Kais Schritte hallten in dem stillen Flur wider und standen in krassem Gegensatz zu dem Aufruhr, der in ihm tobte. Die Enthüllung von Jiang Chen hatte einen bitteren Geschmack in seinem Mund hinterlassen, den selbst die besten Weine des Lotus-Pavillons nicht wegspülen konnten. Sie waren nur Schachfiguren in einem größeren Plan, Köder für einen hochrangigen Dämon, und dieser Gedanke verletzte Kais Stolz.
Er ballte die Fäuste, während die Frustration unter seiner ruhigen Fassade brodelte. Doch er schluckte den Protest, der ihm auf der Zunge lag; seine derzeitige Stärke – oder vielmehr deren Mangel – erstickte seine Stimme des Widerspruchs.
Jiang Chens Worte „Komm morgen wieder, wir müssen die restlichen Dämonen töten“ hingen wie ein Urteil in der Luft und ließen keinen Raum für Widerrede. Kai nickte nur und fasste einen festen Entschluss. Die morgige Gruppenexpedition würde eine Chance sein, seinen Wert zu beweisen und die Fesseln seiner vermeintlichen Schwäche abzuschütteln.
Der Weg zurück zu seiner Unterkunft verlief schweigend, Ye Lin an seiner Seite. Sie teilten sich den Weg, aber keine Worte, jeder war in seine eigenen Gedanken versunken. Als sie sich trennten, blieb Kais Hand an der Tür zu seinem Zimmer hängen, das Holz fühlte sich kühl an. Mit einem leisen Klicken schloss sich das Schloss und schirmte ihn von der Welt ab.
Drinnen war das Zimmer sein Zufluchtsort, ein Ort, an dem er die Last der Erwartungen ablegen und die Einsamkeit genießen konnte, die das Training erforderte. Kai ging seiner Routine nach, die vertrauten Bewegungen gaben ihm Halt, während er versuchte, sein Training bis an seine Grenzen zu treiben.
Sein geistiges Auge konzentrierte sich auf den bevorstehenden Durchbruch und er stellte sich die Welle der Kraft vor, die ihn mit einem Schlag an die Spitze der nächsten Stufe katapultieren würde.
Das erste Licht der Morgendämmerung fiel durch das Fenster und tauchte den Raum in goldene und bernsteinfarbene Töne. Kai stand auf, sein Körper war eine Karte seiner neu gefundenen Entschlossenheit. Heute würde er nicht am kostenlosen Frühstück im Pavillon teilnehmen. Stattdessen sehnte er sich nach dem kräftigen Geschmack eines Tieres der Stufe 3, einem Luxus, den er sich während seiner Zeit in der Abyss-Welt gegönnt hatte.
Die Erinnerung an diesen Geschmack hielt sich hartnäckig und erinnerte ihn an die Kraft, nach der er sich sehnte.
Ein leises Klopfen an der Tür kündigte sein Frühstück an. Die Magd kam rein, ihre Bewegungen anmutig und leise, als sie das dampfende Gericht auf den Tisch stellte. Der Duft stieg in die Nase, reichhaltig und verlockend. Sie schenkte einen besonderen Alkohol ein, dessen bernsteinfarbene Flüssigkeit das Licht einfing, und setzte sich dann Kai gegenüber, ihre Anwesenheit ein stilles Angebot, ihm Gesellschaft zu leisten.
Kai fand jedoch keinen Trost in der Gesellschaft von Fremden. Mit einem höflichen Nicken entließ er sie, und sie zog sich mit der Professionalität einer Person zurück, die an die Launen der Gäste des Pavillons gewöhnt war. Wieder allein, genoss Kai den ersten Bissen, dessen Aromen seinen Gaumen explodieren ließen. Er musste zugeben, dass die Kochkünste des Küchenchefs seine eigenen übertrafen.
Während er aß, fasste er einen neuen Entschluss. „Ich werde meine Kochkünste auf ein hohes Niveau bringen“, überlegte er, und dieser Gedanke festigte sich mit jedem Bissen. Vorerst waren das Training und das Kochen seine beiden Leidenschaften, die einzigen Beschäftigungen, die sein Interesse weckten.
Das Essen endete mit einem Schluck Alkohol, dessen Wärme einen angenehmen Kontrast zur kühlen Morgenluft bildete. Kai stand auf, seine Schritte waren leicht und zielstrebig.
Er verließ den Pavillon und ging an denselben Ort wie gestern.
Als Kai sich dem Treffpunkt des Dämonentötungsteams näherte, hing der frühe Morgennebel wie ein Leichentuch über dem Boden. Die Luft war voller Vorfreude, und der Geruch von feuchter Erde vermischte sich mit dem metallischen Geruch von gezücktem Stahl. Ye Lin war bereits da, ihre Silhouette zeichnete sich gegen das Morgenlicht ab, das Schwert, das sie an ihre Brust drückte, glänzte wie ein eigenständiges Lebewesen.
Kai beobachtete sie einen Moment lang, verwirrt von der Ehrfurcht, die sie ihrer Klinge entgegenbrachte. Für ihn war eine Waffe lediglich eine Verlängerung des eigenen Willens, ein Werkzeug zum Überleben, nichts weiter.
Doch da stand sie, eine Wächterin, deren Hingabe an das Schwert unerschütterlich war, als wäre es ihr Lebensatem. Kais Blick wanderte zu den anderen vor ihm.
Die Lichtung war voller subtiler Bewegungen erfahrener Krieger, deren Anwesenheit still von gewonnenen Schlachten zeugte. Unter ihnen befand sich Yue, ein Rätsel, das sich in die Gestalt eines sterblichen Mädchens hüllte.
Sie verfügte über keine sichtbaren Kräfte, ihre Haltung wies keine der für Kai vertrauten Anzeichen von Kampfkunst auf. Es war ein Rätsel, das ihn beschäftigte – wie konnte jemand, der so zerbrechlich wirkte, solchen Respekt einflößen?
Kais Gedanken waren wie ein Strudel, der ihn immer tiefer in seine Gedanken zog. Der Weg des Schwertes war ein edler Weg, aber ohne die Grundlage des Qi, die Stärkung des Körpers und die Pflege der Seele war es ein Weg, der in den Abgrund führte. Wie konnte sie nicht sehen, dass die Grenzen des Körpers Ketten waren, die keine noch so große Geschicklichkeit zerreißen konnte? Die Zerbrechlichkeit des Lebens war ein Feind, den kein Schwert besiegen konnte.
Seine Träumerei wurde durch die Ankunft von Jiang Chen unterbrochen, der von zwei Gestalten begleitet wurde, deren Alter sich wie Linien auf einer Landkarte in ihre Gesichter eingegraben hatte. Sie bewegten sich mit einer Anmut, die ihr Alter Lügen strafte, und ihre Augen strahlten die ruhige Zuversicht der alten Bäume aus, die sie umgaben.
Jiang Chens Vorstellung war kurz: „Das sind Jiang Tai und Li Mu, die Säulen unseres Teams.“ Ihr Nicken war eine stille Begrüßung, eine Geste, die in der Sprache der Krieger Bände sprach.
Jiang Chens Stimme durchbrach die morgendliche Stille: „Wir sind zu sechst. Das ist unsere gesamte Streitmacht.“ Seine Worte hingen in der Luft, eine Herausforderung an die Vorstellung, dass Stärke in der Zahl liege. „Qualität vor Quantität“, sagte er, und Kai spürte, wie diese Worte in ihm nachhallten. Das Team vor ihm war eine Klinge, geschmiedet im Feuer unzähliger Schlachten, geschliffen bis zur Rasierklinge.
„Ihr zwei habt Glück“, fuhr Jiang Chen fort, „die Entscheidung unseres Anführers, euch zu rekrutieren, ist selten.“ Kai sah Yue an, deren Präsenz trotz ihrer unscheinbaren Erscheinung beeindruckend war. Sie war ein Rätsel, ihre Stärke eine unsichtbare Kraft, die ihn anzog. Er konnte ihre Macht nicht ermessen, aber es war eine Kraft, die selbst die erfahrenen Tier-4-Krieger an ihrer Seite in den Schatten zu stellen schien.
In der stillen Morgendämmerung versammelte sich das Dämonentötungsteam, ein Bild der Bereitschaft vor dem Hintergrund einer erwachenden Welt. Yue stand an der Spitze, ihre Stimme kündigte ihre Mission an: „Unsere Aufgabe ist die gleiche wie gestern. Ihr beide lockt die Dämonen heraus und dient als Köder für die größeren Bedrohungen, die außerhalb unserer Sichtweite lauern. Fürchtet nicht um euer Leben, wir wachen über euch.“
Ihre Erklärung ließ keinen Raum für Widerspruch, ihre Zuversicht war eine unnachgiebige Kraft, die keine Gegenargumente duldete. Kais Lächeln war ein ironisches Zucken seiner Lippen, ein stilles Eingeständnis der Sinnlosigkeit jeglichen Widerstands. Yues Wille war eisern, ihre Entscheidungen absolut.
In diesem Moment mischte sich Jiang Chen ein, sein Vorschlag durchbrach die Spannung: „Bildet ein Team, ihr beiden. Zusammenarbeit wird die Last der bevorstehenden Aufgabe erleichtern.“
Seine Worte waren wie eine Rettungsleine in einem Meer der Ungewissheit, eine Strategie, um die Gefahr zu mindern, der sie gegenüberstanden.
Kais Blick suchte Ye Lin, auf der Suche nach einem Hinweis auf ihre Gedanken. Ihr Nicken war die einzige Antwort, die er brauchte – eine stille Zustimmung, ein wortloser Pakt, geschmiedet in der Feuerprobe der Notwendigkeit. Sie würden zusammenstehen, vereint gegen die Dunkelheit, die sie erwartete.
Wie schon am Tag zuvor trug Jiang Chen sie in die Höhe, während die Welt unter ihnen immer kleiner wurde, als sie in Richtung Wüste flogen. Diese öde Weite war ein Niemandsland, eine Pufferzone zwischen dem nördlichen und dem südlichen Kontinent, deren Sand ein stiller Zeuge des Schreckgespenstes des Krieges war, der nie ganz Wirklichkeit geworden war.
Kais Gedanken kreisten um das Rätsel der Wüste. Es war ein verbotenes Reich, ein Ort, den weder Menschen noch Dämonen leichtfertig betreten durften. Der Kern war eine Leere, in die sich viele gewagt hatten, aber niemand zurückgekehrt war, ein Geheimnis, das von unaussprechlichen Gefahren flüsterte.
Dennoch hatten die Dämonen die Grenze durchbrochen und waren mit einer Raffinesse, die die Öde der Wüste Lügen strafte, in den nördlichen Kontinent eingedrungen. Wie hatten sie die tödliche Umklammerung des Sandes umgangen? Die Antwort lag am Rande, in den Gebieten, die von dem Bann verschont geblieben waren – einer Wüste dem Namen nach, aber nicht ihrer Natur nach.
Diese riesige Fläche war von einer natürlichen Chaosformation umgeben, einem unsichtbaren Labyrinth, das herkömmliche Angriffe sinnlos machte und Unvorsichtige in seiner trügerischen Umklammerung gefangen hielt. Es war ein Ort, an dem die Struktur der Realität selbst zu verzerren schien, ein Labyrinth ohne Ende.
Kai dachte über die Auswirkungen und den strategischen Vorteil eines solchen Ortes nach. Es war eine natürliche Festung, deren Verteidigungsanlagen von der Welt selbst geschaffen worden waren. Um sich in diesem tückischen Gelände zurechtzufinden, brauchte man mehr als nur Geschicklichkeit; man musste das Chaos verstehen, das hier herrschte.
Als sie hinabstiegen, breitete sich vor ihnen die Wüste aus, eine endlose Leinwand aus sich verschiebenden Sanddünen und verzerrter Luft. Die Sonne stieg höher und ihre Strahlen brannten gnadenlos auf die Erde und ließen die Farben verblassen.
Die Hitze war greifbar, ein Gewicht, das auf ihnen lastete und einen anstrengenden Tag versprach.
Kai und Ye Lin betraten den Sand, dessen Körner wie ein glühender Teppich unter ihren Füßen brannten. Sie bewegten sich zielstrebig vorwärts, jeder Schritt eine Trotzreaktion gegen den Anspruch der Wüste auf ihr Schicksal. Sie waren zwar Köder, aber nicht hilflos. Sie waren Krieger und würden nicht aufgeben.