Claude öffnete die Augen, musste sie aber sofort wieder zusammenkneifen, weil das grelle Licht ihm in den Augen brannte.
Er blinzelte ein paar Mal und zwang sich, sich daran zu gewöhnen, bevor er langsam aufstand.
Um ihn herum erstreckte sich eine riesige weiße Fläche, die endlos weit reichte.
Kein Himmel. Kein Boden. Nur leere Leere, wie in einer Isolationszelle in einer Irrenanstalt – kalt, steril und erstickend.
„Oh … richtig. Ich bin tot“, murmelte er, während die Erinnerung mit einem dumpfen Schmerz in ihm aufstieg.
Sein Blick schweifte durch die Leere, seine Lippen verzogen sich zu einem ironischen Grinsen. „Was ist das hier? Ein Warteraum vor dem Jüngsten Gericht? Werde ich endlich dieser sogenannten Göttin der Bastardkirche begegnen und für meine Sünden verdammt werden?“
Er rieb sich das Kinn und tat so, als würde er nachdenken. „Ich habe viele ihrer Leute getötet.“
Trotz seines sarkastischen Tons entfuhr ihm ein schwerer Seufzer. Seltsamerweise fühlte er sich ruhig. Doch unter dieser dünnen Fassade der Gleichgültigkeit regte sich etwas in ihm – ein bitteres, unausgesprochenes Bedauern.
Seine Gedanken wanderten zurück zu der einzigen Wärme, die er je gekannt hatte.
Dalia.
Das tränenüberströmte Gesicht seiner Mutter tauchte vor seinem inneren Auge auf, wie ihre Arme seinen zerbrochenen Körper umschlungen hatten, wie ihre Stimme vor Trauer gezittert hatte.
„Ich habe geschworen, ihr nie wehzutun … und doch wurde ich am Ende ihr größter Herzschmerz.“
Er biss die Zähne zusammen. Die Schuld nagte an ihm und eiterte wie eine alte Wunde.
Aber dann kam Wut – Wut auf sich selbst.
Wie konnte er nur verlieren?
Er hatte Jahre damit verbracht, seine Fähigkeiten zu verbessern, Theos Grimoires zu studieren, Kacodämonen, Daimonen, Bestien und sogar sogenannte heilige Krieger zu töten.
Seine Macht hatte viele in den Schatten gestellt. Und trotzdem war er einem geschwächten Heiligen unterlegen?
Lächerlich.
Claude hockte sich hin und umklammerte seinen Kopf. Es war lächerlich. Trotz seines Talents, seiner Mana und seines verdammt guten Aussehens hatte er verloren.
„War es, weil ich es mit diesem verfluchten Blut unterdrückt habe?“ Seine Finger gruben sich in seine Kopfhaut.
„Das muss es sein. Deshalb war ich so schwach …“
Frustration brodelte in ihm.
Doch plötzlich hallte eine Stimme in seinem Kopf wider.
[Ding!]
Ein leuchtender Bildschirm erschien vor ihm, auf dem sich der Text einbrannte.
[Die Voraussetzung ist erfüllt.]
[Erwachen: Der Herr der Katastrophen.]
Claude erstarrte und riss die Augen auf.
„Das … ist das nicht das legendäre System?“
Aufregung durchströmte ihn und verdrängte die Verzweiflung.
„Aber warum zum Teufel tauchst du jetzt auf, wo ich schon tot bin?“ Claude fuhr sich frustriert mit den Fingern durch die Haare.
[Ding!]
[Das Erwachen der zerbrochenen Seele des Herrn der Katastrophe beginnt.]
„Hä? Was zum Teufel soll das heißen?“
[Vorgang abgeschlossen! Die zerbrochene Seele des Herrn der Katastrophe wurde vollständig in den Wirt – Claude – integriert.]
Claude erstarrte. „Warte, was? Mein Körper?! Was meinst du mit meinem Körper? Was zum Teufel machst du mit meinem Körper?“ Seine Stimme wurde panisch, aber es kam keine Antwort.
Stattdessen blinkte eine weitere Benachrichtigung vor ihm auf.
[Zeit bis zur Zerstreuung der Seele: 5 Minuten 59 Sekunden.]
„Hey! Antworte mir! Hallo?“
Claude stöhnte und drückte frustriert seine Finger gegen seine Schläfen.
Doch bevor er irgendetwas begreifen konnte, materialisierte sich vor ihm ein großer Bildschirm, auf dem eine erschreckende Szene zu sehen war.
Sein Körper – sein eigener Körper – war aufgewacht. Seine Augen, die jetzt rot wie frisch vergossenes Blut waren, glänzten mit einer unheimlichen Intensität.
Er streckte die Hand aus, packte den Heiligen mit übermenschlicher Kraft am Hals – und löschte ihn aus.
Claude stockte der Atem. „Heilige Scheiße …“
Die Darstellung ging weiter. Sein Körper schoss in die Luft und verwandelte mit einem einzigen Zauberspruch das gesamte schneebedeckte Land in ein Meer aus Feuer.
Heilige Ritter schmolzen zu schreiender Glut, ihre Rüstungen zerfielen wie Papier. Selbst die Priesterin – ihre Arme wurden zerfetzt, bevor der Bildschirm abrupt schwarz wurde.
Claude schluckte schwer.
„Diese … diese Art von Macht …“ Er konnte kaum glauben, was er gerade gesehen hatte.
Dann traf ihn ein Gedanke wie ein Blitz. „Die zerbrochene Seele des Herrn des Unheils … in meinem Körper?“
Seine Gedanken eilten zurück zu etwas, das Claris ihm einmal erzählt hatte – eine Prophezeiung, die durch die Jahrhunderte geflüstert worden war.
„Der Nachkomme von Calamity wird von der Hexe geboren werden.“
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. „Also … bin ich der Nachkomme dieses Lords?“, murmelte er zögernd.
Ein tiefes Lachen hallte durch die Leere.
„Du bist aber langsam.“
Claude zuckte zusammen. Er drehte seinen Kopf in Richtung der Stimme und seine Augen weiteten sich beim Anblick dessen, was er sah.
Dort stand ein Mann – sein exaktes Spiegelbild, und doch völlig anders. Größer. Robuster. Seine Statur strahlte rohe Kraft aus, und seine blutroten Augen funkelten wissend und amüsiert.
Claude verkrampfte sich. „Du … du bist derjenige in meinem Körper.“
„Ich bin es“, sagte der Mann lässig. „Ich bin die größte Angst der Welt, ihr schlimmster Albtraum.“
Seine Stimme hatte ein beunruhigendes Gewicht – eines, das Claude den Atem stocken ließ.
„Ich bin der letzte Splitter der Seele des Herrn des Unheils, der als Verteidigungsmechanismus in deinen Körper implantiert wurde.“
Ein Grinsen huschte über seine Lippen. „Weil du zu schwach warst.“
Claude kniff die Augen zusammen. „Nun, ich bin erst siebzehn.“
Der Mann spottete. „Ich hab keine Zeit für deine Ausreden. Ich werde bald verschwinden und wieder in den Schlaf zurückkehren, bis du mich brauchst.“
Er trat einen Schritt vor, seine Präsenz war erdrückend. „Aber bevor ich gehe … lass mich mich vorstellen.“
Die Luft um sie herum knisterte, als er seinen Namen aussprach.
„Ich bin Donovan Vlad Calego. Und jetzt werde ich dir mein Vermächtnis übergeben.“
Claude erstarrte und nahm jedes Wort in sich auf. Aber seine Gedanken kreisten wild. „Ich dachte, du wärst grausam. Arrogant. Unhöflich.“
Donovan lachte leise. „Oh, das bin ich auch. Aber ich bin auch der sanfteste Teil seiner Seele – die Überreste seiner Güte und Macht.“
Claude presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Ich verstehe …“ Aber er hatte noch Fragen.
„Aber warum hast du mich ausgewählt? Ich bin nur ein normaler Mensch auf der Erde. Ich bin weder gutaussehend noch intelligent oder besonders.“
„Ah … das.“ Donovan neigte den Kopf. „Du bist doch beeindruckend.“ Sein Grinsen wurde breiter.
„Du hast deinen Freund die Treppe hinuntergestoßen, nur um ihm seine Rolle in einem Theaterstück wegzunehmen. Du hast alle deine Feinde in deinem ersten Leben verletzt und beseitigt.“
Er hielt inne.
„Du hast auch die unverzeihlichste Sünde begangen, die ein Mensch begehen kann.“
Claude erstarrte. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar.
„Aber das Interessanteste daran?“ Donovans Stimme sank fast zu einem Flüstern. „Du erinnerst dich nicht einmal an das meiste davon, weil du nie gedacht hast, dass das, was du getan hast, etwas Falsches war.“
Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
Claude atmete aus und rieb sich den Nacken. „Das ist … unangenehm. Aber ich nehme es mal als Kompliment.“
Es war das erste Mal, dass jemand ihn für seine Boshaftigkeit lobte.
Donovan trat näher und bohrte seinen blutroten Blick in ihn. „Claude, du wirst ein Lord sein – ein Herrscher über ein Königreich. Als dessen Anführer musst du dich entscheiden.“
„Macht, Weisheit und Güte.“
„Was wirst du wählen?“
Claude verstummte, seine Gedanken kreisten. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen – Donovans überwältigende Macht.
Dass die Kirche nun von seiner Identität wusste. Dass der Herr des Unheils zurückgekehrt war.
Es gab nur eine Antwort. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Ich brauche Macht.“ Seine Stimme zitterte nicht. „Ich brauche die Kraft, um die Kirche zu vernichten.“
Donovan grinste. „Ich wusste, dass du das sagen würdest.“
Er streckte seine Hand aus.
Claude zögerte – dann ergriff er sie.
„Ich werde dir das Wissen um die Macht gewähren. Jetzt geh.“
„Schreib deine blutige Geschichte mit deinen eigenen Händen. Schlachte deine Feinde. Vernichte alle, die sich dir entgegenstellen.“
„Aber vor allem beschütze diejenigen, die du am meisten liebst.“ Seine Stimme wurde sanfter. „Ich vertraue dir mein Königreich an. Pflege und schätze es, so wie ich es einst getan habe.“
„Und wenn wir uns wiedersehen … erwarte ich, dass du die Welt erobert hast.“
Bevor Claude antworten konnte, durchfuhr ihn ein Ruck. Seine Sicht verschwamm, die weiße Leere um ihn herum brach zusammen.
Dann wurde es dunkel.
***
Claude riss die Augen auf. Sein Körper fühlte sich wieder real an, er lebte noch!
Aber irgendetwas stimmte nicht. Etwas drückte schwer auf seine Brust. Mit gerunzelter Stirn schob er die Decke beiseite und erstarrte.
Ein Mädchen lag ausgestreckt auf ihm und schlief tief und fest.
Claude erstarrte. „Was zum Teufel?!“