Ein zweiter Impuls folgte dem ersten, stärker, heftiger. Nicht vom Zusammenbruch.
Vom Erwachen.
Levias Finger zuckten um den Griff ihres zerbrochenen Turmschildes. Ihre Knie schmerzten. Ihr Atem rasselte durch zusammengebissene Zähne.
Famine lachte, als er wieder vorwärts taumelte. Sein aufgeblähter Körper zerbrach die Fliesen unter ihm.
Aber dann blieb er stehen.
Nur für einen Moment.
Das Licht, das hinter Levia aufblitzte – golden, wild und sengend – war nicht ihres.
Es war seines.
Das Siegel des Dämonenkaisers brannte hinter ihr und verätzte den Stein wie ein Brandmal die Haut. Ihr zerbrochener Schild zitterte, dann summte er, und schwarzer Nebel verband die Splitter des Eisens miteinander.
Famine streckte die Zunge aus seinem Mund. „Was für ein Trick ist das …?“
Levia erhob sich.
Nicht schnell. Nicht stolz.
Aber entschlossen.
Ein Lichtblitz schimmerte entlang der Runen ihres Handschuhs und kletterte zu ihrem Handgelenk hinauf.
Sie sah ihn an, nicht wie Beute einen Raubtier ansieht, sondern wie ein Soldat, der die Stellung hält.
Sie erhob ihre Stimme.
„Vernichte sie.“
Das Siegel auf ihrer Brust leuchtete eisenrot.
„Schild der Eisernen Kaiserin.“
Ihr Schild formte sich mit einem donnernden Knall neu, dehnte sich aus, schmiedete sich neu und wuchs, bis er ihre gesamte Vorderseite wie ein Bollwerk aus einer vergessenen Zeit bedeckte. Rote Lichtadern pulsierten durch ihn hindurch.
Famine hob erneut seinen Hammer – doch diesmal prallte er ab, als er aufschlug.
Levia rührte sich nicht.
Sie drängte vorwärts, und das Monster taumelte.
Nicht weit entfernt keuchte Asmodea, als ihre Knie erneut nachgaben und sich Blut um ihre Stiefel sammelte. Der Kardinal der Stille ragte über ihr auf, seine Hände bewegten sich in einem Wirbel aus erstickenden Gesten.
Aber als der Impuls sie traf, brach sein Rhythmus.
Sie blickte auf, ihre Lippen zu einem Grinsen verzogen.
Das hatte sie schon einmal gefühlt.
Diese Hitze. Dieser Herzschlag.
Sie leckte sich die Lippen und flüsterte: „Blühe …“
Und die Luft reagierte darauf.
Ein Ring aus blutroten Blumen explodierte nach außen, Ranken rissen sich aus dem Boden, aus ihren Armen, aus den Rissen in den Wänden. Ihr Körper hob sich, schwebte sanft, Blut wirbelte um sie herum wie Parfüm.
„Meer der Blutkaiserin.“
Dornen schlugen mit neuer Geschwindigkeit zu, schlängelten sich durch die Muster des Schweigenden und schnitten tief in seinen Schleier.
Ihr Lachen war leise, aber es trug weit.
„Du wolltest Stille?“, schnurrte sie. „Dann ertrink in mir.“
Vineas Körper zitterte – ihre Klinge hing schlaff an ihrer Seite.
Sie blutete aus zu vielen Stellen.
Die Kardinalin des Krieges machte keine Pause – ihre Schwerttechniken waren endlos, makellos. Sie schlug mit unerbittlichem Rhythmus zu.
Aber dieser Rhythmus hörte auf.
Für einen Moment.
Der Palast barst erneut.
Ein Hauch von Macht – seiner Macht – erreichte sie wie eine Hand, die sich über die Entfernung hinweg ausstreckte.
Seine Aura gab ihnen die Kraft, die sie brauchten, um ihre Kaiserin-Gestalt bis zum Äußersten zu nutzen, und ihre schwindenden Gestalten brachen plötzlich erneut mit Magie und Kraft hervor, um eine Flut von Angriffen zu entfesseln.
Und plötzlich erinnerte sie sich.
Warum kämpften sie so hart?
Was erwartete sie nach diesem letzten Sieg?
Sie kannte den Feind nicht gut, aber sie wusste, dass er das Ende war.
Die letzte Hürde.
Ein Kuss.
Ein Mann, der ihr gezeigt hatte, wozu Stärke da war.
Sie hob ihr Schwert, gerade so weit wie nötig.
„Brenn.“
Er flüsterte das Wort wie ein Gebet.
Ihr Schwert entlud sich in einem glühenden Heiligenschein.
„Klinge des Kaisers.“
War zögerte.
Zu spät.
Vinea bewegte sich.
Nicht schneller.
Aber mit mehr Überzeugung, ihre ganze Kraft floss in einen einzigen Schlag.
Die Klinge prallte gegen die Schulterplatte des Kardinals – und durchschlug sie.
An den Wänden zuckten Schatten.
Luminas Fäden waren längst zu Asche verbrannt. Ihr Körper zitterte, Gift floss durch ihre Adern, während der Pestkardinal sie langsam umkreiste wie eine Spinne am Rand ihres Netzes.
Er streckte die Hand aus.
Dann erstarrte sie.
Die Wand hinter ihr leuchtete mit dem gleichen Licht, heiß und rein, durchzogen von Schatten.
Sie stand auf.
Das Exoskelett an ihren Beinen zerbrach, rote Seide floss aus ihren Fingerspitzen.
Der Kardinal zuckte zusammen. „Was …?“
Sie flüsterte es wie ein Echo aus einem Traum.
„Graben.“
Ihr Körper schimmerte – ihre wahre Gestalt kehrte zurück.
„Brut der Spinnenkaiserin.“
Die Zitadelle wurde von einer Flut aus Spinnweben überschwemmt, Fäden explodierten aus jeder Ritze, jedem Spalt.
Und Luminas Augen öffneten sich.
Alle acht.
„Du hättest nicht anfassen sollen, was mir gehört.“
Die vier Kaiserinnen bewegten sich.
Und Zar’Kaleth bebte.
Der Atem der Hungersnot kam in keuchenden, fauligen Böen.
Er umkreiste Levia wie ein Aasvogel, sein massiger Bauch wackelte bei jedem Schritt, sein Fleisch eine obszöne Leinwand aus gedehnten Runen und zerbrochenen Symbolen. Die Knochen anderer Schilde – zerbrochen, zerbrochen, weggeworfen – klapperten zu seinen Füßen, während er eine Waffe hinter sich her schleppte: einen Streitkolben aus verschmolzenen Rippen und Eisen.
Levia rührte sich nicht.
Ihr Turmschild glänzte mit neuer Entschlossenheit. Das Siegel in seiner Mitte pulsierte mit geschmolzenem Eisenlicht. Dampf stieg von ihrer Rüstung auf, ihr Atem ging stoßweise hinter ihrem zerbrochenen Helm. Ihr Körper schmerzte. Ihre Rippen schrien.
Aber sie stand da.
Die Kraft, die durch sie strömte, war nicht roh oder lodernd wie Asmodeas Blutmagie oder Vineas Feuer.
Es war Gewicht.
Entschlossenheit.
Unbeugsam.
Famine schwang seine groteske Waffe in einem langsamen, bogenförmigen Schwung, der nicht töten, sondern brechen sollte.
Levia trat vor.
Nicht zur Seite.
Klang!
Der Schlag traf ihren Schild frontal.
Der Lärm war ohrenbetäubend. Der Aufprall hallte durch den Boden und ließ Risse im Stein entstehen – aber Levia rührte sich nicht.
Ihre Stiefel gruben sich tiefer in den Marmor, ihr Arm vibrierte von der Wucht.
Ein Blutstreifen lief ihr über die Lippe.
Sie blinzelte nicht.
Famine taumelte zurück und keuchte jetzt noch stärker. „Du stehst immer noch, was?“
Levia antwortete nicht.
Ihre Stimme war erst zu hören, als sie ihren Schild hob.
„Zerschmettere sie“, flüsterte sie.
Die Runen auf dem Schild leuchteten erneut auf.
Eine Welle kinetischer Kraft explodierte nach vorne, schlug gegen Famine’s aufgeblähten Körper und schleuderte ihn zum ersten Mal von den Füßen.
Er schlug mit einem Geräusch wie zusammenfallendes Fleisch gegen die Wand.
Der gesamte Korridor bebte.
Sie rückte vor.
Schritt für Schritt.
Ihr Schild leuchtete bei jeder Bewegung, absorbierte Gewicht und baute Kraft auf.
Famine brüllte und riss sich von der Wand los.
Sein Mund öffnete sich zu weit – viel zu weit – und enthüllte Zähne, die nicht zum Essen, sondern zum Zermalmen gedacht waren. „Ich werde dich verschlingen!“
Er stürmte vor.
Es war, als würde man einen Erdrutsch beobachten.
Er schlug zu.
Aber diesmal bewegte sich Levia mit.
Ihr Schild drehte sich, lenkte seinen Schlag zur Seite, und sie schwang ihren ganzen Körper in einen Volltreffer, der das fettleibige Monster ein zweites Mal vom Boden hob.
Er krachte zu Boden, kreischend und dunkles Ichor erbrechend.
Sie ließ ihm keine Zeit, sich zu erholen.
Levia trat auf seine Brust, den Schild über den Kopf gehoben, die Adern leuchteten mit den Symbolen der Eisernen Kaiserin.
„Dieser Körper wurde zum Schutz gebaut“, flüsterte sie. „Aber du bist es nicht wert, vor dir geschützt zu werden.“
Sie schlug mit dem Schild zu.
Einmal.
Zweimal.
Famine’s Brust wurde von der Wucht zerfetzt, seine Rippen knackten wie altes Holz.
Beim dritten Schlag hob sie den Schild nicht.
Sie drückte ihn nach vorne, Schritt für Schritt, und trieb ihn rückwärts den Korridor hinunter, zurück zu der zerstörten Kathedrale, wo die anderen Kämpfe tobten.
Er krallte sich am Boden fest und schlug mit seinen aufgeblähten Gliedmaßen um sich. „Halt! HALT –!“
„Zerschmettere“, sagte sie.
Das Siegel auf ihrem Handschuh brannte.
Und ihr Schild durchbrach ihn wie die Mauer einer einstürzenden Festung – nicht nur physisch, sondern auch spirituell, wobei ihr Wille den seinen in den Schatten stellte.
Ein Schrei hallte durch Zar’Kaleth.
Aber es war nicht der von Levia.
Die Klinge des Krieges schlug auf die von Vinea.
Der Klang war ohrenbetäubend.
Sie taumelte zurück, ihre Absätze gruben sich in den Stein. Ihre geschmolzene Klinge zischte vor Anstrengung, die Flammen, die sie umhüllten, erloschen vor Erschöpfung. Der Kriegs-Kardinal gab ihr keine Sekunde Zeit – er stürmte vorwärts, sein Großschwert schlug wieder und wieder zu, jeder Hieb schwerer, präziser, gnadenloser.
Vineas Knie gaben nach.
Aber ihr Feuer erlosch nicht.
Ihre goldenen und silbernen Augen weiteten sich, ihre Haut leuchtete rot.
In dem Moment, als seine Klinge erneut herabfiel, fing sie sie ab.
Nicht mit ihrem Schwert.
Mit ihrer bloßen Hand.
Ihre Handfläche zischte und blutete, ihr Fleisch brannte.
„Du kämpfst, als wolltest du gewinnen“, knurrte sie und hob ihr Schwert mit einem Arm wieder, „aber ich kämpfe für denjenigen, der mich fühlen ließ.“
Ihre Stimme brach in einen Schrei.
„BRENNE –!“
Ihr Körper ging in einer zweifarbigen Flamme auf.
Und zum ersten Mal wich War einen Schritt zurück.
Sie schloss die Distanz, bevor er seine Klinge heben konnte. Ihr geschmolzenes Schwert traf seine Brust, durchbohrte sie, spaltete seine Rüstung und brannte sich in seinen Knochen. Das Feuer war nicht ihres – es war Asmodeus‘ Liebe, die sich in ihr widerspiegelte.
„Du weißt nicht einmal, was es bedeutet, zu brennen.“
War fiel rückwärts, umhüllt von einer Säule aus zwei Flammen.
An einem anderen Ort –
Silence hob ihre Finger. Mit einer einfachen Geste verdorrten Asmodeas Ranken. Blut stieg aus dem Boden auf und hing in der Luft, wo es Glyphen bildete, die Asmodeas Herz zum Stillstand brachten.
Silence war groß, elegant, eine Frau von porzellanartiger Schönheit mit einem Gesicht wie eine Puppenmaske und einem zugenähten Mund. Ihre Magie verschlang alle Geräusche. Es gab keinen Zusammenprall. Keine Schreie. Nur Stille.
Und das machte Asmodea wütend.
Sie hustete Blut.
Dann lächelte sie.
Selbst ihr Keuchen war jetzt lautlos.
Aber sie formte die Worte mit den Lippen:
„Verschlinge sie, meine blühende Blume!“
Und der Boden barst auf.
Unter ihren Füßen explodierte eine rote Blüte – Blütenblätter aus Blut, Dornen aus verhärtetem Blut, ein Dschungel aus purpurrotem Tod. Rosen rankten an den Säulen empor, mit Gift versehene Dornen ragten wie Speere in die Luft.
Silence machte einen Schritt zurück.
Asmodea hob die Hand.
Mit einer schnellen Bewegung öffnete sie alle Blumen auf einmal.
Das Blut, das sie getrunken hatten, spritzte aus Reißzähnen.
Und Silence wurde verschlungen.
Asmodea atmete aus – und der Klang kehrte zurück, wie der Atem einer wiedergeborenen Welt.
In den unterirdischen Hallen der Zitadelle –
Lumina klammerte sich an die Decke, ihre Glieder zitterten, Seide floss aus ihren Wunden.
Plague, der Kardinal, dem sie gegenüberstand, war kaum noch menschlich – sein Körper bestand aus nassen, schwarzen Knochen, die mit roten Sehnen zusammengenäht waren, seine Arme endeten in sich windenden Parasitenwürmern.
„Du bist wunderschön“, zischte er. „So schöne, zarte Gliedmaßen. Ich werde sie meinem Netz hinzufügen …“
Sie zuckte nicht.
Ihre acht roten Augen flammten gleichzeitig auf.
Ihr Körper nahm seine wahre Gestalt an – nicht mehr menschenähnlich, sondern eine monströse Spinne mit einer Königinnenkrone aus weißem Chitin. Ihre Reißzähne blitzten.
„Ich werde dir zeigen, wozu ein Netz dient.“
Sie stürzte sich auf ihn, ihre Reißzähne versenkten sich in Plagues Hals, während ihre Gliedmaßen ihm jeden Fluchtweg versperrten.
Er wand sich und schrie –
Aber je mehr er sich bewegte, desto mehr Fäden wickelten sich um ihn.
Bis er sich überhaupt nicht mehr bewegen konnte.
Und ihre Seide füllte den ganzen Gang mit einem glänzenden, perfekten Grab.
Sie flüsterte:
„Deine Plage endet hier.“
Jede Frau stand inmitten der Trümmer ihrer Schlacht.
Blutüberströmt.
Schwer atmend.
Aber siegreich.
Und als sie sich zu dem zerstörten Gang umdrehten, der zurück zum Thronsaal führte, spürten sie es.
Seine Macht hatte sich verändert.
Ihr König war nicht mehr sterblich.
Er war aufgestiegen.
Aber der Feind … war etwas, das weit über einen Sterblichen hinausging.