811 Ich bin nie normal
Die Wüstenluft wurde schwer und unnatürlich still, als die beiden Figuren unter dem brennenden Himmel einander gegenüberstanden.
Asher lockerte seinen Griff um ihre Kehle, seine Finger öffneten sich, als er einen halben Schritt zurücktrat. Seine dunkelgelben Augen verengten sich, Verwirrung blitzte in seinem zuvor kalten Blick auf.
„Was?“ Seine Stimme war leise und voller Unglauben. „Bist du wirklich verrückt geworden?“
Rebecca zuckte nicht mit der Wimper.
In ihren Augen war kein Zögern zu sehen, kein Moment des Zweifels. Die dunkelroten Augen brannten vor unnachgiebiger Entschlossenheit, wie geschmolzenes Feuer, das sich weigerte, erloschen zu werden.
Und das verwirrte ihn mehr als alles andere.
Sie meinte es ernst.
„Ja“, sagte sie mit kalter, fester Stimme, „ich bin verrückt geworden.“ Sie presste die Kiefer aufeinander und hob trotzig das Kinn. „Aber wenn es das ist, was nötig ist, damit du mir vertraust, dann soll es so sein.“
Ashers Blick verdunkelte sich. „Warum ist es dir so wichtig, ob ich dir vertraue oder nicht?“ Seine Stimme war scharf, seine Geduld schwand.
Rebecca atmete scharf aus, Frustration huschte über ihr Gesicht. Jetzt war ihr klar, dass er nicht nachgeben würde, ohne einen überzeugenden Grund zu hören. Er brauchte etwas Konkretes, etwas Logisches.
„Na gut! Ich kann nicht glauben, dass ich das sage“, schoss es aus ihr heraus, ihr Körper spannte sich an, als sie die Worte ausspuckte. „Aber ich will dir auf jede erdenkliche Weise helfen, damit wir unser Königreich zurückerobern und wiederaufbauen können.“
Asher kniff die Augen zusammen, sein Gesichtsausdruck war unlesbar.
Rebecca fuhr fort, die Fäuste an den Seiten geballt. „Glaubst du etwa, ich will, dass mein Sohn – der einst ein glorreicher Prinz war – den Rest seines Lebens ohne Königreich verbringen soll?“
Das brachte ihn zum Innehalten.
Seine Finger zuckten leicht an seinen Seiten, während er sie mit einem intensiven, prüfenden Blick ansah.
Es war ein plausibler Grund.
Aber plausibel hieß nicht vertrauenswürdig.
„Okay“, sagte er langsam. „Nehmen wir mal an, das stimmt. Das heißt aber nicht, dass ich dich mitnehmen werde.“
Seine Stimme wurde leiser und schärfer. „Es sei denn …“
Rebecca runzelte die Stirn, und ein Hauch von Unsicherheit huschte über ihr Gesicht, bevor er zu Ende sprach:
„Du wirklich bereit bist, den Blick der Qual zu ertragen, wie du gesagt hast.“
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Sie hatte ihn schon einmal gesehen. Sie hatte die Schreie derer gehört, auf die er ihn angewendet hatte.
Selbst wenn er nicht versuchen würde, sie damit zu töten, kannte sie die Risiken. Sie könnte zusammenbrechen. Sie könnte sich selbst verlieren.
Asher beobachtete sie schweigend, bevor er wieder sprach, mit ruhiger, emotionsloser Stimme: „Vergiss nicht – selbst wenn ich mich zurückhalte, könntest du am Ende einen gebrochenen Geist haben. Du wirst vielleicht nie wieder gesund werden.“
Eine lange, angespannte Pause entstand zwischen ihnen.
Rebeccas Finger zuckten.
Ihre Lippen öffneten sich für einen Moment, ein kurzes Zögern flackerte in ihren Augen.
Die einzige andere Möglichkeit, sein Vertrauen zu gewinnen, war, sich freiwillig wieder zu seiner Sklavin zu machen. Aber sie wollte noch nicht so verzweifelt wirken … nicht, nachdem sie so eine große Show gemacht hatte, um sich von ihm zu befreien. Das würde einfach zu verdächtig wirken … als ob sie es mochte, seine Sklavin zu sein.
Sie durfte ihn nicht zu solch absurden Annahmen verleiten!
Und dann …
Sie spottete, ihr Tonfall hart und rau, bevor sie ihre Lippen zu einem verrückten, furchtlosen Lächeln verzog.
„Du weißt doch, dass ich von Anfang an nicht ganz bei Sinnen war.“
Asher kniff die Augen zusammen und presste die Kiefer leicht aufeinander.
Rebecca stockte der Atem, aber sie blieb standhaft. Stattdessen hob sie die Hand und schloss ihre Finger um sein Handgelenk – genau die Hand, die ihr noch vor wenigen Augenblicken die Kehle zugedrückt hatte.
Ihr Griff wurde fester.
Ihre Fingernägel drückten sich in seine Haut.
Ihre Stimme war nur ein Flüstern, rau und unnachgiebig: „Also bring es hinter dich.“
Ashers Blick bohrte sich in ihren, suchend, abschätzend. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar.
Dann, ganz langsam, schloss er die Augen.
Rebeccas Herz schlug gegen ihre Rippen, als sie tief Luft holte, die Zähne zusammenbiss und sich auf etwas gefasst machte.
Und dann –
Er öffnete die Augen.
Die Verwandlung war augenblicklich.
Das Fleisch und die Haut um Ashers Augen verbrannten, verschlungen von dunkelgrüner Glut. Asche schwebte in der Luft und zerstreute sich im Wind wie das Flüstern der Verdammten.
Zurück blieben zwei hohle Augenhöhlen, erfüllt von einem unheimlichen, eindringlichen Leuchten – einem Grün, das so dunkel war, dass es fast schwarz wirkte.
Eine tiefe, teuflische Kraft wirbelte hinter diesen brennenden Leere.
Ein verfluchter Blick. Eine Qual jenseits des Sterblichen.
Rebeccas ganzer Körper verkrampfte sich.
Sie konnte nicht atmen.
Sie konnte sich nicht bewegen.
In dem Moment, als sie seinen Blick traf, fühlte sie sich, als würde sie verschluckt werden.
Hinuntergezogen. In den Abgrund.
Die Wüste um sie herum schmolz dahin.
Die Realität zerbrach.
Sie fiel – nein, sie wurde gezogen – in eine Dunkelheit, die tiefer war als die Leere des Universums.
Das Gewicht von tausend Albträumen erdrückte ihren Verstand, ihre Knochen.
Diese Dunkelheit zog sie in eine Vergangenheit, die sie unter Schichten kalter, gnadenloser Trotzigkeit begraben hatte.
Die Dunkelheit verschob sich.
Und dann war sie wieder da.
Rebecca war wieder ein Kind. Acht Jahre alt.
Ein kleines, zerbrechliches Wesen, das mitten im Dreadthorne Castle stand, wo nur wenige Auserwählte jemals einen Fuß setzen durften.
Die Luft war eisig kalt und voller Flüstern der Toten – ein Ort, an dem es kein Licht gab.
Vor ihr ragte ein großer Altar aus Eis und Knochen empor, geschmückt mit den Reliquien ihrer Vorfahren.
Dunkelblaues Licht leuchtete kalt an den Wänden der Höhle und warf unheilvolle Schatten auf die Reihen der Thorne-Adligen, die in unheimlicher Stille standen.
In ihrer Mitte stand ihr Vater – Lord Gaius Thorne, derjenige, der die Aufgabe übernommen hatte, die gefürchtetsten Rituale ihrer Blutlinie fortzuführen.
Sein durchdringender, eiskalter Blick bohrte sich in sie, ohne jede Wärme.
„Heute Nacht“, sagte er mit befehlender Stimme, „wirst du die Schwäche ablegen, mit der du geboren wurdest.“
Rebeccas kleine Hände ballten sich zu Fäusten, ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen.
Schwäche.
Das war es, was Gefühle für das Haus Thorne bedeuteten.
Sie waren nutzlos. Sie trübten das Urteilsvermögen. Sie machten einen verwundbar.
Und doch hatte Rebecca es nie geschafft, sie loszuwerden. Nicht wie Thorin, ihr perfekter älterer Bruder, der die Lehren ihrer Familie mühelos angenommen hatte, der nie zögerte, der nie schwankte.
Nicht wie Esther, ihre ältere Schwester, die trotz ihrer Fürsorge für Rebecca die Pflicht über die familiären Bindungen gestellt hatte und sich zu der kalten Kriegerin gestählt hatte, die ihre Familie von ihr erwartete.
Aber Rebecca hatte immer zu viel gefühlt.
Und das würden sie nicht zulassen.
Eine Frau trat vor – eine hochrangige Matriarchin, gekleidet in dunkelblaue Roben, ihr Gesicht unter einer unheimlichen, eisigen Maske verborgen.
Sie hielt einen dunklen silbernen Kelch in den Händen, dessen flüssiger Inhalt in unnatürlicher Dunkelheit wirbelte.
Der Trennungstrank.
Ein verbotenes Gebräu aus dem Blut derer, die es nicht geschafft hatten, ihre Gefühle aufzugeben.
Es war der erste Schritt, bevor man die tödlichen, kalten Künste des Hauses Thorne erlernen durfte.
Es war Teil dieser verfluchten Ausbildung. Eine Ausbildung, die die Seele tötete.
Sie hatte gesehen, wie andere vor ihr davon getrunken und die Ausbildung begonnen hatten.
Sie hatte gesehen, wie ihre Augen trüb wurden und ihre Herzen zu leeren Hüllen wurden.
Sie fühlten nichts mehr.
Schmerz spielte keine Rolle mehr. Liebe, Hass, Traurigkeit – alles war verschwunden.
Und jetzt war sie dran.
„Trink“, befahl die Matriarchin mit hohler Stimme.
Der Kelch wurde an Rebeccas Lippen gesenkt.
Sie konnte ihr eigenes Spiegelbild in der dicken, wirbelnden Dunkelheit sehen.
Ihre eigene Angst.
Ihre eigene Ablehnung.
Aber sie konnte nicht nein sagen.
Sie war eine Thorne.
Sie hatte keine Wahl.
Ihre Finger krallten sich um den Kelch.
Ihre Lippen öffneten sich.
Und dann –
„Halt!“
Eine Stimme durchbrach die Stille.
Esther.
Ihre Schwester hatte sich vor sie gestellt, die Arme schützend ausgebreitet, und widersetzte sich damit dem Befehl ihres Vaters.
Rebeccas Augen weiteten sich, ihr kleines Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
„Das kannst du ihr nicht antun“,
sagte Esther mit kühler, aber verzweifelter Stimme. „Sie ist noch ein Kind.“
Lord Gaius‘ Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. „Das warst du auch, als du aus dem Kelch getrunken hast.“
Rebecca schnappte nach Luft.
Das hatte sie nicht gewusst.
Esther hatte das Ritual vor ihr durchlaufen – und sie hatte überlebt.
Sie sah auf den Rücken ihrer Schwester, auf ihre starre Haltung, ihre kontrollierte Atmung.
Und dann – Esther drehte den Kopf, und zum ersten Mal sah Rebecca es.
Die Gefühlslosigkeit in den dunklen Augen ihrer Schwester.
Das Fehlen der Wärme, die sie einst gehabt hatte.
Esther hatte versucht, sie zu beschützen.
Aber Esther war bereits verloren.
Diese Erkenntnis erschütterte sie zutiefst.
Und in diesem Moment brach etwas in Rebecca.
Sie warf den Kelch zu Boden und zerschmetterte ihn.
Ein Raunen erfüllte die Höhle.
Thorins Stimme, unheimlich ruhig, hallte aus den Schatten: „Sie widersetzt sich.“
Lord Gaius stieß einen kalten, enttäuschten Seufzer aus.
„Dann muss sie es lernen.“
–
Rebeccas Welt verschwamm, als sie vorwärts gezogen und auf den Altar gezwungen wurde.
Kalte, gefühllose Hände fesselten sie mit Ketten aus dunklem Eis – denselben Ketten, mit denen ungehorsame Geister gefesselt wurden.
Sie schlug um sich, trat um sich, schrie –
aber das Eis kroch an ihren Gliedern empor und umhüllte sie Zentimeter für Zentimeter.
„Da du dich weigerst, deine Gefühle abzulegen“, hallte die Stimme ihres Vaters, „wirst du lernen, was es bedeutet, für sie zu leiden.“
Sie konnte nicht atmen.
Die Kälte war anders als alles, was sie je erlebt hatte.
Sie drang in ihre Knochen, in ihren Verstand und flüsterte ihr Dinge zu, die sie an sich selbst zweifeln ließen.
„Du bist schwach.“
„Du wirst vergessen werden.“
„Du bist unserer Blutlinie nicht würdig.“
Ihre Lungen brannten.
Ihr Herz pochte heftig.
Tagelang, wochenlang, monatelang und jahrelang versuchte sie zu schreien, aber ihre Stimme versagte.
Nicht Esther. Nicht Thorin. Niemand aus ihrer Familie. Niemand.
Und gerade als Rebecca das Bewusstsein zu verlieren drohte, gerade als ihre Seele fast zerbrach –
riss Asher seinen Blick weg.
Die Vision verschwand.
Rebecca stolperte vorwärts, keuchend, ihr ganzer Körper zitterte, bedeckt von einer dunkelgrünen, geschmolzenen Schicht, die ihren ganzen Körper zu verschlingen drohte. Zum Glück hielt Asher gerade noch rechtzeitig inne, bevor sie sich in eine Aschefigur verwandeln konnte, und ließ die Schicht langsam zerbröckeln.
Doch Rebecca nahm das kaum wahr, da ihr Geist noch immer von Schmerz und Schock benommen war.
Sie war nicht an diesem Ort.
Sie war nicht mehr dieses Kind.
Aber für einen Moment war sie es gewesen.
Ihre Finger zuckten und ballten sich zu zitternden Fäusten.
Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Haut und zogen Blut, nur um sich daran zu erinnern –
Dass sie noch hier war.
Dass sie nie so geworden war wie sie.
Sie sollte das nicht fühlen.
Sie sollte nicht –
Ein Atemzug entwich ihren Lippen.
Sie weinte.
Sie hatte seit damals nicht mehr geweint.
Aber jetzt –
Tränen liefen ihr über das Gesicht.
Sie ballte die Fäuste und biss die Zähne zusammen, bevor sie sich zwang, Asher anzusehen.
Er hatte alles gesehen. Es gab nichts mehr zu verbergen.
Asher starrte sie an, sein Atem ging unregelmäßig.
Er hatte alles gesehen.
Und zum ersten Mal verstand er.
Endlich verstand er, warum sie so war, wie sie war. Nicht nur wegen dem, was sie getan hatte, um zu überleben.
Sondern wegen dem, was sie verloren hatte. Und wegen dem, was sie fürchtete, wieder zu verlieren.
Rebecca hob langsam den Blick und ließ die Tränen an ihrem Gesicht gefrieren.
Und dann – grinste sie.
Ein langsames, müdes, bitteres Grinsen.
„Jetzt weißt du“, flüsterte sie mit heiserer Stimme, „warum ich nie normal bin.“
Aber Asher grinste nicht zurück.
Sein Blick blieb ernst.
Denn er wusste, dass das Grinsen auf ihrem Gesicht nicht der Stolz war, den sie normalerweise ausdrückte, sondern ein stilles Eingeständnis, dass Schmerz ihr einziger ständiger Begleiter gewesen war.
Was denkt ihr darüber? :#
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Resurgent