Die Felsen ächzten, wo sie sie festhielten.
Vinea lag halb unter einem eingestürzten Felsvorsprung aus geschwärztem Stein begraben, und mit jedem Herzschlag wurde ihr die Luft aus den Lungen gepresst. Ihr Schwert lag in der Nähe – in der Mitte der Klinge abgebrochen, sein geschmolzener Kern flackerte schwach wie eine sterbende Glut.
Der einst weiße Schnee dampfte nun gegen die Feuerfetzen, die aus ihren zerbrochenen Hörnern austraten.
Über ihr bebte der Boden.
Ein dröhnendes Lachen, kindlich und voller Aufregung, hallte über das Schlachtfeld.
„Komm schon!“, rief Gorrhan und hüpfte wie ein übergroßes Kind von einem Fuß auf den anderen, das um eine weitere Runde eines Spiels bettelte.
„Nicht aufhören! Du bist fast da – ich kann es spüren!“
Der riesige Dämon kam näher, seine steinernen Arme knisterten vor kaum zu bändigender seismischer Energie. Sein Rücken, der mit gezackten Stacheln übersät war, summte im Rhythmus seiner donnernden Schritte.
„Du bist stark!“, sagte er fröhlich. „Stärker als die kleinen Risse, die du verursachst!“
Gorrhan beleidigte oder griff Vinea nie an, wenn sie sich nicht wehrte – ein seltsamer Kampf, der sie zunächst verwirrte … aber der Dämon ähnelte kindlich dem Mann, den sie liebte.
Ein weiteres Grollen erschütterte das gefrorene Gelände, als er mit der Faust auf den Boden schlug, nicht auf sie, sondern neben sie. Eine Warnung. Ein Herzschlag.
Aber die Wucht erschütterte ihre Eingeweide, als sie Blut erbrach.
„Komm schon, hübsche Hörner! Zeig, was du drauf hast!“
Vinea biss die Zähne zusammen.
Ihr Körper weigerte sich, sich zu bewegen. Eines ihrer Beine war unter den Trümmern unnatürlich verdreht. Ihr Atem ging unregelmäßig, sie schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Jedes Zucken ihrer Finger schickte scharfe Schmerzen durch ihren Rücken.
Aber sie hasste ihn nicht.
Sie konnte es spüren – die Ehrlichkeit. Die Unschuld hinter der Kraft.
Gorrhan wollte sie nicht demütigen.
Er wollte sie aufwecken.
Der Schnee um sie herum schmolz langsam und bildete Dampfströme, die wie Geister in den trüben Himmel aufstiegen. Ihre geschmolzenen Hörner pulsierten einmal und verschwanden dann wieder in dumpfer Hitze.
Sie senkte die Stirn in die Armbeuge und biss die Zähne so fest zusammen, dass sie schmerzten.
Ihre Stimme war still.
Aber in ihrem Herzen regte sich ein Flüstern:
„Ich darf hier nicht aufgeben.“
„Nicht, wenn er mir einen Grund und die Kraft zum Kämpfen gegeben hat.“
„Nicht, wenn ich endlich … hell leuchten kann, so wie Liana!“
Der Stein über ihr verschob sich und verstreute Kieselsteine auf ihrem Rücken, aber sie spürte es nicht, da ihre Gedanken sich nach innen wandten, zu den wichtigsten Momenten ihres Lebens.
Zu dem Moment, als sie ihn zum ersten Mal traf …
Keine romantische Liebeserklärung, sondern eher eine Prüfung.
Falsche Gerüchte über ihn drangen an ihre Ohren, und sie schien ihn zu beobachten und zu beurteilen, ob er ihrer Schwester und der königlichen Familie würdig war.
Ryuji Vincenzo …
Ein Mann aus einer anderen Welt, den sie für einen weiteren schwachen „falschen Helden“ hielt, der als Kanonenfutter dienen sollte, damit Alan Zeit hatte, stärker zu werden… Er wurde zu jemandem, von dem ihre kleine Schwester Liana fast besessen war.
Für Vinea… für Prinzessin Anne war er ein Dorn im Auge, der viel zu tief steckte.
Er war wie ein Schwert, zu stur und weigerte sich, sich zu beugen.
Vinea hatte den Auftrag, über ihn zu urteilen.
Wenn er eine Gefahr darstellte, sollte sie dafür sorgen, dass er „beseitigt“ wurde.
Wenn er ein Betrüger war, sollte sie ihn entlarven.
Wenn er schwach war, sollte sie ihn vergessen.
Aber dann sah sie ihn kämpfen.
Nicht hinter Glas, nicht durch Flüstern oder Briefe.
In der Arena.
Der Boden war mit Blut getränkt, die Luft war voller Angst, und Asmodeus stand allein da, mit geradem Rücken, die Klinge an seiner Seite gesenkt, und sah Männern gegenüber, die ihn zahlenmäßig und waffentechnisch überlegen waren.
Er brüllte nicht.
Er gab nicht an.
Er kämpfte wie ein Lauffeuer – heftig, strahlend, unkontrolliert, nur in dem Sinne, dass er sich weigerte, sich unterkriegen zu lassen.
Sie hatte schon Krieger töten sehen.
Aber er war anders.
„Ich kann meinen Blick nicht abwenden … er ist wunderschön“, erinnerte sie sich, während ihr Herz immer schneller schlug und sie kaum noch Luft bekam.
„Er ist anders … Ich muss gegen ihn kämpfen, mit ihm reden!“
Als der Sand in der Arena schwarz von vergossenem Blut war und er immer noch atmete, gebrochen, aber ungebrochen, spürte Vinea, wie sich ihre Hand gegen ihren Willen bewegte und sich auf ihre Brust drückte.
Nicht aus Pflichtgefühl.
Nicht aus Vorsicht.
Aus Ehrfurcht.
Es war das erste Mal, dass sie ihre Mission in Frage stellte.
Das erste Mal, dass sie sich fragte, ob ihre Schwester Linea nicht verzaubert worden war –
– sondern einfach die Erste, die ihn richtig gesehen hatte.
Der Schnee um sie herum bewegte sich erneut, Feuer pulsierte in ihren Adern, langsam und stetig, und zum ersten Mal begegnete sie ihm, der seine Titel wie eine Rüstung trug:
Prinzessin. Wächterin. Richterin.
Sie sollte ihn beobachten, nicht fühlen.
Aber das änderte sich, als sie ihn zum ersten Mal kämpfen sah.
Dort, im Staub und Blut der Grigor-Arena, kämpfte Asmodeus ohne Fahnen oder Lieder – nur im brutalen Rhythmus des Überlebens. Er suchte keinen Ruhm. Er beugte sich nicht der Angst.
Sie hatte von oben zugesehen, steif neben Linea stehend und so getan, als würde sie nichts fühlen.
Aber ihre Hände hatten sich an ihren Seiten geballt.
Ihr Herz hatte sich zusammengezogen.
„Nicht die Macht“, dachte sie, selbst jetzt noch, als die Erinnerung in ihrer Brust brannte. „Es war nie seine Macht, die ich geliebt habe.“
„Es war sein Wille.“
Die Art, wie er kämpfte. Die Art, wie er sich weigerte, aufzugeben, selbst als die Götter selbst gegen ihn zu sein schienen. Und als Vinea an ihre Grenzen stieß – als ihr sterblicher Körper, so treu und so zerbrechlich, nicht mehr mithalten konnte …
Er hatte sie nicht mitleidig angesehen, ihr gesagt, sie solle niederknien, sondern ihr nur seine Hand gereicht.
„Werde stärker“, hatte er gesagt.
„Wähle deine eigene Stärke, deinen eigenen Weg.“
Es war keine Erlösung gewesen. Aber es war eine Wahl, und er hatte sie nicht gerettet.
Er glaubte, dass sie sich selbst retten konnte.
Die Hitze in Vineas Adern kochte hoch und knisterte gegen die zerbrochenen Felsen um sie herum. Ihr zerbrochenes Schwert zischte, goldene Lichtadern zogen sich durch die zerklüftete Klinge. Ihr Schwanz, einst schlaff und zerfetzt, zuckte jetzt und wurde scharf.
„Er war es immer.“
„Die Stärke, um die ich ihn beneidet habe.“
„Die Stärke, die ich erreichen wollte.“
„Derjenige, den ich …“
Die Worte brannten sich in ihr Herz.
Das Feuer in ihr konnte sich endlich nirgendwo mehr verstecken.
Es brach nach oben hervor – nicht wild, sondern scharf – und durchzog ihren zerbrochenen Körper in präzisen Linien, nähte ihre Muskeln zusammen und verschmolz ihre zerschmetterten Knochen.
Ihre Hörner, einst abgesplittert und zerbrochen, leuchteten an den Wurzeln silbern geschmolzen, an den Spitzen golden, und Adern aus Feuer verzweigten sich über ihre gesamte Länge wie lebende Flüsse der Hingabe.
Ihr Schwert, gespalten und unbrauchbar, begann zu summen.
Goldenes und silbernes Licht webte sich durch die Risse und verband den zerbrochenen Stahl nicht mit Metall, sondern mit einer gemeinsamen Absicht. Die Trümmer, die sie festhielten, verschoben sich – und lösten sich dann in Luft auf, denn die Hitze war zu rein, zu konzentriert, als dass toter Stein ihr widerstehen konnte.
Vinea richtete sich auf, atmete langsam und gleichmäßig, obwohl das Blut noch immer von ihren Fingern tropfte.
Sie hob ihr Schwert.
Ein einziges Wort formte sich auf ihren Lippen – ohne laut ausgesprochen zu werden.
„Brenn.“
Die Luft wölbte sich nach innen, als würde sich die Welt selbst vor dem Befehl verneigen.
„Klinge des Kaisers.“
Die Verwandlung veränderte ihre Silhouette nicht dramatisch. Keine Flügel. Kein tosender Flammensturm.
Nur eine Verfeinerung.
Ihre Rüstung war an den Rändern geschwärzt, und komplizierte, feuergeätzte Symbole zogen sich entlang ihrer Taille und Oberschenkel. Vineas einst schlichter Schwanz hatte sich zu einer geschmolzenen Speerspitze verformt, die golden hinter ihr flackerte.
Und ihre Klinge – ihre Klinge reflektierte kein Licht mehr.
Sie war Licht.
Ein silber-goldenes Inferno in Form eines schmalen Langschwerts, dessen Kern mit jedem Schlag ihres Herzens pulsierte.
Auf der anderen Seite des Schlachtfeldes hielt Gorrhans massiger Körper mitten in der Bewegung inne. Er blinzelte und sein einfacher, aufgeregter Gesichtsausdruck hellte sich noch mehr auf.
„OHHH!“, jubelte er und klatschte seine riesigen, steinernen Hände so laut zusammen, dass der Frost von den nahe gelegenen Klippen herunterfiel.
„Da ist es! Da ist es!“
Er schlug sich mit den Fäusten gegen die Brust, sodass die Steinplatten vor Freude vibrierten.
„Jetzt können wir wirklich kämpfen!“
Ihr erster Schritt hinterließ eine geschmolzene Linie im Frost, eine perfekte Naht aus glühendem silbernem Feuer im Schnee.
„Für ihn.“
„Nur für ihn.“
Sie hob ihr brennendes Schwert.
Ihre Augen – einer golden, einer silbern – spiegelten keinen Hass wider.
Sondern Hingabe, die zu einer Waffe geschärft war.
Anders als die anderen Frauen, deren Kraft nur dazu diente, das Bild zu schützen und zu erreichen, den jungen Mann in der Arena, der ihr Herz gestohlen hatte.
Die Erde bebte unter ihren Stiefeln.
Vineas Klinge, geschmolzen und lebendig, schnitt mit jedem Schritt eine brennende Spur durch den gefrorenen Boden. Aus jedem Fußabdruck, den sie hinterließ, zischte Dampf. Ihre Hörner leuchteten wie zwei Sonnen hinter ihrer Stirn, das geschmolzene Gold und Silber warf wilde Schatten über das zerfetzte Schlachtfeld.
Vinea gegenüber zitterte Gorrhans Gestalt, seine steinernen Arme brachen unter dem Druck von Vineas Aura, aber ein Lächeln blieb auf seinem Gesicht. Die Stacheln auf seinem Rücken vibrierten und erzeugten ein wunderschönes, tiefes Echo, das für menschliche Ohren zu leise war.
„Das ist es!“, rief er, seine Stimme dröhnte wie eine Festtrommel.
„Darauf habe ich gewartet!“
Vinea antwortete nicht.
Das musste sie nicht.
Ihre Klinge antwortete für sie und leuchtete heller, als sie vorwärts stürmte.
Der erste Zusammenprall war ohrenbetäubend.
Ihr brennendes Schwert traf mit einem lauten Klirren auf seinen massiven Unterarm, Flammen und Steinsplitter explodierten in einer kreisförmigen Schockwelle nach außen. Eis brach, Klippen splitterten.
Der Schneesturm selbst wich um sie herum zurück und hinterließ eine hohle, stille Lücke inmitten des Sturms, wo nur noch Feuer und Stein aufeinanderprallten.
Vinea wich trotz des Kampfes nicht zurück, sondern stürmte weiter vorwärts!
Ihre Klinge grub sich tief in Gorrhans granithartem Fleisch, geschmolzene Linien brannten sich in seine massiven Fäuste – aber nicht tief genug. Seine Schläge kamen mit titanischer Kraft zurück, jeder Schlag schlug gegen ihr Schwert oder ihre Schultern, wobei eine leise Schockwelle sie nach hinten taumeln ließ und selbst durch ihre verzauberte Rüstung blaue Flecken hinterließ.
„Gut! Noch einmal!“, lachte Gorrhan, seine Stimme hell vor purer Freude.
„Tu mir mehr weh! Zeig mir, was er dir gegeben hat!“
Sie brüllte wortlos und schlug erneut zu, ein horizontaler Hieb, der brennendes silbernes Feuer über seine Brust spritzte. Gorrhan grunzte und wich einen halben Schritt zurück. Für einen Moment sah es so aus, als würde er fallen, aber stattdessen lächelte er noch breiter.
Der Boden unter ihm barst – nicht durch sie, sondern durch ihn.
Er schlug seine steinernen Fäuste aufeinander.
Die Luft zitterte.
„Was ist hier los?“, keuchte Vinea mit verzerrter, dämonischer Stimme.
Doch es kam keine Antwort, als Gorrhans Stacheln hellweiß aufblitzten – und dann …
„Bruch!“, sagte er grinsend.
„Zerbröckelndes Tor.“
Die Schockwelle war keine Explosion. Es war ein Einsturz.
Das Gelände bog sich nach innen in Richtung Gorrhan, während sein steinerner Körper von innen überhitzt wurde. Seine Arme glühten vor vulkanischer Hitze. Jeder seiner Schritte ließ die Knochen der Erde vibrieren.
Er rollte seine Schultern.
Dampfende Steinbrocken fielen von seinen Armen und enthüllten darunter verstärkte Obsidianmuskeln, die vor roher, brutaler Energie strotzten.
„Jetzt“, sagte Gorrhan und duckte sich tief wie ein Sprinter.
„Mal sehen, wer von uns zuerst fällt!“