Als Raziel regungslos auf dem Waldboden kniete, total verwirrt und versuchend, das gerade Geschehene zu begreifen, verlor die Zeit jede Bedeutung. Minuten oder Stunden vergingen – er konnte es nicht sagen.
Er wusste nur, dass, als er endlich wieder zu sich kam, die Welt um ihn herum anders klang und sich anders anfühlte. Das Zirpen der Insekten und das Rascheln der Blätter erfüllten wieder seine Ohren und ersetzten das ohrenbetäubende Heulen und Jauchzen der Werwölfe.
Raziel rappelte sich langsam auf. Sein Kopf pochte, seine Glieder zitterten und seine Kehle fühlte sich rau und ausgetrocknet an.
Das Gelächter der Werwölfe war verklungen und hinterließ ein trostloses Echo der Zerstörung.
Er näherte sich der Blutlache, in der Matrone Selene ihr grausames Ende gefunden hatte. Der Anblick des dunklen, gerinnenden Blutes im blutigen Mondlicht war eine brutale Erinnerung an die Grausamkeit, die er gerade erlebt hatte. „Matrone Selene …“, flüsterte er mit leiser Stimme, voller Trauer und Unglauben. Seine Finger zitterten, als sie das kalte Blut berührten, und die Realität ihrer Abwesenheit traf ihn wie ein Schlag.
Sie hätte alleine fliehen können, wenn sie gewollt hätte, aber sie hatte sich für ihn opfern lassen. Die Schuld lastete schwer auf seiner Brust und ließ seinen Körper zittern.
Aber ihre letzten Worte hallten in seinem Kopf wider.
Angetrieben von der verzweifelten Hoffnung, dass es vielleicht noch Überlebende gab, zwang sich Raziel, weiterzugehen, jeder Schritt schwerer als der vorherige. Das Dorf, einst ein Ort der Wärme und Gemeinschaft, lag nun in Trümmern, sein einst pulsierendes Leben in einem Moment der Grausamkeit ausgelöscht.
Als Raziel durch die Überreste seines Dorfes taumelte, herrschte eine gespenstische Stille, die nur vom leisen Knistern der letzten Flammen unterbrochen wurde. Der Anblick der brennenden Häuser war makaber. Die Flammen tanzten spöttisch um die verkohlten Überreste seiner Leute, deren verbrannten Gesichter in den letzten Augenblicken ihrer Qual erstarrt waren. Die Luft war erfüllt vom beißenden Geruch verbrannten Fleisches.
Einige der Leichen waren bereits zu Asche zerfallen, sodass sie nicht mehr zu erkennen waren.
Die Hitze in der Umgebung brannte auf seiner Haut und ließ ihn nach Luft ringen, aber er ließ sich davon nicht aufhalten.
Ihm wurde klar, dass die Werwölfe absichtlich sehr schwache Flammen benutzt hatten, um sie zu quälen und langsam zu verbrennen, und dieser Gedanke ließ sein Herz zusammenziehen.
„Mutter …“, würgte er hervor, während Tränen über sein Gesicht liefen. Es war das einzige Haus, das nicht in Flammen stand. Hatten sie sie verschont? Sein Herz pochte vor Angst, als er sich seinem Zuhause näherte, das Schlimmste befürchtend, aber dennoch an einem Funken Hoffnung festhaltend. Sein Haus, ein bescheidenes Gebäude, das so viele schöne Erinnerungen beherbergt hatte, stand nun unheimlich still da, die Tür stand offen und lud zu einem Gefühl der Verzweiflung ein.
Raziels Schritte hallten in der gespenstischen Stille wider, als er das Haus betrat, sein Herz sank vor Angst. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er den Anblick vor sich sah. Eine zerbrechliche Gestalt lag zusammengesunken auf dem Boden, um sie herum waren Blutflecken verstreut. Sein Atem stockte, als er seine eigene Mutter erkannte.
Ihr Körper war von den Flammen, die andere Häuser und Leichen verschlungen hatten, unberührt geblieben. Raziel hielt den Atem an, als er zu ihr eilte, Hoffnung und Angst kämpften in ihm.
„Mutter!“, rief er mit einer Stimme, in der sich Verzweiflung und schwache Hoffnung vermischten.
Mit zitternden Händen drehte er ihren Körper um und starrte entsetzt auf den Anblick, der sich ihm bot. Ihre einst so gütigen und liebevollen Augen waren ausgestochen, ihre Zunge grausam herausgerissen und ihre Ohren abgerissen. Blut bedeckte ihre Wangen, vermischt mit getrockneten Tränen, die von dem Grauen zeugten, das sie durchlebt haben musste.
Bei diesem Anblick drehte sich ihm der Magen um, und leise Schmerzenslaute entrangen sich seinen Lippen, als seine Gefühle ihn zu überwältigen drohten.
„Mutter …“ Er hob ihren Kopf sanft auf seinen Schoß und versuchte, das Blut von ihrem Gesicht zu wischen.
Es war, als hätten diese Monster gewusst, dass sie nichts mehr sehen konnte, und ihr dann auf grausamste Weise auch noch ihre anderen Sinne genommen, um sich zu amüsieren. Wie konnten sie das einer wehrlosen Frau antun, die noch nie jemandem etwas zuleide getan hatte?
Sie hatte noch nie in ihrem Leben eine Quest angenommen und wusste aufgrund ihrer Kindheit auch nicht, wie man eine Waffe benutzt.
Sein Herz zerbrach in Millionen Stücke, sein Verstand versuchte verzweifelt, das ganze Ausmaß dieser Tragödie zu begreifen.
Die Erkenntnis, dass seine arme Mutter solchen Qualen ausgesetzt gewesen war, war unerträglich. Jetzt verstand er, warum Großvater Caius gesagt hatte, dass er all die Jahre beschützt worden war und keine Ahnung von der grausamen Welt da draußen hatte.
Dann bemerkte er ihre geballte rechte Hand und öffnete sie vorsichtig. Darin lag ein kleines, spiegelähnliches Objekt. Es war ein Erinnerungsspiegel, der sanft leuchtete und sein lächelndes Gesicht zeigte.
Sie hatte ihn immer festgehalten, wenn er nicht da war, und es schien, als hätte sie bis zu ihrem letzten Atemzug für seine Sicherheit gebetet.
„AARRGHHHH!!!!“
Ein rauer, urwüchsiger Schrei der Qual und Wut entrang sich Raziels Kehle und hallte durch die Wände seines Hauses.
In der unheimlichen Stille, die auf Raziels qualvollen Schrei folgte, wanderte sein Blick zum Fenster, unwiderstehlich angezogen von dem unheimlichen Schein des Blutmondes. Der Nachthimmel, in Purpur und Schatten getaucht, umrahmte die majestätische Silhouette des höchsten Wesens, Drakaris.
Sein Schwanz, eine monumentale Ausdehnung beeindruckender Kraft, schwebte ätherisch vor dem Mondhintergrund, ein Symbol für Stärke und Vorherrschaft, das fast greifbar schien.
Der Anblick des mythischen Wesens, einer Gestalt von unvergleichlicher Macht, entfachte eine wilde Entschlossenheit in Raziels gebrochenem Herzen.
Er stand inmitten der Trümmer seines Lebens, die Überreste der Liebe seiner Mutter in der Hand, und eine Entschlossenheit, so unerschütterlich wie die Berge, fasste in ihm Wurzeln. „Wartet nur, ihr alle“, flüsterte er in die Stille, seine Stimme voller tiefer Entschlossenheit, „ich werde euch alle rächen.“
Angetrieben von einer unerbittlichen Entschlossenheit, fand sich Raziel auf dem gefährlichsten Berg wieder, den er kannte, der die Verkörperung seiner Suche nach Rache war. Legenden besagten, dass man den Gipfel dieses Berges erreichen müsse, um Drakaris in die Augen zu sehen, doch seit jeher hatte dies noch niemand geschafft, da die meisten entweder aufgegeben hatten oder bei dem Versuch gestorben waren.
Doch diese Tatsache schreckte den verzweifelten Raziel nicht ab, da ihm nichts anderes wichtig war, als den Gipfel zu erklimmen.
Die Umgebung war so gnadenlos wie die Trauer, die sein Herz umklammerte – eine beißende Kälte, die ihm ins Fleisch schnitt, Winde, die wie die Geister seines gefallenen Stammes heulten, und eine unerbittliche, eisige Kälte, die seinen Willen zu brechen suchte.
Jedes Haar seines Körpers stand zu Berge, als ein leises, aber unverkennbares Brüllen durch den Nebel unter ihm hallte.
Sein Herz raste, als er spürte, wie mehrere eiskalte Blicke von den Drachen, die ihn aus der Ferne beobachteten, auf ihn fielen.
Das ohrenbetäubende Flattern ihrer massiven ledrigen Flügel zerschnitt den Wind, und jeder Schlag ließ Raziel zusammenzucken.
Er fürchtete, dass er sie versehentlich beleidigt hatte und dass sie ihn dann vom Berg schlagen würden. Aber zu seiner Erleichterung schien keiner von ihnen näher zu kommen.
Jeder seiner Schritte war ein Kampf gegen die Gewalt des Berges. Das zerklüftete, mit Schnee und Eis bedeckte Gelände machte jeden Schritt zu einer Prüfung seiner Ausdauer und Entschlossenheit. Je höher er stieg, desto dünner wurde die Luft und desto beißender wurde die Kälte, aber sein Geist blieb unerschütterlich. Sein Atem bildete in der eisigen Luft Wolken aus Wasserdampf, jeder Atemzug ein Beweis für seine unerschütterliche Entschlossenheit.
Ohne Blut, das ihn am Leben hielt, schrie sein Körper vor Protest, seine Muskeln schmerzten vor Erschöpfung, seine Kehle war trocken und rau. Doch er kämpfte weiter, angetrieben von den Bildern des grausamen Todes seines Volkes, insbesondere von Matron Selene und seiner Mutter, deren ungerächt Seelen ihn vorantrieben.
Die Stunden wurden zu einer endlosen, qualvollen Tortur, der Berg schien sich bis ins Unendliche zu erstrecken. Raziels Sicht verschwamm, eine verwirrende Mischung aus Erschöpfung und dem unerbittlichen Weiß der Schneelandschaft. Dennoch kletterte er weiter, seine Finger taub, sein Körper zitterte unkontrolliert, aber sein Herz brannte vor entschlossener Entschlossenheit.
„Oh Allmächtiger …“, rief er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern im heulenden Wind, „hör mich. Bitte … lass mich mit dir sprechen.“ Seine Worte, die fast im Atem des Berges verloren gingen, waren erfüllt von einer Verzweiflung, die aus Verlust und Rachegelüsten geboren war.
Mit jedem Schritt wurde Raziels Körper schwächer, aber sein Geist, angetrieben von den Erinnerungen an das sanfte Lächeln seiner Mutter und das Lachen seines Stammes, wurde stärker. Er wusste, dass die einzige Hoffnung, sein Volk zu rächen, bei Drakaris lag. Seine einzige Hoffnung war, ihn um Hilfe zu bitten, um diese Monster zu bestrafen.
Unter dem wachsamen Blick des Blutmondes schleppte er sich weiter voran. Die Silhouette des legendären Wesens rückte immer näher, blieb aber frustrierend unerreichbar.
Am Rande der Erschöpfung begann Raziels Welt außer Kontrolle zu geraten, als er spürte, wie der grausame, unerbittliche Griff des Berges nachließ. Seine Finger, taub von Kälte und Müdigkeit, konnten sich nicht mehr an der rauen, eisigen Oberfläche festhalten.
Ein Gefühl der Verzweiflung überkam ihn, als er zu fallen begann und sein Körper der gnadenlosen Anziehungskraft der Schwerkraft erlag. Sein Herz, beschwert von unerfüllter Rache und der schweren Last des Versagens, schien für einen Moment stillzustehen.
„Nein … nein …“, flüsterte er, seine Stimme nur ein Hauch in der weiten, leeren Fläche. Die Namen und Gesichter seines Stammes, seiner Mutter, Matron Selene, blitzten vor seinen Augen auf: „Es tut mir leid, alle … Ich bin zu schwach …“ Die Worte hallten in seinem Kopf wider, ein letztes Eingeständnis der Niederlage gegenüber dem grausamen Schicksal, das ihn ereilt hatte, und gegenüber all denen, die er enttäuscht hatte.
Doch gerade als die Dunkelheit ihn vollständig zu verschlingen drohte, geschah etwas Wunderbares.
Raziel spürte, wie eine unsichtbare, mächtige Kraft ihn mitten im Fall auffing und ihn mit einer fast sanften, aber eindringlichen Dringlichkeit emporhob. Sein schlaffer, besiegter Körper wurde nach oben getragen, als würde er von den Händen einer unsichtbaren Gottheit gehalten.
Nach Luft schnappend öffnete Raziel ungläubig die Augen. Er wurde mit unglaublicher Geschwindigkeit nach oben geschleudert, der Wind heulte an ihm vorbei, ein Durcheinander aus tausend Flüstern. Der Boden unter ihm verschwand schnell und wurde zu einer fernen Erinnerung, während er immer höher stieg.
Innerhalb weniger Augenblicke verlangsamte sich Raziels Aufstieg und er fand sich auf der felsigen Oberfläche des Gipfels wieder. Der kalte, harte Boden unter ihm fühlte sich seltsam beruhigend an, eine solide Realität inmitten dieser surrealen Erfahrung. Er lag einen Moment lang da, nach Luft ringend, während sein Verstand versuchte, zu begreifen, was gerade geschehen war.
Doch plötzlich spürte er, wie der Wind um ihn herum verstummte und still wurde.
Die Stille auf dem Berggipfel war überwältigend, fast greifbar, während Raziels Herz in seiner Brust pochte. Er blickte nach oben, den Atem stockend, und sah ein Paar leuchtend rote Augen, riesig und unheimlich, die den Schleier der Dunkelheit durchdrangen und tief in seine Seele blickten.
Jedes Auge war eine leuchtende Kugel aus feurigem Rot, eingebettet in die dunklen Wolken, die ein unheimliches Licht ausstrahlte, das den Berggipfel in einen unheimlichen Schein tauchte. Die vertikalen Pupillen, schmal und scharf, schienen sein Wesen zu sezieren und seine tiefsten Ängste, seinen Schmerz und sein brennendes Verlangen nach Rache zu lesen.
Raziel stand wie angewurzelt da, klein und winzig neben dem riesigen Wesen vor ihm. Er fühlte sich wie ein Sandkorn vor einem hoch aufragenden Berg.
Er konnte nicht glauben, dass er wirklich vor dem legendären Drakaris stand!