Der Schnee brodelte auf der zerfurchten Erde, zerrissen von Feuer, Blut und Wut.
Das Schlachtfeld lag still da.
Nur der zischende Wind, das Knistern zerbrochener Magie und das langsame, unregelmäßige Atmen der Sieger waren zu hören.
Vinea taumelte neben Lumina zum Stehen, ihre geschmolzene Klinge zog eine dünne Feuerlinie durch den Matsch. Levia lehnte sich schwer auf ihren Turmschild, dessen Oberfläche zerbrochen und geschwärzt war. Asmodea saß halb zusammengebrochen an einer zerbrochenen Eissäule, ihr purpurrotes Haar war mit Blut verfilzt.
Sie hatten gewonnen.
Knapp.
Aber die Stille war seltsam … unheimlich. Es war ein wenig zu still, zu scharf.
Zuerst kam das Gewicht, das langsam und erstickend auf die Luft drückte. Dann das Geräusch – Stiefel, die über die gefrorenen Ruinen knirschten, gleichmäßig, bedächtig, unausweichlich.
Eine Gestalt tauchte aus dem treibenden Nebel auf.
Massiv.
Solide.
Vier Arme kreuzten sich über einer tonnenförmigen Brust, deren Haut wie brünierte Bronze aussah und von schwarzen Rissen durchzogen war.
Ein Brandmal – die Zahl „1“ – war über seine linke Wange gebrannt.
Seine Augen waren pechschwarz, ohne Pupillen oder Licht … nur Urteil.
Die Frauen versuchten, ihre Waffen zu heben, ihr Instinkt schrie.
Ihre Körper verrieten sie – zu langsam, zu gebrochen.
Die Gestalt blieb ein Dutzend Schritte entfernt stehen, der eisige Wind wirbelte um ihn herum wie eine lebende Krone.
Zuerst sagte er nichts.
Er stand einfach nur da.
Beobachtete.
Wartete.
Dann – eine Stimme, leise und kalt genug, um das Fleisch von den Knochen zu reißen.
„Ihr habt gut gekämpft.“
Er neigte leicht den Kopf, eine fast beiläufige Bewegung.
„Seid stolz. Eure Loyalität steht außer Frage.“
Ein weiterer Schritt nach vorne – der Boden bebte.
„Aber dies ist nicht länger euer Kampf.“
Die Frauen spannten sich an – trotz Blut und Erschöpfung weigerte sich ihr Instinkt, sich zu beugen.
Die schwarzen Augen des Riesen huschten über sie hinweg, nicht grausam, sondern abweisend.
„Euer König wird heute sterben.“
Eine zweite Gestalt bewegte sich, tauchte aus dem Herzen des zerstörten Nebels auf, eine blutbefleckte Silhouette betrat das Feld.
Asmodeus.
Er ging mit der langsamen, präzisen Anmut einer frisch aus der Schmiede gezogenen Klinge.
Keine Eile.
Keine verschwendeten Bewegungen.
Nur Gewissheit.
Das Siegel auf seiner Brust glühte schwach.
Blut rann an seiner Seite herunter. Da wurde klar, dass es nicht sein Blut war … sondern das der Monster. Aber seine ozeanblauen Augen leuchteten klar und ungetrübt.
Ohne zu zögern näherte er sich dem Riesen.
Fünf Schritte vor ihm blieb er stehen.
Die beiden Monster standen sich in den Trümmern gegenüber.
Keiner verbeugte sich.
Keiner sprach sofort.
Die Luft zwischen ihnen war von unterdrückter Kraft erfüllt, der Schnee zu ihren Füßen verdampfte.
Die Frauen hinter Asmodeus konnten nur zusehen – zu gebrochen, um einzugreifen, zu stolz, um sich zurückzuziehen.
Schließlich sprach der Riese.
„Lagun“, sagte er und stellte sich vor, als würde er ein Todesurteil verkünden.
Eine massive Hand sank an seine Seite und ballte sich langsam zur Faust – begierig darauf, zu zermalmen, begierig darauf, zu töten.
„Der erste Zahn Ihrer Majestät.“
Er knackte einmal mit den Fingerknöcheln, und jedes Knacken ließ die Erde erzittern.
„Und du …“
Ein spöttisches Grinsen verzog seinen Mund – der erste Riss in seiner Gelassenheit.
„Der König der verwöhnten Huren.“
Die Worte hingen wie Gift in der eisigen Luft.
„Du verdienst nicht, was du hast. Du verdienst sie nicht.“
Er spuckte zur Seite, Verachtung brannte unter dem Eis seiner Stimme.
„Ich werde dir das Herz herausreißen und es dem Schnee zum Fraß vorwerfen.“
Asmodeus schien weder beleidigt noch wütend oder aus der Fassung gebracht zu sein. Sein Blick huschte zu der kalten Frau, die in der Ferne stand und ihre Hellebarde mit den Zähnen in ihren vollen Lippen festhielt.
„Soll ich dann deine Königin auch zu einer meiner Huren machen?“, spottete er.
Der Nebel wirbelte zwischen ihnen, die letzten Böen des abklingenden Schneesturms heulten wie ein verwundetes Tier.
Lagun machte den ersten Schritt.
Nicht mit Strategie oder Berechnung.
Mit Wut.
Er stürmte mit einem einzigen, bodenerschütternden Schritt über den zerstörten Boden, seine vier Arme verschwammen zu einem einzigen Bild – zwei obere Fäuste zielten auf Asmodeus‘ Gesicht, die unteren beiden schwangen in einem vernichtenden Haken in Richtung seiner Rippen.
Die Geschwindigkeit war monströs, und jeder Schlag hätte schwächere Dämonen wie Papier zusammenfalten können.
Asmodeus zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Er drehte sich leicht zur Seite und ließ die beiden oberen Schläge an seinem Kiefer vorbeizischen, während er den unteren linken Schlag lässig mit der Handfläche abfing. Die Wucht vibrierte durch seinen Arm. Dennoch wich er keinen Zentimeter zurück.
Laguns schwarze Augen weiteten sich – ein Anflug von Ungläubigkeit durchbrach seine perfekte Soldatenmaske.
„Du glaubst, du bist ihrer würdig?“, zischte Lagun, zog seine eingeklemmte Faust zurück und rammte Asmodeus sein Knie in die Rippen.
In einer rasanten Bewegung ließ Asmodeus los.
Er drehte sich um und konterte mit einem einfachen Ellbogenstoß gegen Laguns ungeschützte Seite.
Knack.
Das Geräusch hallte wie ein Schuss über das zerstörte Feld. Lagun taumelte zwei Schritte zurück, eine seiner Rippen war unter der bronzenen Haut deutlich eingedrückt.
Asmodeus ging nicht weiter auf ihn los.
Er stand einfach da, entspannt, und musterte seinen Gegner.
„Ich glaube“, sagte Asmodeus mit einer Stimme, die so ruhig war wie fallender Schnee, „du hast Angst, dass sie ihre Entscheidung bereits getroffen hat.“
Lagun knurrte – ein raues, rohes Geräusch, das kaum einer Stimme ähnelte. Er griff erneut an – nicht taktisch, nicht präzise – mit purer, wütender Kraft. Drehschläge. Hammerschläge.
Ein schwungvoller Tritt, der Knochen zerschmettern sollte.
Asmodeus wich jeder Bewegung mit erstaunlicher Präzision aus, lehnte sich wenige Zentimeter zur Seite, ließ die Schläge an seinem Gesicht vorbeizischen und trat in die Lücken in Laguns Rhythmus, als würde er durch Regen laufen.
Jeder Fehlschlag trieb Lagun weiter in Raserei.
Seine Adern traten hervor, dicke schwarze Klumpen unter seiner Haut, doch Asmodeus grinste den wütenden Dämon nur an, bevor er ihn verspottete. „Zeig, was du drauf hast, du kleiner Partytrick.“
„Du glaubst, du kannst uns ersetzen?“, bellte Lagun zwischen seinen Schlägen, seine Stimme brach unter dem Druck. „Du bist nichts als ein … Streuner! Ein Fehler!“
Ein weiterer schwerer Schlag – eine weitere mühelose Ausweichbewegung. Asmodeus‘ Hand schoss nach vorne, packte Laguns Handgelenk mitten im Schlag und verdrehte es.
Knirsch.
Ein feuchtes Knacken von brechendem Knorpel hallte wider.
Lagun riss sich mit einem Brüllen los und taumelte zurück.
„Zeig mir deine Fraktur, Dämon!“
Asmodeus verfolgte ihn nicht, weil er es nicht musste. Seine blauen Augen huschten einmal zu Riel in der Ferne, die atemlos und still zusah.
„Sie hat dich nie so angesehen“, sagte er mit leiser Stimme.
Lagun erstarrte für einen Sekundenbruchteil … gerade lange genug, damit die Worte wirken konnten.
Und in diesem Augenblick zerbrach die eisige Selbstbeherrschung, die er wie eine Rüstung getragen hatte.
Eine Welle dunkler Aura explodierte aus Laguns Körper und zerbrach die gefrorene Erde unter seinen Füßen.
Seine vier Arme breiteten sich weit aus und vibrierten vor unterdrückter Kraft.
Die Zahl, die in seine Wange eingebrannt war – 1 – begann zu leuchten, eisblau wie der Winterhimmel.
Der Nebel wickelte sich enger um ihn, zog sich nach innen wie ein Atemzug vor einem Schrei.
Er brüllte, seine Stimme riss ihm die Kehle ent:
„Zerbrich!“
„Eisernes Zerreißen!“
Der Boden gab nach, als sein Körper sich ausdehnte – seine Arme schwollen an, bedeckt von neuen Schichten glänzender bronzefarbener Muskeln, und Risse zogen sich wild über seine Brust und Schultern, die von innen leuchteten. Der Berg hatte sich bewegt.
Und jetzt war er bereit zu zermalmen.
Asmodeus atmete einmal durch die Nase aus, fast amüsiert.
Endlich.
„Siehst du, du schaffst es, Champ.“
Das Schlachtfeld barst unter Laguns Füßen auf.
Jeder seiner Schritte zerschmetterte den Boden – seine Fußabdrücke versanken tief in der gefrorenen Erde, Dampf und Frost spritzten bei jedem Aufprall nach außen.
Seine Arme, die vor geschmolzenem Licht wulstigen und von Adern durchzogen waren, bewegten sich schneller als zuvor – die Luft zischte bei jedem Schlag.
Er stürzte sich auf ihn.
Diesmal wich Asmodeus nicht einfach zur Seite aus.
Er blockte den Schlag ab.
Unterarm gegen Unterarm, die Kollision zerriss die Luft mit einem Donnerschlag, eine Schockwelle drückte die zerbrochenen Bäume um sie herum flach.
Asmodeus rutschte einen halben Schritt zurück, seine Stiefel knirschten auf den zerbrochenen Steinen.
Er biss die Zähne zusammen und verzog leicht das Gesicht.
Lagun grinste – ein scharfes, brutales Grinsen.
„Jetzt siehst du es“, sagte er mit einer Stimme, die wie eine Lawine grollte. „Die Kraft, die sie uns gegeben hat.“
Er setzte zum Angriff an, seine Arme waren nur noch ein verschwommener Fleck – seine Fäuste schlugen aus allen Winkeln auf ihn ein.
Asmodeus wich ihnen aus wie einer Nadel, aber die Kanten streiften ihn nun. An seinen Unterarmen und Rippen entstanden flache Schnitte, Blut spritzte in die kalte Luft.
In Asmodeus‘ Blick lag keine Angst.
Es war … Konzentration.
Die lässige Verachtung hatte sich zu etwas Schärferem verfestigt.
Er neigte den Kopf, wich einem Schlag aus, riss die Augen auf und erkannte – ohne Worte –, dass Lagun nicht länger eine Witzfigur war.
Lagun sah es.
Und das machte ihn noch wütender.
Er brüllte und schlug mit allen vier Fäusten wie ein Rammbock nach unten.
Der Boden unter Asmodeus krümmte sich und schleuderte Steinsplitter und gefrorenen Schlamm wie Pfeile in die Luft. Asmodeus sprang zur Seite, prallte von einer zerbrochenen Säule ab und kehrte mit einem scharfen Kniestoß gegen Laguns schwebende Rippen zurück.
Der Aufprall drückte Fleisch und Bronze ein und ließ Risse an Laguns Seite aufbrechen.
Aber Lagun drehte sich, packte Asmodeus mit beiden Händen am Knöchel und schleuderte ihn wie einen Meteor über das Schlachtfeld.
Asmodeus drehte sich in der Luft und landete in einer hockenden Position, umgeben von Eissplittern.
Er stand auf, rollte einmal mit den Schultern und Blut tropfte unaufhörlich von seinem linken Arm. Zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes atmete er tiefer.
Lagun ging unerbittlich auf ihn zu. „Ohne ihre Zustimmung bist du nichts“, spuckte Lagun. „Im Vergleich zu ihrer Macht bist du nur ein weiterer Mischling, der vergessen im Schnee stirbt.“
Er schlug mit der Faust zu und riss eine drei Meter tiefe Furche in den Boden.
Asmodeus wich knapp aus, als die Schockwelle an seinem Gesicht vorbeirauschte und ihm die Haare zerzauste.
„Red weiter“, sagte Asmodeus mit kalter Stimme und nahm eine tiefere, festere Haltung ein. „Wenn du fest genug daran glaubst, wird es vielleicht wahr.“
Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich wieder – brutal, schnell, ohne eine einzige unnötige Bewegung.
Jeder Schlag erschütterte das Schlachtfeld noch stärker.
Jeder Aufprall hinterließ tiefere Narben.
Aber trotz des wachsenden Drucks, trotz der immer größer werdenden Wunden – Asmodeus‘ Blick schwankte nicht.
Tief in seinem Inneren regte sich etwas Dunkles.
Etwas Altes.
Etwas Majestätisches.
Sein Blut verlangte danach.
Der Dämonenkönig schlummerte in ihm – und er begann zu erwachen.