Sie alle wussten, dass der Kampf jetzt unvermeidlich war. Niemand murrte darüber – obwohl ihre Gesichter dieselbe müde Akzeptanz zeigten. Es war keine Angst, die sich über sie legte, sondern der gemeinsame Gedanke, dass dies eine Unannehmlichkeit war, die sie so früh auf ihrer Reise lieber vermieden hätten.
Mit geschickten Bewegungen zogen sie ihre Waffen aus den Scheiden. Selenes behandschuhte Finger knisterten leise, als eine Flamme in ihnen aufloderte. Kaela rollte mit den Schultern und spannte ihre Hand um ihre beiden Dolche, deren Klingen im goldenen Licht schwach glänzten.
Thorne zog sein Schwert mit einem leisen Knirschen aus der Scheide, sein Gesicht war ausdruckslos, bis auf ein leichtes Zucken um den Mundwinkel, wie bei einem Mann, der sich auf eine unangenehme Aufgabe vorbereitet.
Selbst Mark, der sonst immer so ruhig war, zog sein Schwert mit einem Grunzen und einem gemurmelten „Bringen wir es hinter uns“ aus der Scheide.
Jans scharfer Blick huschte über alle, dann wandte er sich wieder Annette und Eccar zu.
„Annette, bleib hier bei Eccar“, befahl Jan mit fester Stimme. Sein Blick wanderte zu Eccar, und seine Worte klangen jetzt schwer. „Und du, ich weiß, dass du stark bist. Aber lass das erst mal uns machen. Wir kümmern uns um unsere eigenen Probleme. Du musst dich da nicht einmischen. Zumindest jetzt noch nicht. Wir wollen schließlich unseren Stolz als Abenteurer bewahren.“
Eccars Blick traf Jans und er lächelte ruhig und gelassen, als würden ihn der wirbelnde Nebel und die herumstreifenden Monster überhaupt nicht stören.
„Ihr schafft das, Leute. Denkt nur daran, ihnen nicht direkt in die Augen zu schauen. Dort treffen sie eure Seele“, sagte Eccar.
Die Erinnerung ließ die ganze Gruppe leicht nicken, als hätten sie diese Tatsache gerade stillschweigend in ihren Schlachtplan aufgenommen.
Annette warf Eccar einen Seitenblick zu, und diesmal war ihr Lächeln zwar schwach, aber warm. „Also wirst du mich jetzt beschützen.“
Eccar zuckte leicht mit den Schultern. „Das macht mir nichts aus.“
Aber Annettes Lächeln verschwand für einen Moment. Plötzlich verspürte sie ein seltsames Gefühl, jetzt, wo sie so nah bei ihm stand. Es regte sich am Rande ihrer Sinne, subtil, aber deutlich.
Sie spürte ein Flackern magischer Kraft in Eccars Gegenwart, als wäre es etwas, das sie schon einmal in ihrem Leben gespürt hatte, in einer fernen Vergangenheit. Sie runzelte leicht die Stirn, während ihr Verstand nach der Erinnerung suchte, aber sie blieb ihm verborgen.
Das ist jetzt nicht wichtig, sagte sie sich. Der gegenwärtige Moment war wichtiger.
Sie schüttelte leicht den Kopf, um ihre Gedanken zu klären, und hob ihren Anhänger erneut.
Annette atmete tief aus. Sie ballte ihre Finger und flüsterte ein letztes Wort, das nur sie kannte.
Die goldene Kuppel um sie herum zitterte, und das Licht flackerte wie auf einer aufgewühlten Wasserfläche.
Dann brach sie langsam wie Blütenblätter nach innen zusammen und verschwand in einem sanften Puls aus verblassendem Glanz.
Als die schützende Barriere fiel, strömte der kalte Nebel zurück und die Monster außerhalb des Bereichs spürten sofort die Veränderung. Die löwenähnlichen Schlangenwesen stießen tiefe, feuchte Knurrlaute aus und ihre leuchtend grünen Augen blitzten erwartungsvoll heller auf.
Die Gruppe rückte enger zusammen, trat mit erhobenen Waffen vor und atmete ruhig.
„Okay. Lasst sie nicht hinter uns kommen. Wir bringen das zu Ende“, hallte Jans Stimme durch den Nebel.
Im nächsten Moment bewegte sich Jan wie ein gespannter Draht, der plötzlich losreißt – ohne zu zögern, nur mit Geschwindigkeit und Präzision.
Er sprang mit einem scharfen Ausatmen in die Höhe und schoss einen verzauberten Pfeil ab, noch bevor seine Stiefel wieder den Boden berührten.
SYUUUT!
Der Pfeil zischte durch den Nebel, goldene Runen leuchteten auf, als er den Löwenkopf der Bestie genau ins linke Auge traf. Das Ding bäumte sich mit einem kehligen Knurren auf, sein Auge war bereits dunkel und zerstört.
Aber Jan war noch nicht fertig. Er schnippte mit den Fingern und der Pfeil explodierte mit einem dumpfen Geräusch, einem Lichtblitz und einer Wucht, die nach außen drang.
Das andere Auge der Bestie platzte in einem feuchten Sprühregen, und das Monster brüllte nun blind vor Wut, taumelte, war aber noch quicklebendig.
Seine beiden Schlangenköpfe wand sich über seinen Schultern und drehten sich zu ihm, ihre smaragdgrünen Augen brannten vor Wut und Hunger.
In diesem Moment stürmte Hund los. Er kam hinter Jan hervor, sein großer Körper wurde zu einem verschwommenen Fleck, der seiner Größe nicht entsprach. Seine Stiefel hämmerten auf den Boden.
Die Schlangen schnappten nach ihm, ihre leuchtenden Augen fixierten ihn, bereit, seine Seele mit ihrem verfluchten Blick zu zerreißen.
Aber Hund hatte seine Augen von Anfang an fest geschlossen und er brauchte nicht einmal zu sehen, um zu töten, sein Gesicht war zu einer grimmigen Linie der Konzentration verzogen. Er würde ihnen diese Chance nicht geben.
Mit einem kraftvollen Schritt schloss er die Distanz. Sein Schwert schwang in einem Bogen, angetrieben von purer Wucht. Die Klinge traf mit einem knackenden Geräusch auf einen der Schlangenköpfe und spaltete mit einem Schlag Schuppen und Knochen.
Der Kopf fiel zu Boden, während schwarzes Blut durch den Nebel spritzte.
Der verbleibende Schlangenkopf stieß einen hohen Schrei aus und schoss mit rasender Geschwindigkeit auf Hund zu.
Der blinde Löwenkopf stürzte ebenfalls vor und schlug mit seinen Klauen durch die neblige Luft.
Jan verlagerte geschickt sein Gewicht und verfolgte mit scharfen Augen das Chaos vor ihm. Hinter sich entdeckte er Esther – ihre Hände knisterten bereits vor Hitze.
„Jetzt, Esther. Verbrenn es“, sagte Jan ruhig, aber laut genug, dass sie ihn hören konnte.
Mehr brauchte Esther nicht. Sie führte ihre Hände zusammen und beschwor mit einer geübten Bewegung einen dichten Feuerball herauf, kompakt und brüllend, mit streng kontrollierter Kraft. Mit einem scharfen Stoß schleuderte sie ihn nach vorne.
Die lodernde Kugel traf den verbleibenden Schlangenkopf. Flammen schlugen hervor und hüllten sein Gesicht in einen Vorhang aus sengender Hitze. Die Bestie stieß einen schrecklichen, feuchten Schrei aus, während ihre Schuppen schwarz wurden und ihre Augen kochten.
Die Bestie war jetzt komplett blind. Sie schlug wild um sich, ihre Schläge waren weit und hektisch, ihre Klauen rissen nur Luft und Dreck auf.
Hund, der schon bereit war, sprang zurück und landete leicht außerhalb der Reichweite. Schwarzes Blut tropfte von seiner Klinge, sein Gesicht blieb ruhig wie Stein.
„Mach sie fertig“, sagte Jan wieder, leise und entschlossen.
Esther nickte kurz. Sie hob die Hand und beschwor diesmal keine Kugel, sondern einen Bolzen – dünn, scharf und von einer dichten, konzentrierten Flamme umgeben. Er sah aus wie ein Pfeil aus geschmolzenem Licht und zitterte in der Luft, während sie zielte.
Mit einem scharfen Wort ließ sie ihn los.
Der Feuerbolzen schoss schneller als ein Pfeil vorwärts. Er durchbohrte den geblendeten Löwenkopf, und die brennende Spitze brach in einer Fontäne aus Flammen und Blut aus seinem Schädel. Der nächste Bolzen traf direkt die Basis des verbleibenden Schlangenhalses und dann erneut die massive Brust der Bestie.
Der Körper des Monsters zuckte einmal heftig, dann brach es zusammen, seine Gliedmaßen zuckten, während das Feuer es von innen verzehrte. Schwarzer Rauch stieg auf und vermischte sich mit dem kalten Nebel, bis beides zusammen verschwand.
Es wurde still. Das erste Biest war tot. Aber es waren noch immer Biester um sie herum.
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