Der Aufprall hallte wie ein Trommelschlag, der durch gefrorenes Glas knallte.
Kristallene Adern spalteten sich unter ihren Füßen und krochen in zerklüfteten Netzen über den verspiegelten Boden. Säulen zitterten.
Turmspitzen barsten.
Und etwas Tieferes begann nachzugeben.
Der Palast sah nicht mehr wie eine Festung aus.
Er war zu einem zerfallenden Geist geworden.
Jede Oberfläche wurde reflektierend.
Geschwungen, verzerrt.
Lebendig.
Um sie herum schwebten Fragmente, die sich in einer sanften Drehung drehten, während sie das sterbende Licht einfingen. Jeder Splitter enthielt eine Version von ihr selbst. Keine Illusionen. Erinnerungen.
Ein verspieltes Lächeln in Form einer Sukkubus.
Eine gekrönte Silhouette, die hoch über einem Hof aus Frost thronte.
Eine zitternde Hand, die Tränen wegwischte.
Eine Gestalt, die jemandem im Schlaf einen Namen zuflüsterte.
Ein Spiegel zeigte ihr, wie sie ihn beobachtete. Immer beobachtete.
Aus den Augen einer anderen Frau.
Keine Königin.
Keine Rivalin.
Nur ein Schatten, der sich gegen ein Fenster drückte, das sich nie öffnete.
Sie wandte ihr Gesicht ab, aber die Bilder folgten ihr und umkreisten sie wie ein Urteil.
Die Klinge in ihrer Hand zuckte. Das Eis zischte auf dem Boden. Der Sturm gehorchte noch immer ihren Befehlen, aber selbst sein Rhythmus begann zu schwanken.
Er hatte noch nichts gesagt.
Aber er war auch nicht zurückgewichen.
Er näherte sich langsam.
Bedächtig.
Jeder Schritt zischte auf dem Frost, und mit jedem Abdruck stieg Dampf auf.
Er näherte sich ihr nicht nur.
Er beanspruchte das Schlachtfeld für sich.
Ihre Hellebarde hob sich erneut. Der Wind wirbelte enger, ein Wirbelsturm aus kalter Magie, gebunden an einen Thron, der nicht mehr standfest war.
„Ich habe alles gegeben“, sagte sie mit dünner Stimme. „Alles, was sie gefühlt hat. Alles, was ich wollte.“
Er antwortete nicht.
Ein letzter Spiegel schwebte zwischen ihnen, seine Oberfläche glatt wie unberührter Schnee.
Darin stand eine andere Frau, mit warmer Haut und menschlich, mit sternenhellen Augen und einem Lächeln, das niemanden sonst erreichte.
Hinter ihr stand eine zweite Gestalt. Vertraut. Beobachtend, still, für immer zurückgelassen.
Das Spiegelbild sprach nicht.
Es urteilte nicht.
Es wartete einfach darauf, dass sie es sah.
Sie starrte es an.
Die Hellebarde fiel ihr aus der Hand.
Das Geräusch war leise, aber endgültig.
Hinter ihr stürzten Türme ein wie erschöpfte Lungen. Die Bögen knickten nach innen ein, unfähig, das Gewicht der zu Fäulnis gewordenen Hingabe zu tragen. Frost blätterte in langsamen Schichten von den Wänden und gab den Blick frei auf nichts als Dunkelheit und Staub.
Der Spiegelpalast löste sich in Nebel auf.
Nur der rissige, schneebedeckte Boden blieb zurück.
Und er.
Nicht mehr vor einem Thron.
Nur noch eine Frau.
Ihrer Göttlichkeit beraubt.
Oh Namen.
Die Hellebarde fiel.
Aber ihre Knie nicht.
Noch nicht.
Sie blickte durch ihren silbernen Haarvorhang nach oben, öffnete die Lippen und atmete flach. Mit jedem Atemzug füllte eine Welle frostigen Atems die Luft.
Der Palast war zerfallen. Ihre zweite Gestalt flackerte an den Rändern, Hautflecken zerbrachen zu Frost, bevor sie sich mit gezackten Impulsen instabiler Magie wieder zusammensetzten.
Etwas in ihr schrie.
Nicht vor Wut.
Vor Schmerz.
Sie machte einen wankenden Schritt nach vorne.
Dann noch einen.
Aber die, die ging, war nicht mehr die Königin.
In ihrem Körper verschob sich der Schleier.
Das Eis brach gerade so weit auf.
Eine sanftere Stimme drückte sich an die Oberfläche – warm, schmerzhaft, verängstigt.
Riel.
Das Original.
Die Sukkubus.
Sie war noch nie so stark gewesen.
Aber sie hatte es nie sein müssen.
Denn sie war immer in seiner Nähe gewesen.
Und das hatte immer gereicht.
Bis es nicht mehr reichte.
Asmodeus sah es.
Ihre Augen hatten sich verändert.
Der hohle silberweiße Schimmer war verschwunden.
Jetzt schimmerten sie schwach violett.
Und feucht.
„Bitte“, flüsterte sie.
„Lass es mich versuchen … noch einmal.“
Ihre Arme hoben sich zitternd. Magie flammte wild und unkontrolliert auf – die eine Hälfte gehörte dem monströsen Willen der Königin, die andere Hälfte einer Frau, die um seinen Blick bettelte.
Sie rannte los.
Ohne Technik.
Ohne Muster.
Nur ein gerader, verzweifelter Ansturm über den zerstörten Frost.
Asmodeus rührte sich nicht. Nicht bis zum letzten Moment.
Er schwang seine Axt einmal und zog sie nach hinten.
Dann trat er in den Schwung.
Die flache Seite der glühenden Klinge traf ihre Brust wie ein Donnerschlag.
Eine Schockwelle zeriss die Luft.
Schnee wurde in einem weiten Ring nach außen geschleudert. Ihr Körper flog rückwärts – ein Lichtstreifen, der ins Herz des Sturms geschleudert wurde.
Danach war es völlig still.
Er atmete langsam aus.
Er ließ die Waffe auf seiner Schulter ruhen.
Es begann wieder zu schneien, diesmal sanft und leise.
Er schaute nicht hin, wo sie gelandet war.
Noch nicht.
Als er es schließlich tat, lag sie auf dem Rücken, die Arme über den Matsch ausgebreitet, die Hellebarde neben ihr wie eine gefallene Fahne im Boden steckend.
Ihr Haar schimmerte nicht mehr.
Ihre Rüstung war zerbrochen.
Und ihre Augen, noch immer offen, starrten zum Himmel.
Sie lächelte.
„Ich hab’s gespürt“, sagte sie leise mit einem kindlichen Kichern. „Du hast mich nicht gehasst.“
Asmodeus starrte sie schweigend an, bevor sein Blick zur Seite huschte, voller Verlust, Enttäuschung und Schuldgefühlen.
„Es liegt nicht an dir …“, flüsterte er. „Sondern an ihr …“
„Eh?“
Riels Augen weiteten sich, ihre dunkle Haut war mit eisigem Schnee bedeckt, und die Wut, die Raserei und die starken Emotionen in ihren Augen verschwanden. Sie lösten sich in Nichts auf. Doch die gefrorenen Tränen, die über ihre Wangen liefen, blieben wie ein gefrorener Fluss, der im Winter geformt worden war.
Asmodeus sagte nichts.
Er ging langsam auf sie zu, der Sturm teilte sich vor ihm.
Er kniete nieder und legte eine Hand auf ihre Brust.
„Riel … Es tut mir leid, dass ich so spät gekommen bin.“
Er sprach nicht zu der eisigen und bitteren Königin, dem monströsen Ungeheuer, das Leben verschlang, sondern zu der Sukkubus, die er zu retten versprochen hatte.
Zu der Frau, die er liebte.
Zu der Frau, die ihn umsonst geführt hatte.
Zu der Frau, die ihn gerettet hatte, als alles dunkel war.
Ihre Augen flackerten, zitterten und weiteten sich, als sie Asmodeus schweigend ansah.
Ihr Atem dampfte nicht mehr in der Luft.
Aber er hatte nicht aufgehört.
Er war flach. Zerbrechlich.
Lebendig.
Schnee bedeckte ihre Wangen und klebte an den Tränen, die auf halbem Weg gefroren waren, eine Kette der Trauer, die unter ihrem Kinn hing.
Die zerbrochene Rüstung auf ihrer Brust fiel in Stücken auseinander, nicht mehr von Magie oder Wut zusammengehalten. Darunter kam ihre Haut zum Vorschein – wieder weich, wieder dunkel, nicht mehr von der blassen Maske einer Königin überzogen.
Nur Riel war noch da.
Er hielt seine Hand noch einen Moment länger auf ihrer Brust.
Nicht um sie zu heilen.
Nicht um ihr wehzutun.
Nur um ihren Herzschlag zu spüren.
Den echten.
Schwach.
Gleichmäßig.
Ungebrochen.
Ihre Finger zuckten und streiften den Rand der zerbrochenen Hellebarde neben ihr.
Sie versuchte nicht, danach zu greifen.
Sie versuchte nicht, wieder zu sprechen.
Stattdessen atmete sie mit einem schwachen, bitteren Lächeln aus.
„Ich habe die Kälte immer gehasst“, flüsterte sie.
Asmodeus sah auf sie herab, ohne Grausamkeit. Ohne Triumph.
Nur Stille.
Er streckte langsam die Hand nach ihrem Gesicht aus und wischte mit dem Daumen eine gefrorene Träne weg.
Der Wind drehte.
Nicht mehr so scharf wie zuvor – jetzt war er sanfter. Immer noch kalt, aber nicht mehr beißend.
Hinter ihm knirschten leise Schritte im Schnee.
Levia tauchte als Erste auf und stützte sich schwer auf ihren zerbrochenen Turmschild. Ihre Rüstung war versengt. Ihr Atem ging flach. Aber sie stand aufrecht da.
„Sie lebt?“, fragte sie.
Asmodeus nickte.
„Kaum.“
Vinea humpelte als Nächste heran, das Leuchten ihrer geschmolzenen Klinge war nun matt, ihre Flamme flackerte wie ein sterbender Stern.
„War das wirklich sie?“, fragte sie.
„Es war immer sie“, sagte er. „Aber jetzt glaube ich nicht, dass sie weiß, wer wer ist.“
Lumina näherte sich als Letzte, das leise Klopfen ihrer zerbrochenen Spinnenbeine hallte wie Skeletinstrumente nach. Ihre roten Augen ruhten auf der gefallenen Frau.
„Sie sieht friedlich aus“, murmelte sie.
„Das ist das erste Mal“, sagte Asmodea, trat mit verschränkten Armen neben sie und sprach mit leiser Stimme.
„Das erste Mal, dass sie aufgehört hat, etwas anderes zu sein.“
Sie standen einen Moment lang so da – die vier Frauen neben dem König und schauten nicht auf ein Monster, sondern auf einen Geist, der noch atmete.
Es begann zu schneien.
Nicht wie ein Sturm, sondern wie ein Vorhang, der sich schließt.
Eine seltsame Stille legte sich über sie, nicht laut, nur distanziert.
Etwas war zu Ende gegangen.
Aber es war kein Sieg.
Noch nicht.
„Wir tragen sie“, sagte Asmodeus und stand auf.
„Wenn sie aufwacht … wird sie für ihre Taten büßen.“
„Und wenn sie nie aufwacht?“, fragte Levia.
Er drehte sich nicht um.
„Dann hat sie es bereits getan.“
Asmodeus sagte es leise, aber die Bedeutung seiner Worte rollte über sie hinweg wie ein Donnerschlag, der unter dem Schneefall gedämpft wurde.
Er sah jetzt niemanden von ihnen an – nur den Horizont, wo der Himmel auf die tote Eisfläche traf, wo der Wind keinen Geruch trug, wo nichts außer Krieg wartete.
Doch die kleine Narbe auf seiner Brust sah nicht mehr unansehnlich aus. Sie verschmolz mit den anderen Narben auf seiner Brust … und wurde zu einer wunderschönen eisblauen Rose.
Das Feuer in seiner Brust war erloschen, aber nicht erloschen. Noch nicht.
Es fühlte sich eher an wie etwas, das für die nächste Schlacht schwelte. Die Schlacht um die Wahrheit.
Hinter ihm standen die Frauen schweigend da.
Riel bewegte sich nicht. Aber ihr Brustkorb hob und senkte sich weiterhin sanft. Der Schnee haftete nun sanft an ihrer Haut, nicht als Strafe, sondern als Leichentuch.
Eine langsame, fast ehrfürchtige Stille legte sich wieder über sie.
Vinea wandte sich dem drohenden Norden zu.
„Zar’Kaleth wartet noch immer.“
Levia stand nun trotz der Schmerzen in ihren Beinen aufrecht da.
„Genauso wie unser wahrer Feind …“
Asmodea wickelte eine blutige Haarsträhne um ihren Finger und lächelte.
„Tsk. Und wir haben schon eine verrückte Königin zu wenig.“
Lumina warf Asmodeus erneut einen Blick zu. Ihre Stimme klang leise.
„Willst du immer noch alleine gehen?“
Asmodeus drehte sich um.
Seine Stimme klang jetzt fest, das Feuer in seinen goldenen Augen war wieder entfacht.
„Nein.“
„Ich gehe mit euch allen.“
„Nicht weil ich es muss …“
„Sondern weil ihr euch entschieden habt, mir zu folgen. Nicht als Soldaten. Nicht als Konkubinen. Nicht als Werkzeuge.“
„Sondern als Frauen, die ich liebe.“
Die Stille, die folgte, war nicht feierlich. Sie war heilig.
Sie traten gemeinsam auf ihn zu.
Vinea hob erneut ihr Schwert.
Levia zog die Riemen ihres Schildes fester.
Lumina richtete den gebrochenen Bogen eines Beines.
Asmodea knackte mit den Fingern.
In seinen Armen blieb Riel still, während der Schnee wie weiche Seide um sie herumwirbelte.
Nicht tot.
Nicht vergeben.
Aber nicht mehr verloren.
„Lasst uns gehen“, sagte Asmodeus, als er sich zum Schloss umdrehte.
„Es hat gerade erst begonnen.“
Denn was sie erwartete, war nichts anderes … als die kalte Kälte des Todes.