Rowenas Blick wurde weich, als sie Ravina langsam ansah, und ihr sonst so zurückhaltender Ausdruck vermischte sich mit einer sanften Traurigkeit.
Sie legte zärtlich ihre Hände auf die kleinen, blassen Wangen ihrer Tochter und sagte leise: „Ravina, dein Vater … er ist gerade weit weg. Er versucht wirklich alles, um einen Weg zu finden, uns alle zu beschützen, auch dich.“
Ravinas dunkelgoldene Augen weiteten sich überrascht, ihre kleinen Lippen öffneten sich zu einem leisen Keuchen.
Doch schon bald verschwand die Aufregung und machte einem traurigen Schmollmund Platz. Sie senkte den Blick und fragte mit zitternder Stimme: „Heißt das, Ravina … wird Papa lange Zeit nicht sehen?“
Als Rowena den entmutigten Ausdruck ihrer Tochter sah, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie strich Ravina sanft die weichen, dunklen Locken aus dem Gesicht und lächelte ihr trotz des Schmerzes in ihrer Brust beruhigend zu. „Keine Sorge, meine Kleine. Dein Vater ist stärker als jeder andere, den ich kenne. Er wird alles in seiner Macht Stehende tun, um so schnell wie möglich zu dir zurückzukehren.“
Ravina hellte sich plötzlich auf, Entschlossenheit blitzte in ihren unschuldigen Gesichtszügen auf, als sie eifrig rief: „Dann soll Mama Papa zurückholen! Wenn Papa wieder zu Hause ist, wird Ravina stark werden und Mama und Papa beschützen, damit Papa immer bei Ravina bleiben kann!“
Rowena musste unwillkürlich sanft lächeln, auch wenn ihr Lächeln von bittersüßer Melancholie getrübt war. Die Unschuld ihrer Tochter war herzerwärmend und zugleich schmerzhaft, denn sie erinnerte sie an alles, was sie verloren hatten und wofür sie noch kämpfen mussten.
Sie nickte sanft und antwortete leise: „Ich weiß, meine tapfere kleine Tochter. Aber mach dir keine Sorgen. Er wird bald zurückkommen. Er würde uns niemals für immer allein lassen.“
Ravina lächelte wieder glücklich, ihre dunkelgoldenen Augen funkelten vor Aufregung, als sie an der Ärmel ihrer Mutter zupfte: „Mama, wie sieht Papa aus? Kannst du es Ravina sagen?“
Rowena hielt inne, für einen Moment versunken in die tröstliche, aber melancholische Erinnerung an sein Gesicht – diese kraftvollen, durchdringenden Augen und die scharfen, ätherischen Züge, die für immer in ihr Herz eingeprägt waren.
Ihre Stimme wurde leise, als sie antwortete: „Dein Papa … hat Augen genau wie du. Schön und wild, glänzend wie dunkles Gold. Seine Ohren sind auch wie deine, anmutig und elegant, und sein Aussehen ist … etwas, das nicht in diese Welt zu passen scheint.“
Sie streichelte Ravinas Wange zärtlich und fügte mit leiser Zuversicht hinzu: „Du wirst ihn sofort erkennen, mein Schatz. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der wie dein Papa ist. Selbst seine Stärke und seine Abstammung übertreffen alles, was diese Welt je gesehen hat.“
Ravinas Gesicht strahlte vor Faszination und Ehrfurcht, ihr kleiner Körper hüpfte vor Aufregung fast auf und ab: „Dann … kann Ravina jetzt zu Papa gehen?
Ravina will nicht auf Papa warten!“
Rowena seufzte leise und ihr Lächeln verblasste. Sie schüttelte zärtlich den Kopf und erklärte sanft, aber bestimmt: „Dein Papa ist an einem sehr gefährlichen Ort, Ravina – einem Ort, an den nur mächtige Menschen gehen sollten. Du bist noch zu klein, um dich solchen Gefahren zu stellen.“
Ravinas Schultern sackten traurig herab, sie senkte den Kopf und schmollte enttäuscht, weil sie sich wünschte, schon groß zu sein.
Als Rowena ihre Tochter so traurig sah, zog sie sie näher an sich heran, umarmte sie warm und beschützend und beruhigte sie sanft: „Sei nicht traurig, meine Kleine. Du wirst deinen Papa schneller wiedersehen, als du denkst. Bis dahin müssen wir stark bleiben, okay?“
„Okay …“, flüsterte Ravina leise, schmiegte sich an die beruhigende Wärme ihrer Mutter und fand Trost im sanften Rhythmus ihres Herzschlags.
Doch tief in ihrem Inneren zog sich Rowenas Herz zusammen, belastet von der Ungewissheit ihrer eigenen Worte. Sie hatte keine Ahnung, wann Asher wirklich zurückkehren würde oder ob er überhaupt in Sicherheit war. Die Hilflosigkeit, die sie empfand, weil sie Ravina anlügen musste, verursachte einen Schmerz, der tiefer war als jede Wunde.
Jetzt verstand sie besser, warum Asher ihr so viele Lügen erzählen musste. Es ging um mehr als nur darum, sich selbst zu schützen. Er wollte ihr Herz schützen.
Die beiden blieben ineinander verschlungen liegen, obwohl Rowenas Augen etwas müde waren, da sie seit Ravinas Geburt ständig auf sie aufgepasst hatte und weder richtig getrunken noch gegessen hatte.
Merina, die sie aus der Ferne beobachtet hatte, sah, wie müde die Königin war, und wollte sie kurz ablösen.
Merina kam leise herein, ein sanftes Lächeln auf ihrem freundlichen Gesicht: „Eure Majestät, bitte entschuldigt, dass ich Eure Ruhe störe. Lasst mich kurz auf die Prinzessin aufpassen. Ihr habt kaum Zeit gehabt, Euch zu erholen. Ich werde sie in der Zwischenzeit füttern.“
Rowena dachte, dass es vielleicht besser wäre, etwas Energie zu tanken, anstatt so hungrig zu bleiben. Sie musste alle möglichen Schreckensszenarien in Betracht ziehen und dafür sorgen, dass sie alle mit voller Kraft beschützen konnte.
Also nickte sie langsam und war Merina zutiefst dankbar für ihre unermüdliche Fürsorge: „Danke, Merina. Ich weiß wirklich alles zu schätzen, was du tust.“
Merina verbeugte sich sanft: „Es ist mir eine Ehre, Eure Majestät.“
Als Rowena sich auf die Suche nach etwas Blut machte, um ihren wachsenden Hunger zu stillen, wandte sich Merina Ravina zu und streckte ihr ihre zarten Hände entgegen.
Die junge Prinzessin ergriff sie eifrig, und ihre Trauer wich sofort einer jugendlichen Ausgelassenheit: „Mimi! Willst du heute mit Ravina um die Wette rennen? Ravina ist jetzt richtig schnell!
Sogar noch schneller als gestern! Ich will Mimi zeigen, wie schnell ich bin!“
Merina hatte sich inzwischen an den niedlichen Spitznamen gewöhnt, den das kleine Mädchen ihr gegeben hatte.
Merina lachte leise und schüttelte liebevoll den Kopf: „Ach, kleine Prinzessin, Mimi ist nicht so schnell wie du. Du würdest mich sicher weit hinter dir lassen.“
Ravina kicherte verlegen, ihre Augen funkelten verschmitzt: „Dann verspricht Ravina, langsamer zu laufen und Mimi gewinnen zu lassen, wenn Mimi mitspielt!“
Merina lachte leise über Ravinas entzückende Schlauheit und hob die kleine Prinzessin liebevoll in ihre Arme: „Na gut, Mimi spielt mit dir, aber erst, wenn du ordentlich gegessen hast. Du musst gesund und stark sein, um spielen zu können, Prinzessin.“
Ravina grinste glücklich und klatschte vor Aufregung mit ihren kleinen Händen. Doch Merinas sanftes Lächeln verschwand plötzlich, und sie zuckte zusammen und presste eine Handfläche an ihre Stirn, als ein Schmerz durch ihr Gesicht schoss.
Ravina bemerkte das sofort, und ihr fröhlicher Gesichtsausdruck verschwand, und sie legte ihre kleine Hand sanft auf Merinas Wange. „Mimi, was ist los? Ist alles in Ordnung?“
Doch so plötzlich, wie er gekommen war, verschwand der Schmerz aus Merinas Gesicht, obwohl ein dunkler Schimmer kurz in ihren Augen aufblitzte.
Sie nahm Ravinas kleine Hand sanft und senkte sie mit einem beruhigenden Lächeln. „Es ist nichts, Prinzessin. Mimi hat nur auch Hunger. Lass uns an einen besonderen Ort gehen, wo es etwas Leckeres für uns beide gibt.“
Ravinas Augen leuchteten vor neuer Begeisterung auf, ihre unschuldige Sorge verschwand augenblicklich: „Leckeres Essen! Juhu! Los geht’s, Mimi!“
Merina nickte leise und warf einen kurzen, vorsichtigen Blick um sich, um sicherzugehen, dass niemand sie bemerkte.
Als sie einen kurzen Moment lang niemand sah, hielt sie Ravina fest, schlich sich leise und schnell aus dem sicheren Lager und betrat einen abgelegenen, schattigen Teil des dunklen Waldes.
Ravina war fasziniert von der unbekannten Umgebung und sah sich mit großen Augen um. Ihre kleine Stimme klang neugierig und ein bisschen verwirrt: „Mimi, ist es hier sicher? Mama hat gesagt, ich soll nie alleine draußen herumlaufen, wo Monster leben.“
Merinas Miene verdüsterte sich unmerklich, und ein kurzer Ausdruck von Emotionen huschte über ihren sonst so sanften Blick. Doch sie zwang sich schnell zu einem beruhigenden Lächeln, und ihre Stimme klang sanft, aber mit einem geheimnisvollen Unterton: „Keine Sorge, Prinzessin. Mimi würde dich niemals an einen unsicheren Ort bringen. Hier gibt es keine Monster.“
Ravinas neugierige Unschuld schenkte Merinas beruhigenden Worten sofort Vertrauen, obwohl die kleine Prinzessin die Dunkelheit um sie herum seltsam beunruhigend fand. Sie kuschelte sich enger an Merina und flüsterte leise: „Okay, Mimi. Ravina vertraut Mimi.“
Merina tätschelte sanft den Kopf des Kindes, ihr Blick verdunkelte sich erneut für einen Moment. Sie trug die ahnungslose Prinzessin tiefer in die Schatten, wo die dichten Bäume langsam ihre Silhouetten verschluckten.
Als ihre Gestalten in dem dunklen Wald verschwanden, kehrte hinter ihnen Stille ein – schwer und bedrohlich –, als würde das Schicksal selbst den Atem anhalten und sie genau beobachten.
Ein grauer Nebel schien sie langsam einzuhüllen.
Ravina rümpfte ihre kleine Nase und runzelte mit einer leichten Grimasse die Stirn. „Mimi, hier ist irgendetwas seltsam …“
Sie wartete auf Merinas sanfte Antwort, doch es folgte nichts als unheimliche Stille. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und Ravina hob langsam ihre goldenen Augen, Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Mimi?“ Ihre Stimme zitterte leicht, ihr Herz schlug vor Sorge schneller, als sie Merinas blasses Gesicht sah, deren Augenlider schwer herabfielen und fast geschlossen waren. Panik breitete sich augenblicklich in Ravinas kleiner Brust aus, als sie Merinas weiche Wangen dringend umfasste. „Mimi! Mimi, was ist los? Bitte sprich mit Ravina!“
Merinas Augenlider flatterten schwach, ihr sonst so warmer, fürsorglicher Blick war jetzt unkonzentriert und voller Verwirrung und Angst.
Sie öffnete ganz leicht ihre Lippen und brachte ein zitterndes Flüstern heraus: „Ra…vina…“ Ihre Augen funkelten kurz vor lauter Sorge, bevor sie sich wieder verdunkelten und schließlich ganz schlossen.
Merina sackte zu Boden und fiel anmutig, aber schwer auf den dunklen Waldboden.
Obwohl sie langsam das Bewusstsein verlor, schlang sie instinktiv ihre Arme schützend um Ravina und hielt sie fest an ihre Brust gedrückt, selbst als die Dunkelheit ihre Sinne übermannte.
„Mimi!“, schrie Ravina, Tränen füllten ihre großen, dunkelgoldenen Augen. Sie zerrte verzweifelt an Merinas schlaffem Körper, ihre Stimme klang verzweifelt. „Mimi, wach auf! Mimi!“
Ihre kleinen Hände schüttelten Merinas Körper weiter, ihr kleines Herz hämmerte vor Panik und Verwirrung. Die Wärme, die sie normalerweise tröstete, verschwand schnell und wurde durch eine erschreckende Erkenntnis ersetzt – Merina wachte nicht auf.
Ravina hob langsam ihren tränenüberströmten Blick und sah sich ängstlich um. Die Dunkelheit um sie herum fühlte sich kälter, schwerer und unheimlich bedrohlich an.
Instinktiv wusste sie, dass sie nicht hier bleiben konnte, an diesem beunruhigenden Ort. Aber sie konnte Mimi niemals zurücklassen.
Sie schniefte und wischte sich schnell die Augen, während in ihrem Blick Entschlossenheit und Angst um die Oberhand rangen. „Keine Sorge, Mimi. Ravina … wird Mimi in Sicherheit bringen“, flüsterte sie fest, ihre kleine Stimme zitterte leicht, war aber von einer überraschenden Stärke erfüllt.
Trotz ihrer zierlichen Statur hob Ravina Merinas Oberkörper mühelos auf ihren schmalen Rücken und balancierte das Gewicht der bewusstlosen Frau vorsichtig.
Ihr kleines Gesicht verzog sich vor Anstrengung und Konzentration, als sie mutig einen wackeligen Schritt nach vorne machte und sich an den Weg durch den Wald zurückerinnerte.
Aber der seltsame, dichte Nebel wurde immer dichter und trübte ihre Sinne. Ihr kleiner Körper schwankte leicht, ihre Augen wurden mit jeder Sekunde schwerer.
Sie murmelte leise, ihre Worte wurden immer lethargischer: „Mimi … bitte wach auf … Ravina wird langsam müde …“
Ihre Augenlider flatterten, Erschöpfung und Müdigkeit zogen heftig an ihr.
Ihr kleiner Körper stolperte sanft vorwärts und kämpfte tapfer darum, wach zu bleiben. „Ravina … kann nicht … schlafen …“, flüsterte sie schwach, Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit, doch ihre Kräfte schwanden rapide. „Ravina … kann nicht …“
Schließlich konnte Ravina nicht länger widerstehen und sank sanft zu Boden, Merinas bewusstloser Körper glitt neben sie.
Ihre Augenlider flatterten, ihr kleiner Atem wurde langsam und ruhig, als sie der Bewusstlosigkeit erlag.
Stille kehrte in den dunklen Wald zurück, nur unterbrochen vom fernen Rascheln der Blätter im kalten Wind.
Dann verdrehten und wanden sich Schatten aus der Dunkelheit und formten sich zu einer vermummten Gestalt. Die mysteriöse Gestalt trat vor, ihre scharfen Augen blitzten bedrohlich, als sie die beiden bewusstlosen Gestalten betrachtete, die hilflos auf dem Boden lagen.
Langsam nahm er die Kapuze von seinem Kopf und enthüllte ein Paar dunkelgraue, finstere Augen. Orbos blickte ungläubig und mit dunkler Neugier auf das kleine Kind vor ihm, eine Mischung aus Ehrfurcht und Faszination auf seinem schattenverhangenen Gesicht.
Er beugte sich vor und hob Ravinas kleinen, bewusstlosen Körper vorsichtig hoch, wobei er die starke, rohe Kraft spürte, die in ihrem zerbrechlich wirkenden Körper steckte.
Seine Lippen verzogen sich zu einem kalten Grinsen, als er leise murmelte, seine Stimme von dunkler Belustigung und Verwunderung gefärbt: „Du kleines Monster … Ich kann nicht glauben, dass so ein kleines Ding wie du schon so stark sein kann. Das ist viel interessanter, als ich gedacht habe.“
Sein Grinsen wurde breiter und er entblößte seine Zähne, als er fast amüsiert sagte: „Hat Drakar dich wirklich verdient? Nein … Ein brutaler Idiot wie er wird dich nur verschwenden oder, schlimmer noch, töten. Vielleicht verdienst du es, als unsere treue Dienerin in unsere Reihen aufgenommen zu werden. Du könntest der Schlüssel sein, um das zurückzugewinnen, was wir verloren haben. Was uns rechtmäßig zusteht.“
Er warf einen letzten gleichgültigen Blick auf Merinas bewusstlosen Körper, der auf dem kalten Waldboden liegen geblieben war und vergessen worden war.
Dann hüllte Orbos sich und das Kind in Schatten und verschwand mühelos in der Dunkelheit. Zurück blieb nichts als eine unheimliche, bedrückende Stille, während der Wald zu zittern schien von der finsteren Präsenz, die gerade durch ihn hindurchgegangen war.