich mit seinen aktuellen Werten waren wie eine Verhöhnung seines zerbrechlichen früheren Ichs.
Er starrte lange vor sich hin und ließ die Bedeutung all dessen auf sich wirken.
Der Mann, der er einmal gewesen war – Cedric, der naive Jäger, der geglaubt hatte, Stärke zu verstehen – würde jetzt keine Sekunde gegen ihn überleben. Dieser Teil von ihm würde sterben, ohne jemals zu erfahren, warum.
Ein trockener Atemzug entwich seinen Lippen, nicht ganz ein Lachen, aber etwas Ähnliches.
Wie oft hatte er gekämpft, gebettelt, gewütet, um stärker zu werden? Wie oft war er zurückgelassen worden, gebrochen und weggeworfen?
Und doch war er hier – wiedergeboren durch Flammen, Dunkelheit und Stille.
Ein Wesen, das sein früheres Ich für einen Gott gehalten hätte.
Aber Asher wusste es besser.
Diese Kraft war nicht göttlich. Er hatte sie sich verdient. Sie war ihm durch Verrat eingeprägt worden. Durch Leiden gestählt. Durch den Tod geschmiedet.
Er fühlte sich nicht triumphierend. Es gab keinen Grund zum Feiern, jetzt, wo er den Gipfel erreicht hatte – nur ein kaltes, bitteres Verständnis dafür, was es ihn gekostet hatte.
„Fast alles zu verlieren …“
Die Worte hallten wie ein Geist in seinem Kopf wider.
Aber jetzt würde alles anders werden.
Jetzt würde er der Sturm sein.
Und diejenigen, die alles verlieren würden, wären diejenigen, die ihn so gemacht hatten.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten, dunkelgrüne Ranken aus Mana wanden sich wie Schlangen um seine Arme und gehorchten ihrem Meister. Seine Aura, einst schwach und flackernd, pulsierte nun mit furchterregender Schwere.
Keine Schwäche mehr.
Keine Gnade mehr.
Mit stiller Überzeugung
erhob er sich.
Stein knackte leise unter seinen Stiefeln, als er aufstand, nicht mit Schwung oder Kraft – sondern mit Endgültigkeit. Seine Haltung war fest. Seine Augen, die einst vor Unsicherheit geleuchtet hatten, brannten jetzt in einem kalten, grünen Licht. Wie ein Waldbrand im Winter. Kontrolliert. Still. Tödlich.
Auf der anderen Seite des Raumes spürte Rebecca die Veränderung in der Luft. Es war nicht wie zuvor – nicht roh oder explosiv, sondern verdichtet, erstickend, absolut. Ihre Lippen öffneten sich unwillkürlich, ihr Atem stockte, als ihr Herzschlag sie verriet. Sie hatte sich so viel überlegt, was sie ihm sagen wollte, als er endlich aufwachte, aber jetzt, nachdem sie ihn aufstehen sah, war sie plötzlich sprachlos.
Der Mann, der jetzt vor ihnen stand, war nicht derselbe Asher, den sie tagelang in Meditation beobachtet hatte. Dieser hier war in den Tiefen von etwas Uraltem versunken und hatte sich wieder herausgekämpft – verändert.
Allein das Spüren seiner zurückhaltenden Aura ließ ihre Haut kribbeln.
Skully stand am Rand der Halle und beobachtete alles schweigend. Das flackernde grüne Magma, das seinen verkohlten Skelettkörper durchzog, spiegelte sich schwach in den leeren Augenhöhlen.
Asher drehte seinen Kopf langsam zu ihm. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar, aber seine Stimme klang kalt und scharf – wie geschliffener Stahl.
„… Ist es genug?“
Skullys Kopf neigte sich leicht.
„Diese Stärke“, sagte Asher. „Reicht sie endlich aus, um dich zufriedenzustellen?“
Es folgte eine lange Stille. Schwere Stille. Dann erklang Skullys Stimme, trocken und hohl wie Wind, der durch ein Grab wispert.
„Du wirst niemals stark genug sein. Nicht für das, was ich mit dir vorhabe.“
Asher zuckte nicht mit der Wimper. Er starrte ihn nur an, ohne seine Miene zu verändern. Dennoch konnte er nicht sagen, ob Skully vorhatte, ihn für etwas Schlimmes zu benutzen. So oder so wusste er, dass Skullys Hilfe ihren Preis haben würde.
Skullys skelettartige Hand hob sich langsam und zeigte auf das andere Ende der Kammer.
„Aber du kannst testen, was aus dir geworden ist“, sagte er. „Valeria.“
Ashers Blick huschte zu der Gestalt, die aus dem Schatten trat. Valerias große Gestalt tauchte aus dem Schatten auf, ihre Rüstung war matt und staubig von Tagen der Stille. Ihre Schritte hallten mit geübter Schwere über den Boden.
Ashers Augen verengten sich leicht.
Er hatte es bemerkt. Skully hatte sie nicht Eradicator genannt – nur Valeria. Hatte er auch ihre Namensänderung akzeptiert? Das hätte Asher nie erwartet.
Sie blieb vor ihm stehen, ihr Blick fest, aber nicht herausfordernd, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
Eine stille Übereinkunft wurde zwischen ihnen geschlossen. Es würde keine Zeremonie geben. Keine Posen. Nur die Wahrheit.
Asher trat vor und knackte einmal mit dem Nacken, als wolle er die letzten Reste seiner Zurückhaltung abschütteln.
Rebecca stand weit abseits und verfolgte mit aufgeregten Augen jede Bewegung wie eine Jägerin, die einen Sturm beobachtet.
Sie war sehr gespannt darauf zu sehen, wer jetzt stärker war, da beide Seelen-Tyrannen waren.
Die Luft hatte sich wieder verändert, von Stille zu einer Spannung, die so dick war, dass sie durch ihre Zähne vibrierte.
Valerias Haltung veränderte sich nur geringfügig – gerade genug, dass Asher es erkennen konnte.
Dann bewegte sie sich.
Ein verschwommener Fleck. Ein purpurroter Blitz. Ihre Faust kam direkt auf seine Brust zu, geführt von über einem Jahrhundert Kampferfahrung. Schnell genug, um die meisten Drachen mit einem Schlag zu töten.
Aber Asher war schon da.
Klang.
Sein Unterarm hob sich wie eine eiserne Wand.
Ihre Faust traf ihn – und die Welt bebte.
Eine heftige Schockwelle ging von dem Aufprall aus und explodierte in einem Ring aus komprimierter Kraft nach außen. Staub wirbelte auf, die Luft zitterte. Unter ihnen barsten Steine. Rebecca rutschte, obwohl sie weit weg stand, über den Boden, ihre Stiefel kratzten über den Stein, während sie die Zähne zusammenbiss, um dem Druck standzuhalten.
Sogar Skullys langer Umhang flatterte sanft in dem unsichtbaren Sturm.
Valerias Augen verengten sich. Sie hatte ihn mit voller Absicht geschlagen. Und er hatte sich keinen Zentimeter bewegt.
Asher sagte kein Wort. Sein Blick blieb auf sie gerichtet.
Dann schlug er zu.
Seine Faust schoss nach oben, schnell wie eine Peitsche, schwerelos und doch schwer wie der Tod.
Bumm.
Sie traf Valeria mit einem Geräusch wie zerbrechender Steine im Bauch.
Ihr Körper flog wie eine Rakete nach hinten. Die Luft zischte, als sie durch den Saal geschleudert wurde und mit solcher Wucht gegen die eisenharte Wand prallte, dass der schwarze Stein barst. Die gesamte eisenharte Wand bebte, und wie bei Glas unter Druck bildeten sich spinnennetzartige Risse.
Rebeccas Augen weiteten sich. Der Schlag war nicht nur stark – er war vernichtend.
Aber Valeria stöhnte nicht. Sie schrie nicht.
Sie stand auf.
Als sie sich aufrichtete, bröckelte der Schutt von der Wand und Staub fiel von ihren Schultern, als würde sie alte Erinnerungen abschütteln. Ihre Rüstung war an der Stelle des Aufpralls leicht verbogen, aber ihr Blick schwankte nicht. Nicht einmal ein Flackern.
Sie trat vor und ballte die Fäuste.
Asher wusste, dass Valeria nur versucht hatte, ihn auszutesten, und dass der eigentliche Kampf noch bevorstand.
Aber er konnte endlich ihre enorme Lebensenergie spüren:
HP: 240.830 / 240.830
Selbst nach einem solchen Schlag hatte sie sich bereits selbst geheilt.
Asher sagte jedoch nichts. Er hob nur seine rechte Hand.
Aus dem Nichts erschien seine Ringklinge – eine ringförmige Waffe, die von dunkelgrünen Flammen umhüllt war und sich langsam in seiner Hand drehte wie ein Drache, der die Luft testet. Die verdammten Flammen zischten und knisterten an ihren Rändern und leckten hungrig und lebendig an der Leere selbst. Sie pulsierten im Rhythmus seines Herzens und schwangen im Einklang mit dem Willen ihres Meisters.
Ein leises Grollen hallte durch den Saal, als Valeria die Waffe erscheinen sah und mit geübter Anmut hinter ihren Rücken griff.
Dort, quer über ihren Rücken geschnallt, lag eine Klinge ganz anderer Art – ein schweres Schwert, nicht für Anmut, sondern für endgültige Vernichtung geschmiedet. Sie zog es in einer fließenden Bewegung, wobei das stumpfe, geschwärzte Metall sang, als es aus seiner Halterung sprang, und mit purpurroten Adern glühte. Doch bevor sie sich zu Asher umdrehte, hielt sie inne.
Unter ihrem Umhang, der träge an ihrem Hals rieb, streckte Twilight seinen Kopf hervor.
Valeria nahm ihr Schwert ein wenig zurück und sah Twilight an. Die Katze sah zu ihr auf und miaute – ein fröhliches, unschuldiges kleines Geräusch, das von der Spannung um sie herum völlig unbeeindruckt war.
Valeria bückte sich sanft, legte Twilight neben die Wand und sagte mit leiser Stimme: „Bleib hier.“
Twilight blinzelte langsam und wandte sich ab, ihr Schwanz schwang ruhig hin und her, während sie zu einer sichereren Ecke der Halle trottete.
Und dann – stand Valeria wieder aufrecht da.
Ohne ein Wort stürmten die beiden Seelen-Tyrannen aufeinander zu, ihre Füße schlugen wie Donner auf den Stein.
Ein verschwommener Fleck aus Purpur und Flammen.
Eine Welle aus verdammter Mana und kampferprobter Stahl.
Der Moment vor dem Aufprall fühlte sich endlos an.
Und dann –
Zusammenprall.
Sie sprangen in die Luft, ihre Waffen prallten in einer blendenden Explosion aus Kraft und Mana aufeinander.
Die Ringklinge traf das schwere Schwert in der Mitte seines Bogens, und die Halle schrie auf.
*BOOOOM!*
Eine Welle dunkelgrünen Feuers brach aus der Berührungsstelle hervor und prallte gegen Valerias Mana wie ein Ozean, der einen Berg verschlingen will. Die daraus resultierende Schockwelle zerschmetterte den scheinbar unzerstörbaren Boden unter ihnen, und Risse breiteten sich wie Spinnweben der Zerstörung aus.
Und sogar ein paar hundert Meter entfernt –
Rebecca wurde durch die Luft geschleudert.
Ihr Körper flog rückwärts durch die Luft, bevor sie völlig das Gleichgewicht verlor. Sie schlug hart gegen die Wand, und ein Stöhnen entrang sich ihren Lippen, während Staub und Trümmer von der Decke regneten.
Sie stöhnte und zog sich mit zitternden Armen wieder hoch. Ihre Sicht war von Rauch und Flammen getrübt, aber sie zwang sich, nach vorne zu schauen.
Und was sie sah, raubte ihr den Atem.
Über dem zerstörten Schlachtfeld schwebten Asher und Valeria immer noch in der Luft, ihre Waffen knisterten vor roher Kraft. Es war nicht nur Stärke. Es war etwas mehr.
Etwas Uraltes. Furchterregendes. Fast Göttliches.
Rebeccas Lippen öffneten sich langsam, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„… Monster …“
Nein – das war kein Kampf zwischen Kriegern.
Es war ein Kampf zwischen Göttern in sterblicher Gestalt.
Doch dann verzog sich ihr Mund langsam zu einem rasenden Lächeln, ihre Augen leuchteten mit einem wahnsinnigen Glanz, als sie erkannte, dass die Draconier und alle, die das Pech hatten, Ashers Feinde zu sein, sich den Tod wünschen würden!
Endlich … endlich konnte sie hoffen, dass sich diese elende Welt zum Besseren wenden würde!