„Du bist das Kind aus der Prophezeiung.“
Diese Worte hallten unaufhörlich in meinem Kopf wider und prallten wie ein verfluchter Flüsterton zwischen den Wänden meiner Gedanken hin und her, ohne zu verklingen.
Prophezeiung?
Ich glaube …
Da erinnerte ich mich daran, wann ich dieses Wort zum letzten Mal gehört hatte.
Die Göttin Ylthea hatte dasselbe zu mir gesagt. Aber sie war verschwunden, bevor ich weitere Fragen stellen konnte. Bevor ich Antworten von ihr verlangen konnte.
Und jetzt, wo sie vor mir stand, sagte Nathalia dasselbe noch einmal, als hätte sie es auch gewusst.
Ich ballte die Fäuste, meine Kehle war trocken, als ich die Worte herauspresste.
„Was ist das für eine Prophezeiung?“
Nathalia kicherte. Es war weder spöttisch noch freundlich. Es war eine Art Lachen, das ein Geheimnis barg. Eines, das nur sie kannte.
„Ylthea hat es dir also wirklich nicht erzählt“, sagte sie nachdenklich und schüttelte leicht den Kopf.
Irgendetwas stimmte hier nicht.
Jetzt fiel es mir auf.
Sie sprach so beiläufig über Ylthea. Als würde sie sie kennen. Als würde sie wissen, worüber wir beide gesprochen hatten.
Woher wusste sie das?
Hatte sie es gesehen, als sie mich in ihrem Traum gefangen gehalten hatte? Hatte sie alles gesehen?
Es herrschte für einige Momente Stille zwischen uns, bevor Nathalia endlich wieder sprach.
Ein Grinsen huschte über ihre Lippen, als sie eine Hand hob und begann, einige Symbole in die Luft zu zeichnen.
Helles gelbes Licht leuchtete zusammen mit ihren anmutigen Fingern.
Und dann erzählte sie mir die Prophezeiung.
„Es sollte niemals einen Herrscher über die Götter geben, noch eine Kraft, die sich dem Kreislauf widersetzen könnte. Doch aus der Asche des Olymp entstand ein Paradoxon. Seine bloße Existenz ist eine Anomalie, und durch seine Hand wird die letzte Ära der Götter geschrieben oder ausgelöscht werden. Er wird entweder eine neue Ordnung jenseits der Göttlichkeit selbst schaffen … oder die Götter zu Fall bringen.“
Es wurde still im Raum. Es war, als würde das Gewicht dieser Worte den Raum um mich herum zum Einsturz bringen.
Ich stand wie erstarrt da.
„Was …?“
Sera schnappte neben mir nach Luft, aber ich nahm es kaum wahr.
In meinem Kopf wiederholte sich jedes Wort der Prophezeiung, ich zerlegte sie, analysierte sie, zerriss sie und setzte sie wieder zusammen –
Asche des Olymp?
Letzte Ära der Götter?
Diese Prophezeiung … bezog sich auf mich?
Das ergab keinen Sinn. Und doch –
irgendwie, tief in meinem Innersten, hatte ich das Gefühl, als hätte ich es schon immer gewusst.
Eine seltsame Vertrautheit. Wie eine Erinnerung, die tief in mir vergraben war.
„Ugh –!“
Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Schädel und zerriss meine Gedanken.
Ich taumelte.
Meine Hände flogen zu meinem Kopf, als der Schmerz stärker wurde und in meinem Schädel pochte.
Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, dieses qualvolle Gefühl zu unterdrücken, aber es war zwecklos.
Ich hörte einen entfernten Schrei.
Sera …
Ich hörte ihre Stimme. Aber ich konnte sie nicht sehen.
„H-Hey … Was ist passiert … Hu…man?“
Sie klang besorgt. Aber ich konnte ihr nicht antworten. Ich konnte mich nicht einmal konzentrieren.
Der Schmerz war einfach unerträglich –
und dann hörte er plötzlich auf.
Einfach so.
Das erdrückende Gewicht, das ich zuvor gespürt hatte, die unerträgliche Qual – alles verschwand, als wäre es nie da gewesen.
Ich atmete keuchend, als ich langsam meine Augen öffnete.
Ich erstarrte.
Meine Augen weiteten sich.
Um mich herum war nur Dunkelheit.
Endlos. Unendlich. Verschlingend.
Ich konnte meine Hände nicht sehen. Ich konnte meinen Körper nicht spüren.
Nichts.
Mein Herz schlug wie wild gegen meine Rippen.
„Was passiert mit mir?“
Dann –
flackerte der Raum.
Vor mir entfaltete sich eine Szene, wie ein Fragment, das sich zusammenfügte.
Ich sah eine riesige Festung, deren hoch aufragende Mauern unter der goldenen Sonne weiß glänzten. Die Luft war klar und erfüllt vom fernen Summen von Hymnen.
Unter meinen Füßen lag weißer Marmorboden.
Menschen in weißen und gelben Gewändern gingen durch die Straßen.
Ich erkannte diesen Ort sofort.
Olymp.
Aber –
Er war nicht zerstört.
Er war nicht in Schutt und Asche gelegt worden.
„Das … war vor seinem Untergang.“
Vor seiner Zerstörung.
Ich starrte sprachlos vor mich hin.
Warum bin ich hier?
Aus irgendeinem Grund kam mir nichts davon seltsam vor.
Es fühlte sich … vertraut an.
Ich träumte nicht, so viel war mir klar. Die Luft war zu frisch, die Wärme der Sonne zu real, das entfernte Stimmengewirr – alles war zu natürlich.
Das war etwas anderes.
„Erinnerungen?“
Der Gedanke ließ mich erschauern.
Ich starrte in die Ferne, auf den majestätischen Olymp – das heilige Reich, in dem die Götter wohnten.
Es war atemberaubend.
Der Olymp ragte hoch empor wie ein majestätischer Turm, der die Wolken durchbohrte. Eine göttliche Aura umhüllte seine hoch aufragenden Hallen und reflektierte das Licht der Sonne.
Flüsse aus flüssigem Silber flossen zwischen den Straßen. Brücken aus klarem Kristall spannten sich über die Wasserwege. Und im Zentrum von allem stand ein Palast, wie ich ihn noch nie gesehen hatte – so riesig, so prächtig, dass allein seine Anwesenheit jeden in die Knie zwang.
Er war neuer, unberührt von der Zerstörung, als wäre er erst kürzlich erbaut worden. Er stand in krassem Gegensatz zu dem zerbrochenen, verlassenen Olymp, den Ylthea mir zuvor gezeigt hatte.
Ich stand in der Mitte einer Straße aus weißem Marmor, deren glatte, kühle Oberfläche sich unter meinen nackten Füßen anfühlte.
Um mich herum gingen Menschen in weißen Roben vorbei und unterhielten sich leise miteinander.
Ich warf einen Blick auf mich selbst.
Ich trug die gleiche Robe wie sie.
„Eh?“
Wer bin ich?
Der Gedanke hallte in meinem Kopf wider, als ich meine linke Hand hob, um sie zu untersuchen.
„Bin ich das?“
Ich versuchte, meine Finger zu bewegen, aber sie bewegten sich nicht.
„Was zum …?“
Ich konnte nicht einmal meine Worte aussprechen.
Dieser Körper….
das ist nicht meiner.
Ich war im Körper von jemand anderem!
„Großer Bruder!“
Eine kleine, fröhliche Stimme rief von rechts.
Ich drehte meinen Kopf.
Und dann bemerkte ich es –
eine winzige Hand umklammerte meine.
Ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf Jahre, stand neben mir. Ihr silberweißes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern. Aber es waren ihre Augen, die mich überraschten – rein blutrot, glänzend vor kindlicher Unschuld.
Sie strahlte mich an.
„Großer Bruder, ich will einen Apfel!“
Sie zog an meiner Hand und lächelte strahlend.
Fortsetzung folgt.