Nachdem er die beiden Dienstmädchen beruhigt hatte, zog Vergil sich endlich an. Ein dunkles, eng anliegendes Hemd und eine gut sitzende Hose – die elegante Erschöpfung war ihm noch anzusehen, als er die Haupttreppe hinunterging.
In der Halle, die vom sanften Morgenlicht durch die Buntglasfenster beleuchtet wurde, entdeckte er Novah … wie immer makellos, die sich anmutig hin und her bewegte und mit fast choreografierten Bewegungen den Tisch deckte.
An dem langen, edlen Tisch saßen Raphaeline und Stella auf der einen Seite und unterhielten sich leise, wahrscheinlich über irgendwas Belangloses.
Auf der anderen Seite saßen Katharina, Ada und Roxanne, jede mit ihrer eigenen Art von Eleganz. Katharina mit ihrer edlen Haltung, Ada mit dieser herausfordernden Ausstrahlung von jemandem, der bereit für einen Kampf oder einen Flirt ist, und Roxanne, immer mit ihrem subtilen, zerstreuten Charme.
In der Mitte des Tisches saß Sapphire mit gekreuzten Beinen und einem Ausdruck, der eine Mischung aus Königlichkeit und Langeweile war. Ihr Blick traf seinen, noch bevor er den Stuhl zurückzog. Sie hob eine Augenbraue, als würde sie bereits alles an ihm bewerten.
Vergil setzte sich ihr gegenüber an das andere Ende des Tisches.
„Buahh…“, gähnte er faul und streckte seine Arme mit einem leisen Schnurren. „Es ist schon eine Weile her, dass ich so viel geschlafen habe.“
In diesem Moment glitt Novah mit makelloser Präzision an ihm vorbei und stellte ihm einen Teller vor, der eines amerikanischen Königs würdig war – Rührei, knuspriger Speck, gestapelte Pfannkuchen, von denen langsam Sirup tropfte, dazu heißer Kaffee und frischer Orangensaft.
„Tisch für dich, Meister“, sagte sie mit einem leichten Lächeln, bevor sie wie ein gut trainierter Schatten verschwand.
Vergil griff nach dem Besteck, drehte die Gabel zwischen seinen Fingern und kommentierte mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen:
„Wenn ich jedes Mal, wenn ich so aufwache, ein Festmahl bekomme … würde ich vielleicht öfter schlafen.“
Stella kicherte leise.
„Ich bezweifle stark, dass die Mädchen dich so lange schlafen lassen würden, Liebling.“
Sapphires Blick schwankte nicht. Sie trank ihren Kaffee langsam und genoss nicht nur die Flüssigkeit, sondern auch jede Reaktion um sie herum.
„Mmmm …“ Das schwache, langgezogene Murmeln kam vom Sofa auf der linken Seite des Raumes. Wie eine dissonante Note, die die angenehme Stille des Saals durchbrach, zog es sofort die Aufmerksamkeit aller auf sich.
Das Klirren des Bestecks verstummte, die Gespräche verstummten, und alle Augen richteten sich auf die Quelle des Geräusches.
Dort lag, halb in eine schlecht platzierte Decke gehüllt, eine neue Gestalt für die Frauen … Nun, nicht so sehr für Sapphire und Vergil … Sapphire lächelte über das ganze Gesicht, als sie sah, dass ihre Beute aufwachte.
Die Frau? Kaguya.
Ihr zerzaustes weißes Haar fiel ihr über die Schultern, und ihre Augen, noch schwer und unkonzentriert, öffneten sich langsam, als würde sich die Welt um sie herum durch einen Nebel enthüllen.
Das Kleid, das sie trug, schien hastig angezogen zu sein und bedeckte kaum das Nötigste. Die Träger waren schief, einer davon rutschte fast von ihrer Schulter, und darunter … nichts.
Kein BH, nur schlecht gewickelte Bandagen um ihren Bauch und ihre Rippen, die auf kürzlich erlittene Verletzungen hindeuteten. Ihre Brüste hoben und senkten sich langsam mit jedem schweren Atemzug, ihre blasse Haut war noch immer mit blauen Flecken übersät.
Sie blinzelte mehrmals, während ihre Augen versuchten, sich an das Licht des Raumes zu gewöhnen … und dann sah sie es.
Den Tisch. Diese Menschen. Die Gesichter, die Blicke.
Vergil. Sapphire. Raphaeline. Katharina. Ada. Roxanne. Stella. Sogar Iridia und Zex, die die Treppe herunterkamen … Alle sahen sie an. Ein eleganter Saal. Eine gemütliche Umgebung. Ein unbekannter Ort.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
„Wo … bin ich …?“, flüsterte sie mit heiserer, zerbrechlicher Stimme, als würde jedes Wort an ihrer Kehle kratzen.
Vergil führte eine Gabel zum Mund, kaute langsam, schluckte ruhig und legte dann das Besteck auf den Teller. Er lehnte sich leicht in seinem Stuhl zurück und legte einen Arm auf die Lehne, mit der natürlichen Autorität von jemandem, der seine Stimme nicht erheben musste, um die Situation zu kontrollieren.
„Kaguya“, sagte er mit der Ruhe von jemandem, der den Rhythmus von allem bestimmt. „Komm. Setz dich. Wir müssen reden.“
Sie zögerte einen Moment und ließ ihren Blick über alle Anwesenden schweifen. Keine bekannten Gesichter, keine bekannten Orte, außer Vergil und Sapphire. Aber da war etwas an Vergil … keine Sicherheit, sondern Gewissheit. Eine stille Kraft, die sie wie ein Magnet anzog. Etwas, das ihr sagte: Du solltest besser gehorchen.
Halb stolpernd stand sie auf. Das Kleid rutschte weiter herunter, und Kaguya versuchte instinktiv, es wieder hochzuziehen und sich zu bedecken. Selbst verletzt strahlte sie Würde aus. Sie durchquerte den Saal wie ein in die Enge getriebenes Tier, aber dennoch stolz.
Sie erreichte den Tisch und blieb zögernd neben Vergil stehen. Er zog mit dem Fuß einen Stuhl heran, eine einfache, aber deutliche Geste.
„Setz dich.“
Sie setzte sich langsam hin. Sie sah ihn an. Dann sah sie Sapphire an, die ihren Kaffee trank, als wäre es ein ganz normaler Morgen.
„Also dann“, sagte Vergil mit einem ruhigen, fast sanften Lächeln – ein krasser Gegensatz zu der spürbaren Spannung in der Luft.
„Novah“, rief er, ohne seinen Blick von Kaguya abzuwenden, „bring mir ein Glas.“
Die goldhaarige Magd verbeugte sich leicht und ging schweigend hinaus, um Sekunden später mit einem kunstvoll gearbeiteten Kristallglas zurückzukehren, das fein und edel war und einem königlichen Bankett würdig. Sie reichte es Vergil mit derselben Zartheit, mit der man eine heilige Reliquie überreichen würde.
Er hielt es leicht in der Hand, drehte es einen Moment lang zwischen seinen Fingern, als würde er über etwas nachdenken … dann führte er sein linkes Handgelenk an den Rand des Glases.
Ohne Umstände schloss er langsam die Finger, und anstelle seiner Fingernägel traten dämonische Klauen hervor. Mit einer schnellen, sauberen Bewegung schnitt er sich in die Haut. Blut spritzte heraus.
Sein Blut tropfte in dicken, purpurroten Strähnen in das Glas. Jeder Tropfen war voller Kraft – warm, pulsierend, lebendig. Der metallische Geruch erfüllte die Luft, aber gemischt mit etwas anderem … etwas Uraltem und Süchtig machendem, das Kaguyas Augen langsam größer werden ließ, während ihre Instinkte schneller reagierten als ihr Verstand.
Vergil füllte das Glas bis zur Hälfte und aktivierte dann – mit einem leichten Zittern – seine dämonische Kraft. Schwarze Flammen, wie flüssige Schatten, rannten seine Arme hinauf, und im Handumdrehen war die Wunde geheilt, als hätte sie nie existiert.
Er reichte ihr das Glas.
„Hier“, sagte er mit leiser, fester Stimme und sah ihr direkt in die Augen. „Nimm es. Du bist ein Vampir … du weißt, dass du dich nicht von menschlicher Nahrung ernähren kannst.“
Kaguya zögerte und starrte auf das Glas, das Wärme, Verlangen und … Erlösung auszustrahlen schien. Der Durst brannte in ihrer Kehle wie glühende Kohlen. Mit zitternden Fingern umfasste sie den Rand des Glases und nahm es ihm aus der Hand.
Vergil lehnte sich mit einem leichten Lächeln in seinem Stuhl zurück.
„Trink zuerst“, sagte er. „Dann reden wir.“
Kaguya führte das Glas an ihre Lippen.
In dem Moment, als die Flüssigkeit ihren Mund berührte, zitterte ihr ganzer Körper. Es war, als würde sie flüssige Kraft schlucken, als würde sie ihre Zähne in die Sünde selbst versenken und sich von der Essenz eines Wesens ernähren, das weit über das menschliche Verständnis hinausging.
Und Vergil sah sie einfach nur an … als würde er ein Tier füttern. Als würde er etwas zurückgeben, das verloren gegangen war – aber nicht ohne später dafür zu verlangen.
„Braves Mädchen …“, murmelte Vergil mit einem sanften Lächeln und fuhr mit seiner Hand durch Kaguyas zerzaustes Haar, als würde er ein Tier streicheln, das kurz vor dem Erwachen stand. Seine Berührung war überraschend sanft … fast liebevoll.
Doch dann ließ er die Bombe platzen.
„Jetzt gehört sie ganz dir, Sapphire.“
Kaguya erstarrte.
Ihre Augen weiteten sich und sie drehte ihr Gesicht zu ihm, völlig verwirrt. „W-was meinst du damit …?“
Vergil blieb ungerührt, aß einfach weiter, als hätte er den Staffelstab an ein anderes Raubtier weitergereicht – und das Schicksal der jungen Vampirin war bereits besiegelt.
Sapphire lachte. Ein melodisches, fast unschuldiges Lachen … aber es lag etwas Grausames, etwas Scharfes in diesem Klang.
„Ach, es ist nichts Besonderes, entspann dich“, sagte sie und lehnte sich mit einer verspielten Geste in ihrem Stuhl zurück. „Wir wollen nur … eine Kleinigkeit bestätigen.“
Kaguya schluckte schwer, ihr Instinkt schrie sie an, wegzulaufen, auch wenn sie keine Kraft mehr hatte. Aber dann sah Sapphire ihr direkt in die Augen.
„Wie hat es sich angefühlt, betrogen zu werden?“ Das Lächeln wurde breiter. „Genau wie wir es dir gesagt haben.“
Die Worte trafen sie wie Messerstiche.
Und dann … kamen die Bilder.
Der Krieg.
Die Verwirrung.
Das Blut.
Dieser Mistkerl rennt weg.
Er flieht.
Sein Blick, als er sie zurückließ … als wäre sie nichts wert.
Als wäre sie … wegwerfbar.
Kaguyas Augen brannten vor purer Wut, ihre Muskeln waren angespannt wie Sehnen, die jeden Moment reißen konnten. Sie ballte die Fäuste.
KRACH.
Das Glas zerbrach zwischen ihren Fingern mit einem scharfen, trockenen Knacken. Scherben bohrten sich in ihre Hand und vermischten sich mit Vergils Blut – ein leuchtendes Rot, das an ihren Armen heruntertropfte und das helle Kleid wie eine Warnung befleckte.
Für einen Moment herrschte Stille. Angespannt. Schwere Stille.
Vergil sah sie an … und lächelte. Ein ruhiges, berechnendes Lächeln … als ob alles genau nach Plan verlief.
„Entspann dich“, sagte er, hob seine Hand und zog vorsichtig die Glassplitter aus ihren Fingern, wie man giftige Blumen entfernt. Das Blut floss immer noch.
Dann hob er ohne Umstände seinen eigenen Arm und entblößte die dicke, pulsierende Vene an seinem Unterarm. Sein Blick traf ihren – wild, verzweifelt, aber hungrig.
„Du bist zu schwach, um von selbst zu heilen. Trink.“
Kaguya zögerte. Nicht aus Stolz … sondern wegen dem, was es bedeutete, dies anzunehmen.
Sein Blut zu trinken. Von dem Teufel selbst, getarnt als Mensch. Dem Raubtier, das sie gerettet hatte … und sie gezeichnet hatte.
Sie biss sich auf die Lippe, ihr Atem zitterte … und sie trat näher.
Als sie sein Blut trank … seufzten Katharina, Ada und Roxanne gemeinsam und murmelten … „Er hat es wieder getan …“
Sapphire warf Vergil einen Blick zu. Ein Blick voller Bosheit, der fast lautlos flüsterte: „Sie ist direkt in unsere Falle getappt.“
Der Plan, fragst du?
Einfach … brillant grausam.
Sie wollten Alucard nie. Er war nur Lärm. Ein alter König, durstig nach Ruhm, der glaubte, er könne sich einer Welt widersetzen, die an ihm vorbeiging. Nein. Sie würden niemals ihre Kraft verschwenden, um sich dem Schwert eines Feindes in seiner festen Hand zu stellen. Das wäre Selbstmord gewesen.
Also kam Plan B. Subtiler. Effektiver.
Nehmt sie.
Die Sekretärin. Der Schatten, der alles sah und hörte. Die Frau, die am Thron stand – aber nie darauf. Diejenige, die benutzt … und weggeworfen wurde.
Jetzt hatten sie genau das, was sie brauchten.
Eine lebende Quelle vertraulicher Informationen. Eine Frau mit Erinnerungen, die zu wertvoll waren, um verloren zu gehen. Und vor allem …
Jemand, der gebrochen war. Jemand, der wütend war. Jemand, der nach Rache hungerte.
Denn Verzweiflung … ah, Verzweiflung schafft wunderbare Werkzeuge.
Und eine verratene Frau … Der Liebe, Ehre und ihrer Heimat beraubt …
Sie denkt nicht nach. Sie zögert nicht. Sie zerstört.
Und das wussten sie.
Vom ersten Blick an. Vom ersten Wort an. Von dem Moment an, als sie sie vom Boden aufhoben. Von dem Moment an, als … er seinen Blick auf sie richtete … Ihr Schicksal war besiegelt.