Der Thron war an der Basis gesprungen.
Hinter ihnen lagen große Obsidianplatten zerbrochen, und dort, wo Mephistos letzter Zauber eingeschlagen war, flackerten noch immer Flecken göttlichen Lichts. Der Geruch von Schwefel und Blut hing in der Luft, vermischt mit Frost, Asche und etwas Älterem.
Asmodeus richtete sich langsam auf.
Das rote Glitzern seiner Axt fing das sterbende Leuchten der Ruinen über ihm ein. Sein zerrissener und verbrannter Umhang flackerte noch immer von der Restwärme seiner Aura.
Hinter ihm lag Riel, wo er sie hingelegt hatte. Die Barriere flimmerte schwach – dort, wo die Zauber des Hohepriesters aufeinanderprallten, bildeten sich Risse, aber sie hielt vorerst noch stand.
Mephisto hatte sich nicht bewegt.
Der Gott des Todes stand oben auf dem Thronpodest, seine Roben flatterten leicht, obwohl es windstill war. Seine Augen – schwarz in Schwarz – blinzelten nicht.
„Du blutest“, sagte er schließlich.
Seine Stimme klang … amüsiert. Nicht spöttisch, sondern unheimlich sanft.
Wie ein Leichenbestatter, der eine Leiche bewundert, bevor er den Sarg verschließt.
Asmodeus sagte nichts.
Er zuckte einmal mit den Schultern und machte einen Schritt vorwärts.
Die Wärme der zurückeroberten Zitadelle drang durch die zerstörte Decke, wo göttliche Kämpfe den Stein gespalten und den Himmel aufgerissen hatten. Es lag kein Schnee mehr. Kein Schneesturm, kein Frost. Nur versengter Marmor, herumwirbelnde Asche und das ferne Rauschen des Windes, der durch zerbrochene Säulen strich.
Das Eis war verschwunden.
Nur die Schlacht blieb zurück.
Mephisto beobachtete ihn mit stiller Neugier, wie er die zerbrochene Treppe hinunterstieg. Seine Roben hingen regungslos, unberührt von Wind oder Hitze. Seine Augen – noch dunkler als das Grab – reflektierten überhaupt kein Licht.
„Du blutest“, sagte Mephisto leise.
Seine Stimme war ruhig, wie die eines Priesters, der eine letzte Zeremonie vollzieht. „Du trägst ihre Hoffnungen wie eine Rüstung. Und sieh – sie bricht.“
Asmodeus senkte seine Axt leicht, das Metall summte leise. Er machte einen weiteren Schritt.
„Sie leben noch“, sagte er.
„Dann lass mich das korrigieren“, antwortete Mephisto.
Er hob seine Hand. Keine große Geste. Kein Zauberspruch.
Und der Boden unter Asmodeus leuchtete rot, dünne Runenlinien, gewunden wie Adern in polierten Knochen. Sie pulsierten einmal, zweimal –
Knack.
Der Boden explodierte nach oben in einer Wolke aus schwarzen Steinspeeren, jeder mit einem Todeszeichen versehen.
Asmodeus bewegte sich zu schnell, um etwas zu erkennen. Er drehte seine Axt zur Seite und zerschmetterte die erste Reihe zu Trümmern, dann die nächste. Die Druckwelle schleuderte Staub und Feuer in alle Richtungen und hüllte ihn vollständig ein.
Ein Atemzug verging.
Von oben kam Mephisto herab.
Seine Stangenwaffe war jetzt eine Sense – riesig, silbern und gebogen wie das Lächeln eines Gottes.
Die Waffe schrie durch die Luft und schlug direkt auf Asmodeus‘ Schulter ein.
Aber –
Klang!
Axt traf Sense, Funken und Asche sprühten durch die Luft.
Asmodeus‘ Stiefel schleiften über den Boden und hinterließen geschmolzene Spuren.
Er atmete durch zusammengebissene Zähne aus.
„Du bist verzweifelt.“
Mephisto neigte den Kopf, als sie den Griff lösten und zurücktraten. „Ich habe Könige getötet.“
Asmodeus hob seine Axt erneut, tief an der Seite, wie ein Tier, das zum Sprung ansetzt.
„Versuch mich zu töten.“
Mephisto bewegte sich wie das Jüngste Gericht.
Jeder Schwung seiner Sense war keine Waffe – er war das Ende.
Und Asmodeus … hatte Mühe, mitzuhalten.
Die Klinge des Todesgottes zerschnitt die Luft in sauberen, flüsternden Bögen. Nicht laut. Nicht theatralisch. Aber präzise. Zu präzise.
Jeder Zusammenprall ihrer Waffen grub sich tiefer in den Stein unter ihren Füßen und sandte Wellen durch die Knochen des Schlosses. Die schwarze Festung blutete Magie, die Wände zitterten, golddurchzogenen Risse breiteten sich über einst heilige Runen aus.
Asmodeus duckte sich tief unter einem Hieb, der ein Stück der Säule hinter ihm wegschlug, drehte sich und schlug mit seiner Axt in einem schwungvollen Bogen zurück.
Mephisto wich aus. Mühelos. Ruhig.
Der Gott stöhnte nicht. Er schwitzte nicht. Er war einfach … über allen Verletzungen.
„Ich sehe es“, sagte Mephisto, parierte und trat zur Seite, als würde er einen Tanz unterrichten. „Du hältst dich zurück.“
Asmodeus biss die Zähne zusammen und zwang Mephisto mit drei schnellen Schlägen zum Rückzug. Sein Atem ging stoßweise, aber seine Hände zitterten nicht.
„Ich kämpfe nicht zum Spaß.“
„Dann wirst du für deinen Stolz sterben.“
Die Sense schlug erneut zu.
Diesmal traf sie ihn.
Ein flacher Schnitt über seinem Jochbein. Gerade genug, um Blut zu vergießen – aber die Wunde rauchte, als würde sie sich dagegen wehren, real zu sein.
Er wich nicht zurück.
Aber etwas veränderte sich.
Ein Atemzug blieb ihm in der Kehle stecken – nicht aus Erschöpfung, sondern wegen dem unverkennbaren Gefühl, dass ihm etwas entglitt. Ein Faden, der im Dunkeln riss.
Es war keine Angst.
Nicht ganz.
Sondern etwas Kälteres, das tiefer vergraben war als sein Instinkt.
Ein Druck breitete sich unter seinen Rippen aus. Nicht aus Schmerz. Nicht aus Müdigkeit. Es fühlte sich an wie ein zweiter Herzschlag, der nicht zu ihm gehörte – ein Echo, das von weit her herüberhallte.
Es gab keinen Schrei.
Nur Stahl, der heftig aufeinanderprallte, weit entfernt und doch scharf genug, um die Hitze des Kampfes zu durchdringen.
Dann ein weiteres Geräusch: Seide, die zerriss, eine Stimme, die seinen Namen keuchte – nicht sanft, nicht liebevoll, sondern trotzig. Levia.
Seine Augen verengten sich, nicht vor Panik … sondern vor Wut.
Vinea.
Asmodea.
Lumina.
Sie kämpften immer noch.
Aber nicht die Priester. Etwas Schlimmeres.
Er konnte es spüren – das schwache, unverkennbare Gefühl, dass seine Verbindung strapaziert wurde. Ihre Mana flammte heftig auf, verzweifelt. Er konnte sie nicht sehen, und diese Tatsache schmerzte tiefer als jede Wunde.
In diesem Moment brach die Zurückhaltung.
Mephistos Sense kam erneut, ein sauberer diagonaler Hieb, der Knochen und Stolz mit einem einzigen Schlag trennen sollte.
Aber diesmal –
blockierte die Axt den Schlag nicht.
Sie stoppte ihn.
Die Schockwelle zerriss die Luft. Eine Welle, tiefer als Donner, breitete sich aus, während Asmodeus regungslos dastand und das goldene Siegel auf seiner Brust mit neuer Hitze aufloderte.
Dann begann die Welt zu brennen.
Asmodeus hob seine Axt mit beiden Händen und fing die Klinge ab – aber diesmal rutschten seine Stiefel nicht weg.
Die goldenen Linien auf seiner Brust begannen zu leuchten.
Mephisto erstarrte.
Die Augen des Gottes verengten sich, nicht vor Überraschung, sondern vor Erkenntnis.
„Du bist dabei, einen Fehler zu begehen“, sagte er leise.
Asmodeus sagte nichts.
Die Hitze stieg.
Sein Umhang zerfiel an den Rändern, Fäden lösten sich in Licht und Blut auf. Sein Körper stieß Dampf aus. Das goldene Siegel über seinem Herzen pulsierte einmal. Dann noch einmal.
Die Wunde an seiner Wange verschloss sich. Dann flammte sie auf.
Und sein nächster Atemzug ließ den Boden bersten.
Bumm.
Die Kammer gab nach.
Asmodeus‘ Gestalt wurde dämonischer, seine Gestalt als Dämonenkaiser dehnte sich rasch aus, während sein Herz sich zusammenzog und dämonisches Blut schneller und in größeren Mengen durch seinen Körper pumpte.
Magie – nicht dämonisch, nicht heilig, sondern königlich – strömte in alle Richtungen und drückte wie eine steigende Flut gegen die Wände.
Mephisto trat einen Schritt zurück, nicht aus Angst.
Sondern um sich vorzubereiten.
Asmodeus‘ Gestalt wuchs – nicht an Größe, sondern an Präsenz.
Schwarze Flammen brachen um seine Wirbelsäule hervor. Seine Hörner reckten sich wie eine Krone aus Klingen nach hinten. Seine Haut verdunkelte sich zu einem dunklen Bronze, seine Muskeln waren von hellen Adern durchzogen. Seine Axt glühte rot, Runen entzündeten sich an ihrem Griff.
Aber es waren seine Augen –
Sie waren nicht sanft.
Sie waren saphirblau und von Leere umrandet.
Der Dämonenkaiser war erwacht.
Er wandte sich Mephisto zu.
Und sprach.
„Du hast einen Fehler gemacht.“
Der Gott neigte den Kopf. „Nur einen?“
„Du hast meine Frauen bedroht.“
An anderer Stelle, in den zerstörten Hallen von Zar’Kaleth …
Die Wände bluteten Schatten.
Einst prächtige Korridore – jetzt Kriegsgebiete – brannten vor aufeinanderprallender Magie, die Überreste heiliger Schutzzauber schmolzen unter dem Feuer der Dämonen. Die Deckenbalken hingen halb zerbrochen herunter, mit Todesriten aus Knochenstaub und Blut verziert.
Und inmitten der Trümmer kämpften sie.
Levias Schild barst erneut, als ein Knochenhammer darauf schlug – eine stumpfe, monströse Waffe, die von einem riesigen Mann in einer Kathedralenrobe geschwungen wurde.
Der Kardinal der Hungersnot, abgemagert und doch aufgebläht, lachte bei jedem Schlag, und Speichel tropfte aus den Schlitzen seines Schleiers.
„Komm schon, du Hund!“, knurrte er. „Wo ist dein Gebell? Wo ist dein König jetzt?“
Leviás Füße rutschten weg, ihre Knie gaben unter dem Aufprall nach – aber sie fiel nicht.
Sie konnte nicht.
Asmodeus war immer noch in der Thronhalle. Ganz allein.
Genau wie sie.
Sie biss die Zähne zusammen, Blut lief ihr aus der Schläfe. „Immer noch lauter als dein Atem, du Fresssack.“
Das Knurren des Kardinals wurde tiefer.
Sein Körper zuckte grotesk, seine Haut pulsierte, als wäre sie über zu viel Fleisch gespannt. Eine Masse sich windender Zungen schlitterte unter seinen Ärmeln hervor.
Weiter unten im Korridor –
Asmodea drehte ihre Finger, und eine purpurrote Spirale aus Rosendornen entfaltete sich um sie herum wie eine Peitsche. Ihr blutverkrustetes Haar klebte an ihrer Wange, aber ihr Grinsen war ungebrochen.
Der Kardinal der Stille schwebte wie ein Geist in einer Priesterrobe über die zerbrochenen Fliesen, sein Mund war zugenäht, sein Gesicht ausdruckslos.
Keine Worte. Nur Druck.
Die Stille um ihn herum lastete wie eiserne Gewichte.
Jedes Mal, wenn sie ausatmete, versuchte er, ihre Stimme zu ersticken.
Aber sie summte weiter – gerade laut genug, um ihn zu erschrecken.
„Du bist gar nicht so furchterregend, Liebling“, flüsterte sie und wischte sich einen Tropfen Blut von den Lippen. „Du bist wie ein Schlafgesang ohne Schlaf.“
Die Luft wurde stickig.
Ihre Dornen schlugen um sich.
Ein schwarz-silberner Blitz schlug sie zur Seite – und dann war er weg. Hinter ihr. Vor ihr. Nirgendwo. Überall.
Asmodeas Lächeln verschwand zum ersten Mal.
„Okay. Du bist irgendwie unheimlich.“
Ein Schrei durchdrang die hallenden Hallen – nicht ihrer.
Vinea.
Auf der anderen Seite des zerstörten Vorraums prallte ihre Klinge gegen die des Kriegs-Kardinals.
Eine Frau – groß, mit Armen wie verdrehten Speeren und Augen, die durch Schlitze in einer Stahlmaske weiß leuchteten. Sie bewegte sich wie eine besessene Kommandantin. Jeder Schlag drängte Vinea zurück, unerbittlich, mechanisch, gnadenlos.
„Zeig mir, was Stärke für dich bedeutet“, zischte der Kardinal mit einer Stimme wie schleifendes Eisen. „Dein Schwert singt – aber ist es aus Liebe oder aus Stolz?“
Vinea spuckte Blut.
„Beides.“
Sie prallten erneut aufeinander.
Nicht weit von ihnen klammerte sich Lumina an die hohen Mauern – ihre arachniden Gliedmaßen bohrten sich bei jeder Bewegung in den Stein. Sie webte schnell, ihre Seide bildete tödliche Geometrien in der Luft.
Ihre Gegnerin zuckte nicht mit der Wimper.
Der Kardinal der Pest, eine große, kränkliche Gestalt in einer Robe, aus der Sporen bluteten, hob einfach eine Hand.
Ein schwarzer Nebel explodierte nach oben und verfaulte die Ränder ihrer Fäden, bevor sie sich formen konnten.
„Du bist schnell“, krächzte er. „Aber ich bin bereits in deinem Blut.“
Luminas Hände hörten nicht auf.
„Ich hatte schon einmal Gift in mir“, zischte sie. „Dieses hier wird mich auch nicht töten.“
Aber ihr Atem ging stoßweise.
Die Luft selbst kämpfte gegen sie. Die Zitadelle verzerrte sich an den Rändern, das Licht verdrehte sich, der Raum faltete sich. Das waren keine Sterblichen mehr.
Und sie auch nicht.
Jede der Kaiserinnen taumelte. Jede trug Wunden, die sie längst hätten zu Fall bringen müssen. Ihre Magie schwand. Ihre Gestalten flackerten. Die Wände rückten näher, wurden dunkler.
Sie standen immer noch.
Aber die vier Kardinäle waren keine gewöhnlichen Priester.
Sie waren der Gipfel der Hingabe. Die letzten Hände des Gottes des Todes.
Und sie waren am Gewinnen.
Bis –
ein Impuls die Zitadelle erschütterte.
Nicht von ihrem Kampf.
Aus dem Herzen des Thronsaals.
Die blutrote Aura von Asmodeus erhellte jeden Winkel des schwarzen Palastes. Risse zogen sich durch den Stein, aber diesmal nicht vom Verfall.
Von Erneuerung.
Levia blinzelte durch ihren Schleier aus Schmerz. Ihr Herz schlug schneller.
„Er verändert sich.“
Und dann –
Eine Stimme.
Sie war nicht zu hören.
Sie war zu spüren.
„Du hast meine Frauen bedroht.“
Und das Blatt begann sich zu wenden.