Strax ging ganz ruhig weiter, seine festen Schritte hallten im Flur wider, während er zum Garten ging. Es war alles friedlich, aber er spürte, wie der Druck stieg.
Diana hatte ihm den Auftrag gegeben, Baraks Konvoi auszukundschaften, und obwohl es in seinen Augen einfach klang, stand viel mehr auf dem Spiel. Die Spannung in ihren Worten lag noch immer in der Luft. Und dann war da noch die Sache mit Kryssia. Obwohl er sich nicht gerne in persönliche Angelegenheiten einmischte, ließ ihn etwas in seiner Brust nicht gleichgültig bleiben.
Als er durch einen der Flure ging, wurde er von Xenovia unterbrochen, die dort stand und sichtlich nervös war. Sie sah ihn mit ernster Miene an, und Strax wusste schon, was sie sagen würde, bevor sie den Mund aufmachte.
„Wenn du Kryssia findest …“, begann Xenovia mit zitternder Stimme und flehendem Blick. „Bitte, rette sie.“
Strax blieb stehen und sah sie einen Moment lang unverwandt an. Er wusste, wie viel Kryssia Xenovia bedeutete, aber er wusste auch, wie schwer seine Entscheidung war. Er sah Xenovia mit einer Gelassenheit an, die die Ernsthaftigkeit des Augenblicks überspielte.
„Seit wann töte ich Freunde?“, antwortete Strax mit einem ruhigen Lächeln, fast desinteressiert. „Sie hat uns entkommen lassen. Wir stehen in ihrer Schuld.“
Xenovia schien erleichtert, aber in ihren Augen lag immer noch ein Schatten der Besorgnis. Sie wusste, dass Strax keine leeren Versprechungen machte, aber sie wusste auch, dass er zu pragmatisch war, um sich emotional in eine Mission zu verstricken. Er war ein Mann der Taten, nicht der Worte. Dennoch konnte sie sich einer Spur von Hoffnung nicht erwehren.
„Ich hoffe es“, sagte Xenovia leise und ballte nervös die Fäuste.
„Denn wenn jemand sie zurückbringen kann, dann du.“
Strax nickte nur, nicht weil er etwas versprach, sondern weil er die Bedeutung ihrer Worte verstand. Er wusste, dass er alles Notwendige tun würde, wenn er Kryssia fand. Aber die Entscheidung lag nicht in seiner Hand. Ihr Schicksal lag bereits in den Händen des Imperiums, und Strax blieb nur noch, dafür zu sorgen, dass er die Mission ohne Fehler erfüllen konnte.
Mit einem letzten Blick auf Xenovia drehte sich Strax um und setzte seinen Weg fort. Er spürte die Spannung in der Luft, die Last der Mission lastete schwer auf seinen Schultern. Der Garten war nicht mehr weit, dort konnte er sich vorbereiten. Er atmete tief ein, spürte die kühle Brise auf seinem Gesicht und ging durch eine Seitentür nach draußen.
Als seine Füße das Gras des Gartens berührten, begann Strax sich zu konzentrieren und seinen Geist auf das vorzubereiten, was kommen würde. Der sanfte Wind bewegte die Blätter der Bäume um ihn herum, und für einen Moment schloss er die Augen, nahm die Atmosphäre in sich auf und spürte die Berührung der Natur, die ihn umgab. Die Ruhe der Szene stand im Kontrast zu der wachsenden Spannung, die sich in ihm aufbaute. Es war Zeit zu handeln, und er wusste, dass die Mission sein ganzes Können und seine ganze Konzentration erfordern würde.
Dann sprang er mit einer fließenden Bewegung und beeindruckender Beweglichkeit in die Luft. Sein Körper dehnte sich plötzlich aus, als würde sich seine Gestalt auf fast übernatürliche Weise entfalten. In einem Augenblick war er nicht mehr der agile, berechnende Mann, sondern ein kolossales, imposantes und erhabenes Tier. Seine Muskeln verwandelten sich in rubinrote Schuppen, und seine Flügel breiteten sich aus, riesig, und durchschnitten die Luft mit urwüchsiger Kraft.
Die Verwandlung war schnell und majestätisch – ein Drache, dessen schlangenartiger Körper nun den Himmel über Vorah bedeckte und eine mächtige Turbulenz erzeugte, die sogar die Bäume vor der Wucht des Windes erzittern ließ. Seine göttliche Drachenform spiegelte die Größe seiner Macht wider, ein Wesen, das die Grenzen des Menschseins überschritten hatte, um zu einer mythischen Kreatur zu werden.
„Ich bin bald zurück“, hallte Strax‘ Stimme tief und voller Autorität durch das Haus. Selbst in seiner kolossalen Gestalt war die Kraft seiner Worte unerschütterlich und vermittelte Selbstvertrauen und ein Gefühl der Unausweichlichkeit. Der Klang hallte wie fernes Donnergrollen wider, und das Gewicht seiner Worte verbreitete sich in der Weite des Raumes.
Mit einem tiefen, kraftvollen Brüllen stieg er höher und suchte mit seinen Augen den Horizont ab. Wie ein riesiger Schatten bedeckte er den Himmel und bewegte sich mit einer Präzision und Anmut, die nur ein Wesen wie er erreichen konnte. Seine Flügel durchschnitten die Wolken, und der Wind, der nun mit hoher Geschwindigkeit wehte, breitete sich über das Land unter ihm aus und trug das Versprechen unkontrollierbarer Macht mit sich.
Dann flog Strax ohne zu zögern auf den Horizont zu, ein Streifen aus Feuer und Zerstörung am Himmel. Die Geschwindigkeit, mit der er sich bewegte, ließ es so aussehen, als hätte sogar der Wind Angst vor ihm.
Strax schnitt mit der Leichtigkeit eines Raubtiers durch den Himmel, seine Flügel schlugen präzise, jede Bewegung war genau berechnet. Je höher er stieg, desto mehr verschwamm die Landschaft unter ihm und die Wolken breiteten sich um ihn herum aus und hüllten ihn ein. Er wollte noch nicht entdeckt werden; er zog es vor, in den Höhen zu bleiben, wo seine Feinde ihn nicht sehen konnten.
Der Wind dort oben war kalt und beißend, aber Strax war darüber erhaben.
In seiner drachenartigen Gestalt schwebte er in tiefer Stille über den Wolken und beobachtete aufmerksam alles um sich herum. Von dort oben wirkte die Welt klein, das Land unter ihm war von einer dicken Wolkendecke bedeckt. Doch als er sich dem westlichen Rand näherte, begann etwas seine Sinne zu stören. Ein Druck, das Gefühl, dass sich etwas Großes näherte.
Er hielt einen Moment in der Luft inne und spürte die Vibrationen in seiner Umgebung.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Auren. Viele Auren. Fast wie ein Gewicht, das ihn umgab, eine dichte Schicht von Präsenzen, und das nicht nur wenige. Es waren so viele, dass der Himmel von ihrer Energie zu pulsieren schien. Strax spannte seine Muskeln an und spürte, wie sein Geist von den mächtigen Präsenzen überwältigt wurde, die sich an einem einzigen Punkt versammelten. Noch nie hatte er so etwas empfunden – eine so große Konzentration solch mächtiger Kräfte an einem Ort.
Er runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht. Noch nie hatte er eine so riesige Armee so nah gespürt. Die Kraft jeder einzelnen Aura war so stark, dass sie seine Wahrnehmung fast blockierte. Wie konnten sich so viele Soldaten so schnell versammeln? Er wusste nicht, was hier vor sich ging, aber irgendetwas formierte sich dort, etwas, das er noch nicht ganz verstand. Es war mehr als nur eine Armee. Es war eine vorrückende Macht, unerbittlich.
Mit einer schnellen Bewegung verwandelte sich Strax zurück, sein Körper schrumpfte und nahm in einem Augenblick wieder seine menschliche Gestalt an, ohne ein einziges Geräusch zu machen. Er schwebte in der Luft, nicht mehr mit der Erhabenheit eines Drachen, aber immer noch ruhig und wachsam. Seine Sicht war jetzt klarer, fokussierter. Er schwebte über der Armee, die auf das Herzogtum marschierte. Der Anblick vor ihm war beeindruckend, fast erdrückend.
Ein Meer von Soldaten bedeckte das Land unter ihm, ihre Rüstungen glänzten im Sonnenlicht, das sich in ihren scharfen Klingen widerspiegelte. Tausende von Kriegern marschierten in imposanten Reihen. Jeder ihrer Schritte ließ den Boden beben, und das Geräusch ihrer Stiefel auf dem Boden schien in der Weite widerzuhallen. Strax beobachtete alles schweigend, sein Gesichtsausdruck war ausdruckslos, seine Augen analysierten jede Bewegung mit Präzision.
Die Armee schien endlos zu sein. Es war kein Ende in Sicht. Er sah Fahnen mit unbekannten Symbolen wehen und die Vielfalt der Einheiten, die mobilisiert wurden. Einige hatten Magie in ihren Händen, andere verzauberte Waffen, die vor böser Energie pulsierten. Die Anzahl der mächtigen Wesen dort war alarmierend. Außerdem war die Art und Weise, wie sie organisiert waren, eindeutig darauf hin, dass es sich nicht um gewöhnliche Soldaten handelte. Es gab etwas sorgfältig Kalkuliertes, eine Kraft, die für diesen Moment ausgebildet und positioniert worden zu sein schien.
Strax rührte sich nicht und schwebte wie ein unsichtbarer Geist über der Armee. Seine Augen suchten scharf nach Anzeichen von Anführern, nach Hinweisen auf eine überlegene Kraft, die diese Masse befehligte. Barak … Er wusste, dass der General da war, aber er konnte keinen bestimmten Kommandoposten finden. Vielleicht war er versteckt, oder vielleicht wurde Strax einfach von der enormen Konzentration der Macht überschattet.
Sein Verstand arbeitete schnell und versuchte, die beste Strategie zu berechnen, um unentdeckt einzudringen, aber das Gefühl, dass die Schlacht bereits begonnen hatte, bedrückte ihn. Dies war nicht nur ein Angriff. Es war ein kalkulierter Marsch, eine Offensive mit dem klaren Ziel, das Herzogtum einzunehmen.
Strax schloss kurz die Augen und dehnte dann mit stiller Konzentration seine Aura aus. Sie breitete sich wie ein unsichtbares Feld aus, berührte alles um ihn herum und durchdrang jeden Winkel der feindlichen Armee, jeden Soldaten, jede Präsenz, die unter ihm marschierte. Sein Ziel war klar: Kryssia zu finden, irgendein Zeichen von ihr.
Und dann spürte er sie.
Es war, als wäre ein Teil von ihm weggerissen worden. Eine vertraute Aura, aber verzerrt, umhüllt von Schmerz und Leid. Strax blieb in der Luft stehen, seine Sinne schärften sich, um den Ursprung dieser Präsenz zu lokalisieren, die ihn rief. Er folgte ihr, seine Augen öffneten sich bereits und erblickten die Landschaft, die sich unter ihm ausbreitete.
Inmitten der Soldatenreihen sah er etwas, das herausstach. Eine Kutsche, schlicht im Aussehen, aber mit etwas Beunruhigendem an sich. Von Soldaten gezogen, war die Kutsche von einem Vorhang aus schwarzer Energie umgeben, der eine kalte und schwere Schwingung auszusenden schien. Hinten befand sich ein Käfig, das Gefängnis von jemandem – jemandem, den Strax erkannte. Sein Verstand wusste es bereits, aber sein Herz zog sich zusammen, als er sie sah.
In dem Käfig war Kryssia.
Aber sie war nicht mehr dieselbe. Strax spürte einen Kloß im Hals, als er sie sah. Kryssias Körper war verwüstet, auf grausame und unmenschliche Weise verstümmelt. Ihr Haar, das sonst so elegant und lebendig war, war verfilzt und mit getrocknetem Blut verschmiert. Ihre Haut war blass, fast leichenblass. Ihr fehlte ein Arm, der andere hing nutzlos an ihrer Seite.
Eines ihrer Beine war abgerissen worden, der Stumpf brutal abgetrennt, wie es nur jemand mit tiefem Hass tun konnte. Und eines ihrer Augen … war komplett zerstört, die Augenhöhle leer und von einem Schmerz gezeichnet, der jede physische Grenze überschritt.
Strax musste nicht mehr sehen. Was seine Augen bereits registriert hatten, reichte aus, um eine immense Wut in ihm zu entfachen. Kryssia, seine Freundin, seine Verbündete … Sie wurde wie eine Trophäe behandelt, wie ein Opfer von Folter, das sich nicht einmal wehren konnte. Der Anblick ihrer antimagischen Ketten, schwer und unerbittlich, war der letzte Schlag. Sie verhinderten jede Möglichkeit der Heilung oder Regeneration und beschränkten Kryssias Widerstand auf bloße Lebenszeichen.
Die Ohnmacht dieser Szene verletzte Strax mehr als jede Klinge es jemals hätte tun können. Er konnte die Grausamkeit derer, die ihr das antaten, nicht ganz begreifen. Jeder Teil seiner Seele schrie nach Rache, nach Gerechtigkeit. In diesem Moment hörte er eine leise Stimme in sich, etwas Viszerales, etwas Ursprüngliches und Reines, die nur ein einziges Wort sagte:
„Töte sie alle.“
Es war ein innerer Befehl, nicht in Worten ausgedrückt, sondern als Urinstinkt. Es gab keine Zweifel, kein Zögern. Der Schmerz, den er fühlte, die Wut, die Frustration … alles verdichtete sich zu diesem einen Wunsch. Die Welt um ihn herum schien zu verschwinden, als sich sein Geist ausschließlich auf diese Szene konzentrierte – Kryssia, gefoltert und gedemütigt, zu einem noch grausameren Schicksal geschleppt.
Der Wagen wurde weiter gezogen, die Soldaten marschierten weiter, ohne zu ahnen, dass ein Sturm auf sie zukam. Strax spürte Kryssias Aura, spürte ihren Schmerz, und das Verlangen nach Rache wurde mit jeder Sekunde stärker. Er war nicht mehr der Beobachter, er war der Vollstrecker.
Mit einer schnellen Bewegung näherte sich Strax der feindlichen Armee und schwebte lautlos über ihr. Er brauchte seine Drachenform nicht mehr. Seine Essenz, sein Wille waren bereits dort. Die Kraft, die er in sich spürte, reichte aus, um alles um ihn herum zu zerstören.
Die Entscheidung war gefallen. Es spielte keine Rolle, wie viele Feinde es gab. Es spielte keine Rolle, wie viele Soldaten mit ihren dunklen Absichten marschierten. Er würde sie vernichten. Jeden einzelnen. Ohne Gnade.