Die Anspannung und Angst im Elfenpalast wurde im Laufe des Tages immer größer. In den sonst so ordentlichen und ruhigen Gängen herrschte jetzt hektische Betriebsamkeit, Magier und Krieger rannten hin und her, jeder total in seine Aufgabe vertieft.
Die Luft war voller Spannung, als würde sich die ganze Atmosphäre auf den bevorstehenden Angriff vorbereiten.
Der Himmel über dem Palast, der einst strahlend blau gewesen war, hatte sich in ein tiefes, bedrohliches Grau verwandelt, das fast schon schwarz war. Dicke Wolken zogen mit alarmierender Geschwindigkeit auf, wirbelten und brodelten wie eine wütende See.
Ein kalter Wind kam auf, heulte durch die hohen Türme und fegte über den Hof, wobei er den unverkennbaren Geruch von Regen und etwas noch Unheimlicherem mit sich trug – einen beißenden Geruch, der die Nerven blank liegen ließ.
In einem der Häuser kauerte eine Gruppe von Elfen zusammen, ihre Gesichter von Angst und Entschlossenheit gezeichnet. Sie sprachen mit gedämpften Stimmen, die im zunehmenden Wind kaum zu hören waren.
„Ich habe noch nie gesehen, dass sich der Himmel so schnell verdunkelt“, murmelte eine Elfe mit vor Angst weit aufgerissenen Augen. „Es ist, als würde der Himmel selbst auf die drohende Gefahr reagieren.“
Ein anderer Elf, dessen Hände leicht zitterten, nickte zustimmend. „Dieser Sturm … er ist unnatürlich. Der Wind, die Wolken … es fühlt sich an wie das Ende der Welt.“
Draußen fielen die ersten Regentropfen, aber es waren nicht die kühlen, erfrischenden Tropfen eines typischen Sturms. Diese waren schwer und rot und färbten den Boden rot, wo sie aufschlugen.
Der Anblick des blutroten Regens löste bei den Zeugen erschrockene Ausrufe und Schreie aus.
„Blutregen“, flüsterte ein älterer Elf mit angstvoller Stimme. „Das ist ein Zeichen für das nahende Unheil.“
Erend stand im Hof und suchte mit seinen Augen den sich verdunkelnden Himmel ab. Der rote Regen prasselte auf seine Rüstung, jeder Tropfen eine düstere Erinnerung an die Bedrohung, der er sich gegenübersah.
Er spürte, wie die Last seiner Verantwortung wie eine erdrückende Bürde auf ihm lastete.
Er hatte schon unzählige Schlachten geschlagen, aber das hier … das war anders. Die Große Katastrophe war ein unbekannter Schrecken, eine Kraft, die sein Vorstellungsvermögen überstieg, und allein ihre Anwesenheit erfüllte ihn mit einer Angst, die er nur mühsam unterdrücken konnte.
Die Gesichter der Menschen um ihn herum, sowohl bekannte als auch neue, verschwammen in seinem Kopf. Die entschlossenen Mienen der Magier, die eiserne Entschlossenheit der Krieger und die vorsichtige Hoffnung in den Augen der Anführer – alles schien von seiner Fähigkeit abzuhängen, sie durch diese Krise zu führen.
Eccars Worte von vorhin hallten in seinem Kopf wider.
„Der Sturm ist nur der Anfang. Die wahre Schlacht steht noch bevor.“
Erend ballte die Fäuste und versuchte, aus allen verbleibenden Kraftreserven zu schöpfen, aber die Angst ließ nicht nach. Sie umschlang sein Herz wie eine unerbittliche Schlange und flüsterte ihm Zweifel und Unsicherheit zu.
„Was, wenn wir nicht stark genug sind?“, dachte er immer wieder. „Was, wenn die Barrieren versagen? Was, wenn dieses Wesen zu mächtig ist, als dass wir es besiegen könnten?“
Er holte tief Luft und versuchte, seine Nerven zu beruhigen, aber die Luft war dick von Blut und Ozon, eine Erinnerung an den unnatürlichen Sturm, der das Herannahen der Katastrophe ankündigte.
Seine Gedanken wanderten zu Aurdis, seiner Familie und seinen Freunden. Er durfte jetzt nicht schwanken, nicht, wenn so viel auf dem Spiel stand.
Erend schloss die Augen und zwang sich, sich zu konzentrieren. Er hatte jahrelang trainiert, seine Fähigkeiten verfeinert und Gefahren getrotzt, die weniger starke Krieger zerbrochen hätten. Er war ein Drachengebürtiger, ein Beschützer der Reiche, und er durfte sich nicht von Angst lähmen lassen.
Ein plötzlicher kalter Windstoß riss ihn zurück in die Gegenwart. Er öffnete die Augen und drehte sich um. Eccar stand neben ihm, sein vernarbtes Gesicht zu einer entschlossenen Grimasse verzogen.
Der Anblick seines Freundes, so standhaft und entschlossen, spendete ihm ein wenig Trost.
„Wir stehen das gemeinsam durch, Bruder. Vergiss das nicht“, sagte Eccar leise, seine Stimme kaum hörbar über dem heulenden Wind. „Du musst das nicht alleine durchstehen.“
Erend nickte. Er holte noch einmal tief Luft, diesmal ruhiger als zuvor. Die Angst war immer noch da, aber sie überwältigte ihn nicht mehr.
Als der Sturm heftiger wurde, zuckten Blitze über den Himmel und tauchten den Palast in kurze, blendende Lichtblitze.
Der Donner grollte unheilvoll, ein tiefer, hallender Klang, der die Grundfesten der Erde zu erschüttern schien. Der Wind heulte durch die Korridore, und der rote Regen fiel in Strömen, sammelte sich an den tiefsten Stellen des Hofes und bildete blutrote Flüsse.
Im Inneren arbeiteten die Magier unermüdlich, ihre Stimmen erhoben sich zu einem Chor von Beschwörungsformeln, während sie die Barrieren verstärkten und ihre Zaubersprüche verstärkten.
Die Krieger bewegten sich mit geübter Effizienz, überprüften ihre Waffen und Rüstungen und waren entschlossen.
Im Kriegsraum setzten die Anführer ihre Strategien fort, ihre Diskussionen waren dringend und konzentriert. Fairon zeigte mit ernster Miene auf verschiedene Stellen auf der Karte und skizzierte ihre Verteidigungspositionen und Notfallpläne.
„Wir müssen auf alles vorbereitet sein“, sagte er, seine Stimme übertönte den Lärm. „Unser Feind ist anders als alle, denen wir bisher begegnet sind. Aber wir sind stark und wir sind vereint. Wir werden diese Stellung halten.“
Draußen tobte der Sturm, aber im Palast herrschte ruhige Entschlossenheit.
Als die Nacht tiefer wurde, stand der Palast wie ein Leuchtfeuer der Hoffnung inmitten der hereinbrechenden Dunkelheit, seine Mauern schimmerten vor schützender Magie und seine Verteidiger waren bereit für den Kampf.
Plötzlich verbreitete sich ein übler, beißender Geruch in der Luft, der beide Männer vor Ekel die Nase rümpfen ließ.
Erend drehte seinen Kopf zum Horizont, seine scharfen Sinne hatten sofort die Quelle des übelriechenden Geruchs ausgemacht. Eccar folgte seinem Blick und kniff die Augen zusammen, während er den fernen Horizont absuchte. Dort, wie eine bedrohliche Welle, stieg eine dicke, pechschwarze Nebelwand auf.
Die Krieger, die entlang der Mauern und an den Palasttoren standen, spannten ihre Muskeln an und hielten ihre Waffen bereit. Von ihrem Standpunkt aus sah es aus, als würde Rauch aus einem unsichtbaren Inferno aufsteigen. Sie umklammerten ihre Schwerter und Speere fester und machten sich bereit, sich jeder Bedrohung zu stellen, die vor ihnen lag.
Aber Erend und Eccar, deren Drachenaugen aktiviert waren, sahen hinter den trügerischen Schleier. Der schwarze Nebel war nicht nur Rauch – er war lebendig.
Unzählige insektenähnliche Kreaturen bewegten sich wie ein einziger Organismus, ihre chitinhaltigen Körper glänzten im trüben Licht.
Die Flügel jeder Kreatur schlugen in unheimlicher Synchronisation und erzeugten ein leises, dröhnendes Summen, das mit jeder Sekunde lauter wurde.
Erends Herz raste, als ihm das Ausmaß der Bedrohung bewusst wurde. „Das ist nicht nur Rauch.
Das sind Kreaturen – Tausende, vielleicht Millionen“, murmelte er mit dringlicher Stimme.
Eccars Miene verhärtete sich, als auch er die wahre Natur des schwarzen Nebels erkannte. „Ein Schwarm. Sie kommen direkt auf uns zu“, sagte er mit ernster Stimme.
Erend wandte sich an den nächsten Krieger und gab ihm einen Befehl, der die steigende Spannung durchbrach.
„Bereitet die Verteidigung vor! Das ist nicht nur Rauch – das ist ein Schwarm von Kreaturen!“
Die Krieger rissen die Augen auf und sprangen in Aktion, sodass der Hof in hektische Bewegung geriet. Befehle wurden gerufen und Waffen bereitgehalten. Die Magier sangen Beschwörungsformeln, ihre Hände glühten vor arkaner Energie, während sie die Barrieren verstärkten und ihre Zauber vorbereiteten.
Als der schwarze Nebel aus Kreaturen näher kam, standen Erend und Eccar Seite an Seite.
Plötzlich ertönte eine befehlende Stimme aus dem Turm hinter ihnen, die mit Autorität und Ruhe den Lärm durchdrang.
„EREND! ECCAR! BLEIBT AUF EUREN POSITIONEN!“
Die Stimme von König Gulben hatte ein Gewicht, das sofortige Aufmerksamkeit verlangte. Erend und Eccar drehten sich um und sahen den König auf dem Balkon des Turms stehen, dessen königliche Präsenz inmitten des Chaos ein Leuchtfeuer der Entschlossenheit war.
„Greift noch nicht an“, sagte König Gulben. „Ihr müsst eure Kräfte für die wahre Schlacht sparen, die noch vor euch liegt. Lasst die Barrieren, die Verteidigungsanlagen und unsere Krieger ihre Arbeit tun.“
Erends erster Impuls, sich in den Kampf zu stürzen, wurde durch den Befehl des Königs gezügelt. Er ballte die Fäuste, Frustration in seinen Augen, aber er verstand die Weisheit in Gulbens Worten. Sich kopflos in die Schlacht zu stürzen, könnte ihre Kräfte erschöpfen und sie verwundbar machen, wenn die wahre Bedrohung kommt.
„Der König hat recht. Wir müssen strategisch vorgehen“, sagte Eccar.
Auch die Krieger und Magier befolgten die Anweisung des Königs und waren bereit, sich zu verteidigen, anstatt einen voreiligen Angriff zu starten.
Die schimmernden Barrieren, die die Magier errichtet hatten, leuchteten heller, ihre komplizierten Muster pulsierten vor Energie, während sie sich darauf vorbereiteten, dem Ansturm standzuhalten.
König Gulbens Stimme trug auf dem Wind, ruhig und beruhigend. „Vertraut auf die Verteidigungsanlagen, die wir vorbereitet haben.“
Erend atmete langsam aus. „Verstanden, Eure Majestät“, rief er zurück, seine Stimme entschlossen.
Der Schwarm der Kreaturen rückte näher, ihre chitinhaltigen Körper bildeten eine dunkle Masse am Horizont.
Doch als sie auf die magischen Barrieren prallten, leuchteten die Schutzzauber hell auf und stießen die Kreaturen mit Energiestößen zurück. Die Luft knisterte vom Aufprall von Magie und Fleisch, aber die Barrieren hielten stand.
Erend und Eccar blieben wachsam, ihre Sinne geschärft und den Blick auf den Horizont gerichtet. Sie wussten, dass dies erst der Anfang war.
Der Hof war nun eine befestigte Bastion, und innerhalb ihrer Mauern würden sie ihre Kräfte sammeln und sich auf die bevorstehende Schlacht vorbereiten.
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