Ihre Lippen öffneten sich leicht.
Keine Wut.
Keine Freude.
Keine Trauer.
Nur … Hunger.
Die Art von Hunger, die über das Verlangen hinausging. Die Art von Hunger, die alles verschlang, was sie nicht haben konnte.
Riel schwebte über dem Schlachtfeld wie ein Neumond – eiskalt, gleichgültig, unausweichlich. Das Schlachtfeld gehorchte ihr jetzt. Jeder Atemzug, den sie nahm, ließ einen weiteren Teil der Welt kristallisieren.
Ihre Finger glitten sanft über den neuen Schaft der Hellebarde – nicht mehr aus Eis, sondern aus etwas Älterem. Etwas Reinem. Es pulsierte wie ein lebender Knochen der Welt, umhüllt von lichtlosem Mana, geschärft zu einer seelenschneidenden Klinge.
Unter ihr stand Asmodeus regungslos.
Seine Axt ruhte über einer Schulter, hinter seinem Kopf angewinkelt, wobei die Spitze eine langsame rote Linie in den Frost hinter ihm zeichnete.
Die schwarzen Flammen zischten immer noch um ihn herum, aber sie pulsierten jetzt weniger – sie wurden nach innen gezogen. Fest. Kontrolliert.
Sein Blick wanderte nicht von ihr.
Nicht ein einziges Mal.
Nicht einmal, als sich der gefrorene Palast um sie herum erhob.
Nicht einmal, als der Himmel von fallenden Halos aus eisigem Licht zu knistern begann, flackernde Ringe, die wie eine göttliche Hinrichtung über ihr wirbelten.
Sie schwebte hinunter.
Nicht schnell.
Aber zielstrebig.
Jeder Schritt, den sie in der Luft machte, veränderte die Welt. Der verspiegelte Boden unter Asmodeus‘ Füßen verformte sich leicht und bog sich unter einem Druck, der nicht existieren sollte.
Er trat seitwärts – kaum merklich –, seine Stiefel knirschten leise auf dem Eis, und die Welt stabilisierte sich.
Sie hob die Hellebarde.
Sie bewegte sich mit ihren Gedanken.
Ohne Widerstand.
Ohne Anstrengung.
„Du hättest mir gehören können“, sagte sie mit kristallklarer Stimme. „Aber du wurdest falsch geboren.“
Asmodeus neigte den Kopf. Er blinzelte nicht.
„Nein“, sagte er leise. „Du bist einfach nicht sie.“
Der erste Schlag kam von oben – ein brutaler Hieb nach unten, der durch die Luft zischte und eine Spirale aus Runen hinter sich herzog. Ein Schrei aus Mana zeriss die Atmosphäre.
Asmodeus blockte mit beiden Händen auf der Axt, deren Stiel heftig zitterte und ihm Frost in die Handflächen brannte. Der Aufprall schleuderte ihn zwei Meter zurück und riss eine Furche in die kristallisierte Erde.
Bevor er sich erholen konnte, war der zweite Schlag bereits auf dem Weg – diesmal horizontal, tief und schnell, auf seine Knie gerichtet.
Er sprang in die Luft, landete hart und rollte sich ab, während hinter ihm eine Wand aus Eis aufragte, scharfkantig und glitzernd.
Der Palast hatte begonnen, sich zu bewegen.
Riel verfolgte ihn nicht sofort.
Sie streckte eine Hand aus.
Dutzende von Eissäulen bildeten sich um sie herum – schwebend, spiralförmig, jede spiegelte eine andere Version von Asmodeus wider. Einige lächelten. Einige waren blutig. Einige waren zerbrochen.
Alle waren sie … ihre.
„Ich kann dich perfekt machen“, flüsterte sie. „Ich kann dich zu meinem machen.“
Sie stürzte sich erneut auf ihn – diesmal schneller.
Er wirbelte die Axt herum, trat in ihren Angriff hinein, und die Klinge traf auf die Hellebarde in einem Wirbelwind aus Stahl und Seelenenergie.
Die Welt um sie herum brach auseinander.
Schnee wurde zu Nebel.
Kristall wurde zu Staub.
Und zwei Herrscher tanzten dort, wo sich kein Gott hinwagen würde.
Ihre Kräfte waren eine Mischung aus allen Zähnen.
Denn sie war die Quelle.
—
Aber war das genug…?
Der Spiegelpalast bebte.
Glastürme zerbrachen und formten sich neu.
Schnee wirbelte in Spiralen, als zwei Gestalten durch den gefrorenen Himmel krachten und mit der Wucht von tektonischen Platten aufeinanderprallten.
Riel wirbelte in der Luft herum, ihre Hellebarde blitzte frostig und schlug tiefe Bögen, die die Luft selbst spalteten.
Jeder Schlag setzte eine Welle von Eismagie frei, die den Sturm in halbmondförmigen Explosionen auseinanderriss.
Aber Asmodeus war schneller.
Schärfer.
Und stärker.
Er verteidigte sich nicht mehr.
Er bewegte sich wie eine wilde Bestie.
Seine Axt brüllte durch die Luft, ihre rote Klinge zeichnete Hitzestreifen in den Raum und traf mit brutalen, mühelosen Schwüngen auf ihre Hellebarde.
In dem Moment, als ihre Deckung nachgab, rammte er ihr einen Stiefel in den Bauch und schleuderte sie nach unten.
Sie schlug mit solcher Wucht auf den verspiegelten Boden, dass er einen Krater hinterließ.
Glas explodierte in einer perfekten Spirale nach außen.
Er tauchte in ihrem Schatten auf.
Unter ihnen konnten die vier Frauen nur zusehen.
Levia drückte eine Hand auf die Wunde an ihrer Hüfte und atmete schwer. Ihr Schild zitterte neben ihr – versengt, zerbrochen, aber noch aufrecht.
„Er drängt sie zurück …“, flüsterte sie.
Ihre Stimme war voller Ehrfurcht.
Und Zweifel.
Vinea stand etwas abseits, ihre Klinge schleifte hinter ihr durch den Schnee, die Schneide von Gorrhans Fäusten stumpf geschlagen.
Sie zitterte, aber nicht vor Angst.
Vor Frustration.
Sie hatte so hart gekämpft, so viel geblutet …
Und es reichte immer noch nicht, um zu ihm zu gelangen.
„Er sollte nicht allein sein“, murmelte sie.
Asmodea saß mit gekreuzten Beinen da, die Arme um sich geschlungen, das Haar mit getrocknetem Blut verklebt.
Sie zwang sich zu einem Lächeln.
Aber ihre Stimme zitterte, als sie sprach.
„Er treibt sich selbst an … versucht, es zu schnell zu beenden …“
Jede Frau hatte andere Gedanken und Gefühle, als sie den Kampf sah.
Der brutale Dämonenkaiser schlug auf die Frau ein, seine rohe Gewalt zerschmetterte und zermalmte ihre ätherische Anmut.
Luminas Spinnenbeine zuckten, zwei davon waren komplett abgebrochen. Ihre Hände waren in das Eis gedrückt, ihr Atem ging flach, ihr Körper war gesenkt.
Ihre roten Augen starrten ohne zu blinzeln auf den Thron, der nun wie ein gefrorener Altar hinter Riel schwebte.
„Sie bricht zusammen“, sagte Lumina.
„Ihr Körper hält noch durch, aber ihr Geist …“
„Er bricht zusammen.“
Oben drehte sich Riel in der Luft, während Asmodeus auf sie herabstieg.
Sie wehrte den nächsten Schlag ab, aber er drückte sie erneut nach unten, wobei ihre Ferse eine Furche in das Eis grub.
Er folgte mit einem schweren Schwung – die rote Klinge schlug diagonal durch die Palastwand und versengte sie mit Dämonenfeuer, sodass sie schwarz wurde.
„Du setzt nicht einmal deine ganze Kraft ein“, zischte Riel.
„Du denkst, ich bin es nicht wert.“
Asmodeus landete vor ihr, die Axt hinter seinen Schultern.
„Ich prüfe dich“, sagte er mit einer Stimme wie Donner hinter einer geschlossenen Tür. „Und du versagst.“
Ihre Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
„Du denkst, das ist alles, was ich bin?“
Er starrte sie an, seine goldenen Augen unerschütterlich.
„Nein.“
„Ich denke, das ist alles, was du geworden bist.“
Die Hellebarde pulsierte in ihren Händen, im Takt ihres Herzschlags, der durch den Palast hallte.
Die Spiegel um sie herum zerbrachen alle gleichzeitig.
Riel schrie.
„DU!“
Und eine zweite Verwandlung begann.
Die zweite Verwandlung explodierte nicht.
Sie barst.
Die Luft um sie herum faltete sich nach innen. Der Eispalast bog sich wie verzerrtes Glas unter Druck – ohne zu zerbrechen, ohne Widerstand zu leisten. Er gab nach. Ihr Körper schwoll nicht an. Er wurde dünner. Dehnte sich. Perfektionierte sich.
Sie erhob sich aus dem Krater wie eine von Wahnsinn geformte Statue.
Riel ging nicht mehr – sie schwebte. Ihre Füße streiften die Oberfläche ihres Reiches, berührten sie aber nie. Die Kälte um sie herum wurde intensiver, nicht mehr wie ein Schneesturm, sondern wie eine Schwerkraft – die Luft wurde schwerer, das Atmen brannte in den Lungen, das Licht wurde schwächer.
Ihre Augen leuchteten nicht.
Sie waren leer.
Spiegelweiß und weit aufgerissen, weit wie die Augen von jemandem, der aus einem Traum nicht aufwachen kann.
„Asmodeus~“
rief sie mit heißer, sinnlicher Stimme…
Die Hellebarde, die sie trug, war nicht mehr nur eine Waffe.
Ihre beiden Klingen hatten sich zu zwei halbmondförmigen Bögen ausgebreitet, einer frostweiß, der andere schattenblau, und aus ihrem gemeinsamen Kern blühte eine schwebende Kugel aus Erinnerungen – flackernde Bilder von Asmodeus:
Sein Rücken, als er in die Schlacht ging.
Seine Hand, die Luminas Haar streichelte.
Seine Lippen auf Sariels.
Sein Grinsen.
Seine Stille.
Seine Stimme.
„Warum nicht ich?“, flüsterte sie.
Es war keine Wut mehr in ihrer Stimme.
Es war Trauer, Besessenheit und Zuneigung.
Asmodeus kniff die Augen zusammen.
Jetzt spürte er es – nicht die Welle der Magie, nicht die Gefahr.
Die Emotionen.
Ihre Aura hatte sich wieder verändert. Es war nicht mehr nur der Zorn einer Dämonenkönigin. Es kam ihm bekannt vor, er konnte Riels Einfluss spüren, die Sukkubus und ihre Gefühle, die geteilt wurden, verzerrt …
Eine Liebe, die sich selbst ausgehöhlt hatte.
Ein Schrein, der für ihn gebaut worden war und in dem kein Platz mehr für andere war.
Aus ihrem Mund:
„Riel … sie hat dich geliebt.“
„Und dafür hasse ich sie.“
„Weil ich jetzt auch nicht aufhören kann, dich zu lieben.“
Ihre Pupillen kehrten zurück – langsam, unnatürlich.
Nicht rund.
Nicht geschlitzt.
In Form von Herzen.
Sie stürzte sich auf ihn.
Der Palast antwortete ihr.
Eisspitzen schossen unter Asmodeus hervor, als sie sich über den verspiegelten Boden schleuderte – ein silberner Blitz mit Flügeln aus Schnee, die hinter ihrem Rücken wie eine Walküre aus Glas aufbrachen.
Ihre Hellebarde schwang herab.
Asmodeus rollte sich darunter weg und konterte mit einem breiten Schwung seiner Axt – rote Flammen zerkratzten die Palastwand hinter ihr.
Riel wich der Flamme nicht aus – sie bewegte sich hindurch. Die Hitze zischte gegen ihre frostbedeckte Haut und dampfte von ihren Schultern, aber sie zuckte nicht zurück.
Sie wollte von ihm verbrannt werden.
„Verbrenne mich“, hauchte sie.
„Hinterlasse eine Narbe.“
Die obsessiven Worte, eine leidenschaftliche Stimme wie die eines verschmähten Liebhabers …
Asmodeus runzelte die Stirn.
Er schlug erneut zu, diesmal schärfer – seine Axt wirbelte über seinem Kopf und zerschnitt die Luft wie ein Donnerschlag.
Sie fing den Stiel mit ihrer Hellebarde ab. Der Aufprall ließ die Luft knallen – Schnee schoss nach oben, der verspiegelte Boden wellte sich in geometrischen Ringen nach außen.
Ihr Atem traf seine Brust, sichtbar und zitternd.
„Wenn ich dich besiege …“
„Dann wirst du mich lieben, nicht wahr?“
„Du wirst mich wählen, oder?“
Asmodeus trat zurück.
Seine Axt zischte, als die rote Klinge schimmerte und nun heller leuchtete – nicht vor Feuer, sondern vor aufsteigender Wut.
„Du bist nicht Riel“, sagte er mit leiser Stimme.
„Du bist das, was von ihr übrig ist.“
Die Worte trafen sie härter als seine Axt.
Und für einen Moment –
hielt das Schlachtfeld den Atem an, kalt, eisig und still, weil die Kaiserin nicht schrie.
Sie schlug nicht zu.
Sie weinte.
Riels Tränen fielen nicht.
Sie gefroren.
Tränen der Trauer kristallisierten sich auf ihren Wangen und rollten wie Glasscherben herunter, die zerbrachen, als sie ihr Schlüsselbein berührten. Jeder Splitter schlug mit einem hohen, musikalischen Klang auf den verspiegelten Boden.
Und dann –
schrie sie.
Es war nicht der Schrei einer trauernden Frau.
Es war nicht das Brüllen einer Königin im Krieg.
Es war das Heulen von etwas, das versuchte, seine Liebe in die Knochen der Welt zu meißeln.
„Wenn ich dein Herz nicht haben kann –“
„Dann nehme ich dir deine Krone!“
„Ich werde deinen Körper haben und dich dazu bringen, mich zu lieben!“
Die Luft zerbarst.
Eissäulen schossen aus den Palastwänden und verwandelten sich in Speere, die über das Schlachtfeld flogen. Kristallketten brachen aus dem Boden hervor und rasten wie hungrige Schlangen auf Asmodeus‘ Beine zu.
Er rannte nicht weg.
Er wich nicht aus.
Er trat einen Schritt vor und schwang seine Axt mit brutaler Eleganz in einem weiten Bogen.
Die rote Klinge schnitt nicht nur das Eis.
Sie löschte es aus.
Flammen schlugen in einer schlangenartigen Spirale über den Boden und verschlangen jeden Kristall, der es wagte, ihn zu berühren.
Asmodeus tauchte neben ihrem Gesicht auf und packte es.
Seine Hände zischten vor Kälte.
„Träum, wenn du schläfst, Frau.“