Es waren Tage vergangen, seit Skully zum ersten Mal von dem tieferen Potenzial gesprochen hatte, das in ihrer Blutlinie schlummerte.
Tage voller unerbittlicher Kämpfe, unaufhörlicher Meditation und Leiden, die sie an Grenzen gebracht hatten, die sie nie für möglich gehalten hätte.
Vor ihr stand Skully still in der bedrückenden Stille und beobachtete geduldig, wie Valeria Asher in tiefer Meditation versunken war.
Doch allein Skullys Anwesenheit gab Rebecca ein seltsames Gefühl der Beständigkeit – obwohl er ihr nie einfache Antworten gab, führte er sie stetig voran.
In den letzten Tagen hatte sie das Gefühl, ein tieferes Verständnis für ihre Blutlinie gewonnen zu haben … Dinge, von denen sie nicht einmal zu träumen gewagt hätte, sie in ihrem eigenen Haus zu lernen.
Und das machte sie noch neugieriger auf Skullys Herkunft und darauf, woher er dieses tiefe und umfassende Wissen über dämonische Blutlinien hatte.
„Noch einmal“, unterbrach Skullys Stimme ihre stillen Gedanken, kalt und doch seltsam beruhigend, „spüre dein Blut. Den Puls, die Kälte, die Stille, die darunter verborgen ist.“
Rebecca biss die Zähne zusammen und nickte leicht. Sie presste die Augen fester zusammen und konzentrierte sich mit schmerzhafter Intensität nach innen. Sie spürte jeden Herzschlag, langsam, aber kraftvoll, der tief in ihr widerhallte. Sie stellte fest, dass sich ihr Blut weder warm noch beruhigend anfühlte. Stattdessen fühlte es sich kalt, distanziert, fast feindselig an.
„Sag mir“, fragte Skully leise und beobachtete sie aufmerksam. „Was sagt dir dein Blut?“
Rebecca atmete langsam aus, Frustration schwang in ihrer Stimme mit. „Ich verstehe das nicht. Je mehr ich das Gefühl habe, dass ich der Antwort näher komme, desto kälter fühlt es sich an – schmerzhaft kalt. Es reagiert nicht. Es tut nur weh.“
Skully zeigte kein Mitleid, gab ihr keine sanfte Ermutigung. Stattdessen nickte er nur. „Dieser Schmerz ist das Tor. Scheu dich nicht davor. Nimm ihn ganz an. Versteh seinen Ursprung.“
Sie verzog das Gesicht und bereitete sich erneut vor. Stunden wurden zu Tagen, während sie wiederholt an ihre Grenzen ging, ihr Blut gefror und dann schmerzhaft brannte, ohne sich jemals ganz ihrem Willen zu beugen.
Sie fühlte sich gefangen in einer grausamen, endlosen Schleife, ihr Körper und ihr Geist wurden unerbittlich von Versagen und Erschöpfung gezeichnet.
Doch jedes Mal, wenn sie ins Straucheln geriet, führte Skully sie geduldig zurück zu dieser unsichtbaren Schwelle.
Am vierten Tag lag Rebecca auf den Knien, ihre Haut war blass und klamm, Schweiß tropfte von ihrem Gesicht und ihrem silbernen Haar. Sie atmete schwer, doch sie weigerte sich immer noch aufzuhören. Skullys unerschütterliche Geduld hatte ihren hartnäckigen Stolz zu neuen Höhen getrieben.
„Das … ist unmöglich“, knurrte sie bitter, ihre Augen flackerten vor Frustration und Tränen der völligen Erschöpfung. „Vielleicht gibt es diese ‚Erleuchtung‘, von der du sprichst, gar nicht. Bist du sicher, dass du meine Zeit nicht verschwendest?“
Es waren vielleicht nur ein paar Tage gewesen, aber für sie fühlte es sich an, als hätte sie seit Jahrzehnten festgesteckt und gekämpft.
Skullys Stimme war flach, unnachgiebig, ohne Mitgefühl, aber voller subtiler, unerbittlicher Weisheit. „Wenn Erleuchtung einfach wäre, würde jeder sie erreichen. Diese Barriere ist der letzte Widerstand, den deine Blutlinie leisten kann, bevor sie ihre wahre Kraft preisgibt. Wenn du wirklich glaubst, dass es unmöglich ist, dann wäre es auch unmöglich, dass du ihm von Nutzen sein kannst.“
Rebeccas Blick schoss zu Skully, ihre Zähne pressten sich vor Frust und Angst aufeinander, denn sie wusste, dass er von Asher sprach.
Sogar dieser untote Mistkerl deutete an, dass Asher sie vielleicht nicht wollte, wenn sie ihm nicht nützlich sein konnte. Und das reichte aus, um etwas wild Hartnäckiges in ihrer Brust zu entfachen. „Nein!“, keuchte sie atemlos. „Auch wenn es unmöglich sein sollte, ich werde es möglich machen!“
Sie taumelte zurück, ihre Glieder zitterten, ihre Augen waren voller brennender Entschlossenheit. Erneut tauchte sie in sich selbst ein, nicht um ihre Blutlinie zu beherrschen, sondern um sie zu verstehen.
Der Gedanke, dass Asher mit Verachtung auf sie herabblicken würde, schärfte ihre Entschlossenheit.
Plötzlich, inmitten der quälenden Kälte und Entschlossenheit, spürte sie etwas Neues.
Etwas, das sie zuvor übersehen hatte – einen leisen, aber stetigen Puls, einen Rhythmus unter der gefrorenen Oberfläche, sanft, aber unbestreitbar.
Rebecca atmete scharf ein, ihre Augen weiteten sich vor Schock und Ehrfurcht. Der Rhythmus war nicht von ihr getrennt – er war sie. Das Eis kämpfte nicht gegen sie, es rief nach ihr und wartete darauf, ein Teil von ihr zu werden.
Mit einer Klarheit, die sie noch nie zuvor erlebt hatte, durchflutete Verständnis Rebeccas Geist.
Ihr Blut war nicht nur eine Quelle roher Kraft – es war eine Verbindung zwischen Leben und Tod. Ihr Eis war nicht nur eine Waffe oder ein Schutzschild – es war eine Brücke, die die Grenze zwischen Existenz und Vergessenheit einfror.
Sie atmete tief ein, ihre Augen weiteten sich, als die Erkenntnis in ihr kristallisierte.
Skullys leere Augenhöhlen flackerten kurz mit dunkelgrünem Magma, seine Stimme war ruhig, aber irgendwie zustimmend. „Du beginnst es jetzt zu verstehen. Leben und Tod, Blut und Eis – alles ist miteinander verbunden. Deine Blutlinie ist nicht nur mächtig, sie ist ein Tor.“
Rebeccas Herz schlug schneller vor Vorfreude, ihre Augen glänzten im unheimlichen Schein der Höhle.
Langsam hob sie ihre zitternde Hand und spürte die tiefe Resonanz zwischen ihrem Herzschlag und etwas jenseits davon – etwas Kaltes, Uraltes, das geduldig hinter dem Schleier der Sterblichkeit wartete.
Sie konzentrierte sich intensiv und schöpfte tief aus ihrem Inneren. Ihr Blut floss langsamer, ihr Herzschlag wurde schwerer, jeder Schlag hallte tief in ihrer Brust wider.
Allmählich breitete sich ein kühles Gefühl in ihren Adern aus und verschmolz mit der Kraft ihrer Todesmagie. Ihr Blut gefror sanft, aber anders als zuvor war es nicht nur kalt – es strahlte eine tiefe Stille aus, eine stille, ruhige Verbindung zu etwas jenseits des Lebens.
Plötzlich verdunkelte sich die Luft um sie herum, Schatten krochen aus den gefrorenen Kristallen hervor, die sich nun zart auf ihren Fingerspitzen bildeten. Eis, Blut und Schatten wirbelten anmutig zu einer faszinierenden, pulsierenden Kugel aus scharlachrot-schwarzem Frost, die sanft über ihrer Handfläche schwebte.
„Das ist es“, hauchte sie leise, ihre Stimme voller Ehrfurcht und Triumph. „Es hat immer darauf gewartet … eine Kraft, gefangen zwischen Leben und Tod.“
Skully nickte langsam, seine Stimme emotionslos, aber bestimmt. „Genau. Du hast das größte Geheimnis deiner Blutlinie entdeckt: die Kraft, jeden Funken Lebensenergie in einem Menschen einzufrieren.“
Rebecca atmete langsam aus und starrte konzentriert auf die Kugel aus blutrotem Frost vor ihr. Ein tiefes Gefühl von Macht durchströmte sie, aufregend und erschreckend zugleich. „Diese Kraft … wurde sie von meinen Vorfahren benutzt?“
Skullys Stimme durchbrach die stille Ehrfurcht mit ruhiger Stimme. „In der Tat. Durch dein Blut, Eis und deine Todesmagie kannst du deine Feinde in einem Gefängnis zwischen Leben und Tod gefangen halten. Deine frühesten Vorfahren waren direkte Nachkommen der ersten Dämonen. Sie hatten die Kraft entwickelt, ihre Feinde in Eis zu fangen und ihnen dabei ihre Lebenskraft und Stärke zu entziehen, was dich wiederum stärker macht.“
Rebecca ballte sanft ihre Faust, wodurch sich die Kugel in zarte Kristalle auflöste, die sanft um sie herum schwebten, bevor sie zerflossen. Aber tief in ihrem Inneren spürte sie es jetzt – eine tiefe, eisige Resonanz, die sie unaufhaltsam mit der Lebenskraft der Menschen um sie herum verband.
Endlich verstand sie ihre wahre Kraft. Und sie war wunderschön – und furchterregend.
Endlich hatte sie etwas erreicht, was ihr Haus und ihre Vorfahren über so viele Generationen hinweg nicht geschafft hatten.
Wenn nur ihre sogenannten Eltern und ihr Bruder noch am Leben wären, hätte sie ihnen zeigen können, wer wirklich schwach und erbärmlich war. Trotz all ihrer brutalen und rücksichtslosen Methoden, sich den anderen überlegen zu zeigen, hatten sie das wahre Potenzial ihrer Blutlinie nicht erschließen können.
Sie hob ihr Kinn leicht und begegnete Skullys ausdruckslosem Blick mit neuem Respekt und Dankbarkeit: „Ohne deine Führung hätte ich das nie entdeckt. Ich hätte nie gewusst, dass diese Kraft die ganze Zeit in mir schlummerte.“
Skully neigte seinen Schädel leicht und nahm ihre Worte ohne Emotionen zur Kenntnis. „Jede wahre Kraft muss verdient werden. Anleitung allein kann keine Erleuchtung bringen. Es erfordert Willensstärke, unerbittliche Ausdauer und den Mut, sich den eigenen tiefsten Grenzen zu stellen.“
Sie atmete aus, ein gleichmäßiger Atemzug voller neu gewonnenem Selbstvertrauen. „Das ist erst der Anfang. In mir steckt noch mehr, nicht wahr?“
„In der Tat“, bestätigte Skully leise und wandte sich leicht ab. „Diese Erleuchtung ist nur der erste Schritt auf deinem Weg. Aber du bist immer noch durch die Sterblichkeit deiner Blutlinie gefesselt und wirst ihn nicht so schnell einholen können, wie du denkst. Wenn du jedoch diesen Weg weitergehst und lange genug lebst, dann könntest du eines Tages erreichen, was du dir wünschst, und vielleicht sogar Seelen einfrieren.“
Rebecca blieb vor Ehrfurcht und Stolz der Mund offen stehen, als ihr klar wurde, dass sie ein so ungeheures Potenzial hatte.
Dann wanderte ihr Blick kurz zu Asher, der immer noch in tiefer Meditation versunken war und unendliche Kraft ausstrahlte.
Doch zum ersten Mal empfand sie keinen Neid – nur Bewunderung und tiefe Zufriedenheit darüber, ihren eigenen einzigartigen Weg gefunden zu haben.
Sie war nun zuversichtlich, dass sie ihn nicht mehr zurückhalten würde, wenn sie weiterhin ihren Willen einsetzte und daran arbeitete, stärker zu werden.
Rebecca nickte fest, ihre Augen voller Entschlossenheit. „Dann werde ich diesen Weg weitergehen, egal wie schmerzhaft oder unmöglich es auch sein mag.“
Skully drehte sich um und ging schweigend davon, als hätte er seine Aufgabe, ihr zu helfen, vorerst erfüllt.
Rebecca konnte jedoch nicht anders, als Skully nachzuschauen und sich zu fragen, wer er wirklich war. Er konnte kein einfacher Bürger seiner Zivilisation sein.
Aber sie wusste, dass sie keine Antworten auf ihre brennenden Fragen bekommen würde. Obwohl sie seine albtraumhafte Macht und sein grenzenloses Wissen respektierte, konnte sie nicht umhin, skeptisch zu bleiben, was seine wahren Motive und Absichten anging.
Sie erinnerte sich daran, wie Skully Asher gesagt hatte, dass er ihm nützlich sein müsse …
Aber er hat nie gesagt, warum und wie.
Sie wusste nicht warum, aber als sie Asher ansah, spürte sie eine beunruhigende Angst in ihrem Herzen, wenn sie an die Zukunft dachte.
—
Asher atmete langsam aus, sein Atem kondensierte zu nebligem Dunst in der alten Halle. Das Buch der gefallenen Seelen lag auf seinem Schoß, sein lederner Einband pulsierte sanft, als würde er seine Absicht spüren.
Nachdem er wochenlang seine Kräfte geschärft und Barrieren durchbrochen hatte, die er nie für möglich gehalten hätte, fühlte er sich endlich bereit, sich der letzten, schwer fassbaren Macht zu stellen, die in den verbotenen Seiten lauerte.
Mit geschlossenen Augen fuhr er langsam mit einem Finger über die rauen, verwitterten Kanten des Buches und bereitete sich auf alles vor, was ihn erwarten würde.
Erinnerungen blitzten lebhaft in seinem Kopf auf – Girgals gnadenlose Geschwindigkeit, Ghoroqs monströse Flammen, die brutalen, unerbittlichen Prüfungen, die er nur knapp überlebt hatte, um ihre Kraft zu erlangen.
Jede Begegnung hatte Teile von ihm weggenommen und ihn zu etwas Stärkerem, Dunklerem und unendlich Gefährlicherem gemacht.
Doch diese letzte Prüfung erfüllte ihn eher mit Skepsis als mit Angst. Er erinnerte sich daran, wie er in der Kammer der Hölle einem ähnlichen Geist gegenüberstand – nichts weiter als ein gallertartiger Schleim, der schwach wirkte und mit nur einem Schlag von ihm leicht zu besiegen war. Asher kam sich albern vor, dass er sich diesem Geist überhaupt gestellt hatte.
Welche Geheimnisse konnte ein Schleim schon haben? … dachte er bei sich. Aber er hatte das Gefühl, dass es einen wichtigen Grund geben musste, warum dies der letzte Geist in dem Buch war und ihm erst zugänglich wurde, als er so stark war.
Er holte tief Luft, seine Verwirrung und Neugierde schärften seine Entschlossenheit.
Zweifel hin oder her, er war jetzt zu weit gekommen, um noch umzukehren. Sein Finger drückte entschlossen auf das letzte Symbol, das in die alten Seiten eingraviert war.
Sofort umhüllte ihn Dunkelheit und verschlang seine Sinne vollständig.
Die Realität zerbrach in Schattenfragmente, die wild umherwirbelten, bevor sie sich zu einem Ort formten, der jeder Vernunft widersprach. Asher stand auf rissiger Erde, eine öde Landschaft erstreckte sich endlos unter einem pechschwarzen Himmel, der von purpurroten Blitzen durchzogen war. Zackige schwarze Felsen ragten wie Skelettüberreste aus brodelnden Magma-Lachen empor und warfen seltsame, verzerrte Reflexionen.
Doch irgendetwas an diesem höllischen Ort fühlte sich anders an – subtiler, tiefer, unendlich viel unheimlicher.
Die Luft war schwer von bedrückender Stille, voller Erwartung.
Eine leichte Welle ging durch den Boden, begleitet von einem tiefen, hallenden Summen. Er drehte sich schnell um, seine Muskeln angespannt, in Erwartung einer riesigen, furchterregenden Kreatur, die aus der Erde hervorbrechen würde.
Stattdessen passierte etwas völlig Unerwartetes.
Eine schlanke Magmasäule schoss nach oben und drehte sich anmutig, während sie Gestalt annahm. Asher trat verwirrt zurück und ballte instinktiv die Hand, um seine Ringklinge zu ziehen.
Die geschmolzene Flüssigkeit verfestigte sich schnell zu einem jungen Mädchen, dessen Körper vollständig aus lodernden, orange-rötlichen Flammen bestand, die hypnotisch tanzten und flackerten.
Vier leuchtend scharlachrote Augen, lebhaft und durchdringend, öffneten sich langsam und fixierten ihn mit einem Blick, der uralt und doch seltsam unschuldig wirkte.
Sie schwebte sanft über der verbrannten Erde, schwebend, als wäre sie schwerelos, und die Flammen, die ihren schlanken Körper bildeten, wirbelten fließend wie lebende Seide.
Asher starrte sprachlos, mit offenem Mund und ungläubig weit aufgerissenen Augen.
„Das … ist der Schleim?“, flüsterte er ungläubig, seine Stimme voller Verwirrung und Neugier. Er hatte schon riesige Monster gesehen, schreckliche Abscheulichkeiten voller Chaos und Gewalt. Aber das hier? Diese zarte, faszinierende Gestalt strahlte eine unfassbare Kraft aus, die alles übertraf, was er bisher erlebt hatte.
Das Mädchen neigte neugierig ihren feurigen Kopf, ihre scharlachroten Augen blinzelten langsam, doch Asher konnte die überwältigende Intensität hinter ihrem unschuldigen Auftreten spüren.
„Willkommen“, hallte ihre Stimme leise wider, voller unheimlicher Ruhe und subtiler Bedrohung, „ich habe auf dich gewartet, mein Prinz.“
„Du …“