805 Blut und Erlösung
Die Höhle pulsierte in einem unheimlichen Rhythmus, die Wände schienen unter der Last längst vergessener Geschichte zu atmen. Rowena und Narissara stiegen tiefer in den Abgrund hinab, das schwache Leuchten der dunklen Vegetation beleuchtete ihre Umgebung nur schwach.
Und dann sahen sie es endlich.
Eingebettet im Herzen der Höhle lag ein aus dem Boden geformtes Becken, in dem sich ein fast ausgetrockneter Brunnen befand, der noch ein paar Tropfen einer unheimlichen, leuchtenden Flüssigkeit zu enthalten schien. Die Flüssigkeit pulsierte in langsamen, rhythmischen Wellen – tief saphirblau, als würde sie vor Kraft pulsieren.
Das Elixier der Ahnen.
Rowena blieb stehen und starrte auf das faszinierende Leuchten, während die Flüssigkeit sich wie dickflüssiges Blut bewegte und wirbelte, als ob sie die Überreste von etwas Göttlichem … oder etwas Verfluchtem enthielt.
Narissara atmete scharf aus, und ihre sonst so gefassten Gesichtszüge verrieten einen Anflug von Dringlichkeit.
„Es ist noch genug übrig“, flüsterte sie erleichtert und ging schnell vorwärts.
Sie zog ein kleines Fläschchen hervor, das mit eleganten Symbolen verziert war, und begann vorsichtig, die kostbare Flüssigkeit Tropfen für Tropfen abzusaugen. Das Elixier war dickflüssig, schwerer als Wasser, und jeder Tropfen, den sie auffing, fühlte sich an, als würde sie ein Relikt der Geschichte selbst berühren.
Rowena ließ unterdessen ihren Blick schweifen. Die Höhle war uralt, ihre Wände von der Zeit gezeichnet. Und doch hatte dieser Ort etwas Bewahrt.
Ihre blutroten Augen suchten die hoch aufragenden Felswände ab und blieben an den in den Stein gemeißelten Inschriften hängen – Geschichten, die durch Symbole und Bildzeichen erzählt wurden. Einige waren verblasst und durch die Erosion der Zeit kaum noch zu erkennen, während andere klar und deutlich zu sehen waren und sich dem Vergessen widersetzten.
Und dann sah sie es.
Eine große Zeichnung, die sich über die gesamte Innenwand der Höhle erstreckte. Sie zeigte zwei hoch aufragende Gestalten – zwei Teufel mit schattenhaften Körpern, hohlen Augen und offenen Mündern, die einen stillen, ewigen Schrei ausstießen. Und vor ihnen, in der Mitte, stand eine Frau.
Rowena runzelte die Stirn und trat näher. Die Gestalt der Frau war auffällig, fast vertraut – wie eine Umbralfiend, doch deutlich anders.
Die Hälfte ihres Körpers war der eines Fisches, ähnlich wie das Volk von Narissara, aber sie hatte keine leuchtenden Schuppen. Stattdessen war ihre Gestalt dunkel, gedämpft und verschmolz mit den umgebenden Schatten, als gehöre sie selbst zur Unterwelt.
Ihr Oberkörper ähnelte dem von Isola, was Rowena fragen ließ, ob der Grund, warum Isola ein wenig anders aussah als ihr Volk, etwas mit diesem Elixier zu tun hatte.
„Narissara“, rief Rowena mit fester Stimme, die jedoch von Neugierde durchsetzt war.
Narissara, die noch immer damit beschäftigt war, die letzten Reste des Elixiers zu extrahieren, warf ihr einen Blick zu.
„Was?“
Rowena deutete auf die Gravur. „Wer ist das?“
Narissara folgte Rowenas Blick und in dem Moment, als ihre Augen auf die alte Schnitzerei fielen, huschte ein Schatten über ihr Gesicht.
„Du hast sie also bemerkt“, murmelte sie und richtete sich auf. Sie wischte sich die Hände ab und wandte sich ganz der Inschrift zu.
„Sie ist nichts als ein Mythos“, sagte Narissara schließlich.
Rowena kniff die Augen zusammen. „Ein Mythos?“
Narissara nickte leicht, ihr Gesichtsausdruck war unlesbar.
„Es heißt, bevor mein Volk sich in der Tiefe niederließ, bevor wir lernten, in den verfluchten Gewässern zu überleben, lebte eine Person in diesem Abgrund. Die Inschriften besagen, dass sie ein Wesen war, das keinem anderen glich – eine Göttin, die Mutter des Kraken und unseres Volkes. Und die beiden Teufel neben ihr?“ Narissara deutete auf die hoch aufragenden, höllischen Gestalten, die in den Stein gemeißelt waren. „Manche sagen, sie waren ihre Anhänger, ihre Diener, an ihren Willen gebunden.“
„Eine Prophezeiung, die sich als falsch herausstellte. Deshalb möchte ich glauben, dass sie nur ein Mythos war. Mein Volk erzählt Geschichten darüber, wie sie von etwas Größerem verlassen wurde, in dieser Tiefe zurückgelassen, um vergessen zu werden. Und die Teufel, die ihr folgten? Sie waren nicht unsere Retter – sie waren ihre Entführer, ihre Wächter.
Und wenn diese beiden hierher gefallen sind …“ Narissara deutete auf die Höhle, ihre Augen verdunkelten sich, „… wer weiß dann, ob sie wirklich mit ihnen umgekommen ist?“
09:12
Rowena studierte die alten Zeichen, die Flüstern einer längst begrabenen Vergangenheit. „Sie war also deine Vorfahrin? Sie war diejenige, die von der Prophezeiung der Mitternachtsjungfrau sprach, die niemand anderes als Isola war?“
Narissaras Kiefer presste sich leicht zusammen.
„Eine Prophezeiung, die sich als bedeutungslos herausstellte. Deshalb möchte ich glauben, dass sie nur ein Mythos war. Mein Volk erzählt Geschichten darüber, wie sie von etwas Größerem verlassen wurde, in dieser Tiefe zurückgelassen, um vergessen zu werden. Und die Dämonen, die ihr folgten? Sie waren nicht unsere Retter – sie waren ihre Entführer, ihre Wächter. Und wenn die beiden hier gefallen sind …“
Narissara deutete auf die Höhle, ihre Augen verdunkelten sich, „… wer weiß dann, ob sie wirklich mit ihnen umgekommen ist?“
Rowena wurde ganz kalt ums Herz.
Sie wandte ihren Blick wieder der unheimlichen Darstellung zu. Wenn diese Frau wirklich existiert hatte, was war sie dann? Und wie konnte jemand so mächtig und göttlich wie diese Wesen überhaupt hierher gelangen?
Rowena atmete langsam aus und verdrängte diese Gedanken vorerst.
„Wir haben, was wir wollten“, sagte sie schließlich und schaute zu Narissara, deren Fläschchen jetzt fast voll mit dem kostbaren Elixier war und die Quelle leer.
Narissara nickte entschlossen und verschloss das Fläschchen sorgfältig, obwohl sie traurig und niedergeschlagen war, weil sie die heilige Quelle geleert hatte. Jetzt war keine Spur mehr von den mythischen Wesen zu sehen.
„Lass uns jetzt zurückgehen.“
Mit stummer Zustimmung schwammen die beiden zum Eingang der Höhle, während die kalte, bedrückende Präsenz auf ihren Rücken drückte, als wolle sie sie zur Eile drängen.
Als sie aus der Teufelsschlucht auftauchten, fühlte sich die einst bedrückende Stille des Ozeans leichter an, als hätte der Abgrund selbst bei ihrer Abreise erleichtert ausgeatmet.
Doch gerade als Narissara ihre Schultern entspannte, ließ eine plötzliche Veränderung im Wasser sie die Augen zusammenkneifen.
Sie blieb abrupt stehen und hob eine Hand, um Rowena aufzuhalten.
„Warte.“
Rowena spannte sich sofort an, da sie die Veränderung ebenfalls spürte.
Narissara drehte den Kopf leicht zur Seite und suchte mit scharfen Augen die trübe Ferne ab.
Dann verhärtete sich ihr Gesichtsausdruck.
„Wir sind nicht allein.“
Eine Welle bewegte sich durch das Wasser – eine Verzerrung, fast unmerklich, aber unverkennbar unnatürlich.
Rowena griff nach ihrer Mana, ihr Blut pulsierte vor Kraft.
Das Wasser um sie herum wurde plötzlich zu still. Eine Stille, so tief, dass Rowenas Instinkte sie vor der Gefahr warnten, die sie umgab.
Narissaras Augen weiteten sich vor Entsetzen, als eine Welle durch die Tiefe raste, gefolgt von einer weiteren. Schatten schlitterten zwischen den zerklüfteten Unterwasserfelsen hindurch und bewegten sich mit unnatürlicher Anmut, während sich ihre grotesken Körper auf unnatürliche Weise verdrehten. Dann kam das Leuchten – kränkliche, bösartige Adern pulsierten entlang sehniger Gestalten, die aus der Dunkelheit auftauchten.
Narissara biss die Zähne zusammen.
„Das sind sie … die Verfluchten Geister.“
Rowena hatte noch nie in ihrem Leben so bösartige Kreaturen gesehen. Das waren keine bloßen Monster … sondern etwas viel Schlimmeres, das ihr klar machte, wie schwer es für Narissara und ihr Volk gewesen sein musste, hier unten zu überleben. Kein Wunder, dass sie so verzweifelt waren, ihr Land zurückzuerobern.
„Entweder haben sie darauf gewartet, dass wir gehen, oder sie haben gerade gefressen …“, murmelte Narissara mit angstvoller Stimme, während sie nach Rowenas Arm griff und ihn fest umklammerte. „Wir müssen weg – SOFORT!“
Rowena nickte und die beiden vereinten ihre Mana, um sich mit höherer Geschwindigkeit fortzubewegen.
Doch die Schatten bewegten sich. Die Wraiths waren schneller als die beiden.
Mit einer einzigen grotesken Bewegung stürzten sie sich auf sie.
Der erste Angriff kam von unten – Rowena drehte sich im Wasser, ihr Blut entlud sich in explosiver Kraft, als sie eine Welle sengender, purpurroter Tentakel ausstieß. Das dunkle Wasser färbte sich rot, als die blutgetränkte Energie die ersten Wraiths durchbohrte und sie augenblicklich auslöschte. Ihre Körper verzerrten sich heftig, bevor sie sich in schwarzen Nebel auflösten.
Narissara zögerte nicht – dunkles Wasser schoss um sie herum und bildete messerscharfe Strömungen, die die wimmelnden Kreaturen wie ein Todessturm durchschnitten. Sie hätte nie gedacht, dass sie diesen albtraumhaften Kreaturen jemals wieder begegnen würde.
Ihre Bewegungen waren flüssig, gnadenlos, präzise. Jedes Mal, wenn sich ihre Hände bewegten, reagierte das Wasser und formte sich zu Speeren, Klingen und vernichtenden Wellen, die ihre grotesken Gestalten zerfetzten.
Rowena zuckte zusammen, Blut spritzte ins Wasser.
„Rowena!“, rief Narissara besorgt, aber sie hatte keine Zeit, nach ihr zu sehen – die Wraiths überwältigten sie.
Ein weiteres Wesen schlug Narissara von hinten, öffnete sein Maul, um zuzubeißen, und versenkte messerscharfe Zähne in ihrer Schulter. Sie verzog vor Schmerz das Gesicht und drehte ihren Körper, um einen Strahl dunklen Wassers direkt durch seinen Schädel zu schicken.
Die Kreatur zuckte noch einmal, bevor sie sich auflöste, aber schon kamen weitere näher.
Sie würden diesen Kampf nicht gewinnen.
Narissara wusste es als Erste. Sie hatte es immer gewusst.
„Wir können sie nicht alle töten“, sagte sie mit angespannter Stimme, während sie ihre letzten Mana-Kräfte sammelte. „Sie werden immer weiter kommen. Du musst weg, Rowena!“
Rowena wirbelte herum und schüttelte heftig den Kopf.
Narissara ignorierte ihren Widerstand. Mit letzter Kraft errichtete sie eine mächtige Barriere – eine riesige, durchsichtige Kugel aus dunklem Wasser, die sie beide umschloss.
„Hör mir zu“, sagte Narissara mit dringlicher, aber sanfter Stimme. „Du musst das Elixier nehmen und gehen. Wenn du bleibst, sterben wir beide.“
Rowenas Augen flackerten, Narissaras Worte trafen sie wie Messerstiche in die Brust.
„Ich halte sie hier auf, aber du musst Isola retten. Ihr bleibt nicht viel Zeit.“
Rowena ballte die Fäuste, ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen.
Sie wollte kämpfen. Sie wollte bleiben.
Aber sie sah es.
Die Barriere begann bereits zu bröckeln. Die Verfluchten Geister schlugen gegen sie, ihre grotesken Gestalten krallten sich fest, schlugen um sich und schrien. Die Kugel zitterte unter ihrem unerbittlichen Angriff, und Risse breiteten sich über ihre Oberfläche aus.
Narissaras Atem ging schwer, ihr Körper zitterte vor Anstrengung.
„Ich weiß, dass du mich nicht verlassen willst“, flüsterte Narissara, ihre Augen wurden traurig.
„Aber du musst. Für Isola. Für unser Volk und dein ungeborenes Kind. Wenn du nicht wärst, hätte ich versucht, zu sterben, ohne meine Tochter zu retten. Deshalb kann ich dir gar nicht genug sagen, wie dankbar ich dir bin, dass du mir die Chance gegeben hast, meine Tochter zu retten. Endlich konnte ich etwas Gutes für sie tun.“
Rowena schloss fest die Augen.
Die Barriere zerbrach.
Die Wucht des Bruchs sandte eine Schockwelle durch das Wasser.
Und in diesem Moment bewegte sich Narissara.
Mit aller Kraft, die ihr noch blieb, stieß sie Rowena von sich weg.
Rowenas Körper wurde nach hinten geschleudert, und die Wucht schleuderte sie durch das dunkle Wasser.
Ihre Sicht verschwamm, als sie sah, wie Hunderte von Wraiths sich auf Narissara stürzten.
Das Letzte, was sie sah, war Narissara, die aufrecht und trotzig dastand, ein trauriges, aber entschlossenes Lächeln auf den Lippen, als die Wraiths sich auf sie stürzten.
„Moraxor … Ich werde bald zu dir kommen, meine Liebe … Möge unser Opfer die Wunden heilen, die wir unserer Tochter zugefügt haben …“
Dann – ein roter Spritzer.
Blut.
Rowenas Herz zog sich vor unbeschreiblicher Qual zusammen.
Sie wollte zurück. Sie wollte kämpfen.
Aber sie wusste …
Sie wusste, dass Narissaras Opfer umsonst gewesen wäre, wenn sie geblieben wäre.
Tränen vermischten sich mit dem Blut im Wasser, als sie sich umdrehte, ihr ganzer Körper schmerzte vor Trauer, Wut und Hilflosigkeit.
Mit einem letzten, schweren Atemzug schwamm sie davon, verschwand, weg von dem Ort des Gemetzels und des Schmerzes.
Verdammt :/
Bitte stimmt mit Golden Tickets und Power Stones ab, wenn euch die Geschichte gefällt und ihr sie unterstützen wollt 😀
Tretet meinem Discord-Kanal bei –https://discord.gg/HjWkd4nB3z