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Kapitel 256: Jetzt kannst du weinen, Schatz.

Kapitel 256: Jetzt kannst du weinen, Schatz.

„Wenn wir hier weggehen…“, fing Raphaeline an, und ihre Stimme klang fast zögerlich. Ihr Blick war verloren und auf irgendeinen Punkt an der Decke gerichtet, während ihr Finger gedankenverloren über Vergils Brust fuhr.

Sie wirkte unsicher, als würde sie überlegen, ob sie wirklich sagen sollte, was ihr auf der Seele lag.

Vergil blieb still, spürte den leichten Druck ihrer Berührung, unterbrach sie aber nicht.
„Werden wir diese … Sache zwischen uns weitermachen?“, fragte sie mit leiser werdender Stimme, als fürchte sie die Antwort. „Oder wirst du mich wieder wie ein Monster behandeln und so tun, als wäre nichts gewesen, wenn du vor den anderen bist?“

Diesmal sah sie ihn nicht an.

Stattdessen blieb sie auf seiner Brust liegen und vermied seinen Blick, als könnte die Antwort mehr wehtun, als sie zugeben wollte.
Die Stille, die folgte, war unangenehm.

In Raphaelines Kopf formten sich unzählige Möglichkeiten und lösten sich in einem Wirbelwind von Emotionen wieder auf.

Sie sollte sich nicht so viele Gedanken machen. Sie sollte nicht diese Angst in sich wachsen spüren. Aber entgegen aller Logik war sie hier … wartete, zweifelte, sehnte sich.

Schließlich war diese Begegnung etwas gewesen, das ihre Erwartungen übertroffen hatte.
Jeder Schritt, jeder Ort, jedes kleine Detail … Alles war von ihr sorgfältig geplant worden.

Aber tief in ihrem Inneren gab es etwas, das sie niemals zugeben würde.

Sie war schon einmal hier gewesen.

Viele Male, allein.

Diese Straßen, diese Lichter, diese Momente, die sie als spontan ausgegeben hatte … Sie waren Echos von etwas, das Raphaeline schon seit langer Zeit zurückgewinnen wollte.

Nach Japan zu kommen war ein Weg, sich ihrer Mutter näher zu fühlen.
Selbst nach mehr als tausend Jahren.

Sie hatte ganze Epochen durchlebt, den Untergang von Imperien und den Aufstieg von Zivilisationen miterlebt.

Seit der Heian-Zeit, als alles begann.

Und während all dieser Jahrhunderte hatte sie eine einzige Obsession begleitet.

Schwerter.

Ein Vermächtnis ihrer Mutter.

Etwas, das nach ihrem Tod mehr als nur eine Faszination war.

Etwas, das sie völlig eingenommen hatte.
Für einen Moment, einen kurzen und zerbrechlichen Moment … Die Frage, die sie gerade Vergil gestellt hatte, zog sie an einen fernen Ort.

Einen Ort, an den sie sich kaum noch erinnern konnte.

Der Regen fiel leicht auf den großen steinernen Hof des Baal-Clans und sein rhythmisches Geräusch erfüllte die feierliche Stille der Nacht. Zwischen den Stufen des Tempels bildeten sich kleine Pfützen, in denen das sanfte Licht der Laternen sich spiegelte.
Die Luft roch nach nasser Erde und Weihrauch, der irgendwo in der Ferne brannte, aber Raphaeline war das alles egal.

Die Zwölfjährige saß auf der letzten Stufe, umklammerte ihre Beine und vergrub ihr Gesicht in den Knien. Ihr kleiner Körper zitterte leicht, nicht vor Kälte, sondern vor der Last der Angst und Verzweiflung, die ihr Herz erfüllte.

Das Bild war noch immer lebhaft vor ihrem inneren Auge.
Das Geräusch von Metall, das Fleisch durchschnitt.

Der erstickte Schrei.

Der metallische Geruch von Blut, vermischt mit Regen.

Früher an diesem Tag war einer der Krieger des Clans beim Training mit seinem Schwert verletzt worden. Ein falscher Schlag, eine Klinge, die sich gegen ihn wandte … und dann breitete sich das Rot auf dem Boden aus.

Raphaeline hatte alles gesehen.

Und seitdem fühlte sich ihre Brust eng an, als würde eine unsichtbare Hand sie zusammendrücken.
Sie hasste dieses Gefühl.

Sie hasste das Schwert.

Sie hasste die Tatsache, dass sie es eines Tages selbst führen musste.

Tränen rollten ihr lautlos über die Wangen, als leise Schritte durch den Flur hallten. Dieses sanfte, vertraute Geräusch, das ihr immer Trost spendete.

„Raphaeline?“

Die sanfte, ruhige Stimme ließ das Mädchen langsam den Kopf heben.

Dort, oben auf der Treppe, stand ihre Mutter.

Ihr langes schwarzes Haar war von der nächtlichen Luftfeuchtigkeit leicht feucht, und ihr weiß-goldener Kimono wehte sanft im Wind. Sie strahlte Anmut und Autorität aus, aber ihre Augen … ihre Augen waren gütig und voller Sorge.

Raphaeline biss sich auf die Lippe, um ihre Tränen zurückzuhalten, aber als sie ihre Mutter auf sich zukommen und vor ihr niederknien sah, brach alles in ihr zusammen.

„Mama …“
Die Frau lächelte sanft und strich ihrer Tochter mit der Hand durch das feuchte Haar.

„Was ist passiert, meine Kleine?“

Die einfache Frage ließ Raphaeline den Blick abwenden, sie spürte, wie ihr Gesicht vor Scham glühte. Sie wollte nicht schwach wirken. Sie wollte nicht zugeben, dass sie Angst hatte.

Aber ihre Mutter wartete geduldig und ohne Eile.

Und dann, mit zitternder, leiser Stimme, flüsterte Raphaeline endlich:
„Ich … ich habe Angst vor Schwertern.“

Der Wind wehte sanft, als hätte die Welt selbst innegehalten, um dieses Geständnis zu hören.

Raphaelines Mutter blinzelte überrascht, antwortete aber nicht sofort. Stattdessen blickte sie zum bewölkten Himmel hinauf, als würde sie sorgfältig ihre Worte wählen.

Raphaeline fuhr fort, Angst in ihrer Stimme:
„Heute … wurde einer der Krieger verletzt … Und es gab so viel Blut … Er fiel zu Boden, krümmte sich vor Schmerzen, aber er blutete weiter … und … und alle sahen nur zu.“

Die Erinnerung ließ sie erneut zittern, und ihre Mutter sah das und umarmte sie zärtlich.

Für einen Moment schloss Raphaeline die Augen und gab sich dieser Wärme hin.
Sie hoffte, dass ihre Mutter etwas sagen würde, um ihre Angst zu vertreiben. Dass sie ihr sagen würde, dass Schwerter nicht so gefährlich seien, dass so etwas nie wieder passieren würde.

Aber die Worte, die kamen, waren anders.

„Du hast Recht, wenn du das Schwert fürchtest, meine Liebe.“

Raphaeline riss überrascht die Augen auf.

„Denn eine echte Klinge vergibt niemals.“

Das Mädchen zog sich ein wenig zurück, um ihrer Mutter in die Augen zu sehen.
„Aber … warum benutzt dann jeder sie? Wenn sie so gefährlich sind?“

Ihre Mutter lächelte, aber dieses Lächeln hatte etwas Melancholisches.

„Weil man Gefahr manchmal nicht vermeiden kann … nur kontrollieren.“

Dann streckte sie die Hand aus, und Raphaeline spürte die warmen Finger ihrer Mutter auf ihrer Wange.
„Und deshalb wirst auch du, meine kleine Raphaeline, eines Tages ein Schwert in der Hand halten. Nicht um dich davor zu fürchten, sondern um es zu beherrschen. Damit du nie wieder Angst haben musst.“

Raphaeline schluckte schwer und wusste nicht, was sie sagen sollte.

Die Worte ihrer Mutter hallten in ihrem Herzen wider.

„Komm“, sagte sie, stand auf und streckte der kleinen Mädchenhand ihre Hand entgegen. „Mama zeigt dir den größten Schatz, den sie hat.“
Raphaeline zögerte einen Moment, noch immer von Angst erfüllt, doch dann nahm sie die warme Hand ihrer Mutter.

Sie gingen durch den langen Tempelgang, ihre Schritte hallten leise in der Stille der Nacht wider. Das Mädchen wusste nicht, wohin sie gingen, aber die beruhigende Gegenwart ihrer Mutter an ihrer Seite hielt sie davon ab, Fragen zu stellen.
Schließlich erreichten sie die Privatgemächer der Frau. Raphaeline war schon einmal hier gewesen, aber nie weiter als bis zu der Stelle, die sie sehen durfte. Ihre Mutter ging zu einer Ecke des Raumes und fuhr mit der Hand über die Holzwand. Mit einem leisen Klicken verschob sich eine versteckte Verkleidung und gab den Blick auf einen Geheimgang frei.

Raphaelines Augen weiteten sich.
Ohne ein Wort zu sagen, führte ihre Mutter sie hinein. Der schmale Gang war schwach von kleinen hängenden Laternen beleuchtet, die tanzende Schatten an die Wände warfen. Die Luft hier drinnen war anders – dichter, schwer von etwas Altem und Tiefgründigem.

Und dann, als sie das Ende des Ganges erreichten, stieß ihre Mutter eine große, dunkle Holztür auf.

Raphaeline hielt den Atem an.
Vor ihr lag eine versteckte Kammer, ein Heiligtum, das außerhalb der Zeit zu existieren schien. Die Wände waren mit Glasvitrinen gesäumt, in denen Hunderte von Schwertern lagen. Einige waren uralt, andere glänzten, als wären sie erst gestern geschmiedet worden. Jedes war anders, doch alle strahlten eine einzigartige Präsenz aus.

Raphaeline spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Ihre Mutter ließ ihre Hand los, trat einen Schritt vor und streckte die Arme aus.
„Das ist mein Schatz.“ Ihre Stimme war voller Stolz und etwas anderem … Nostalgie. „Die Schwertsammlung, die ich mein ganzes Leben lang zusammengetragen habe.“

Raphaeline sah all diese Klingen und spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Aber ihre Mutter kam näher und kniete sich vor sie hin, ihre Augen voller Zärtlichkeit.

„Raphaeline …“ Sie lächelte, als wolle sie ihr ein kostbares Geheimnis verraten. „Ich habe dir nie meinen richtigen Namen verraten, oder?“

Das Mädchen blinzelte.

„Dein Name ist … Mutter.“

Die Frau lachte leise.

„Ja, aber bevor ich deine Mutter war, bin ich …“

Sie stand auf, schaute auf die Schwerter um sich herum, fuhr mit der Hand über eines davon und fuhr dann fort.

„Ich bin Ameyuki Baal, die Anführerin dieses Clans.“
Raphaeline riss die Augen auf. Ihre Mutter hatte ihren Namen noch nie so feierlich ausgesprochen.

Ameyuki ging zu einem der Regale, nahm ein schwarzes Schwert und hielt es Raphaeline hin.
„Jedes dieser Schwerter hat eine Geschichte. Sie alle stehen für das Gleichgewicht zwischen Liebe und Hass, zwischen Leben und Tod. Yin und Yang.“ Sie fuhr mit den Fingern sanft über die Klinge. „Einige wurden von Helden geführt, andere von Tyrannen. Aber letztendlich sind sie alle nur Schwerter. Es sind die Hände, die sie führen, die bestimmen, was sie sind.“

Dann ging sie in die Mitte des Raumes, wo ein Schwert abseits von den anderen stand.
Raphaeline stockte der Atem.

Im Gegensatz zu den anderen war dieses Schwert auf einem dunklen Holzständer ausgestellt und von einem schwachen goldenen Schein umgeben. Seine Klinge schien aus dem Nachthimmel selbst geschmiedet zu sein, so tief schwarz, dass sie wie ein Spiegel reflektierte. Der Griff war mit dunkelrotem Stoff umwickelt, und die Parierstange hatte ein kompliziertes Muster, das an ein stilisiertes Yin-Yang-Symbol erinnerte.
„Das …“, sagte Ameyuki und betrachtete die Waffe mit Ehrfurcht. „Das ist das Schwert des Anführers des Baal-Clans.“

Raphaeline spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief.

Ameyuki streckte die Hand aus und legte ihre Finger auf die Klinge.
„Dieses Schwert ist ein Erbstück. Es wird von Generation zu Generation weitergegeben, nur an denjenigen, der sich würdig erweist, es zu führen. Es hat Kriege gesehen, den Wandel der Zeiten … und es hat auch diejenigen beschützt, die wir lieben.“

Dann sah sie Raphaeline an.

„Glaubst du, dieses Schwert ist böse, meine Liebe?“

Raphaeline biss sich auf die Lippe und starrte auf die Klinge. Sie wusste nicht, wie sie antworten sollte.

Ameyuki lächelte sanft.
„Schwerter sind weder gut noch böse. Sie existieren einfach. Was wirklich zählt …“ Sie kniete sich neben ihre Tochter und legte eine zarte Hand auf die Brust des Mädchens. „… ist das, was hier drinnen existiert.“

Raphaeline schaute gedankenverloren auf ihre Füße.

Sie hatte Angst gehabt, weil sie gesehen hatte, wie jemand verletzt wurde. Aber … was, wenn das Schwert auch zum Schutz benutzt wurde?
Was, wenn sie lernen könnte, es zu kontrollieren, es zu beherrschen, sodass sie nie wieder Angst davor haben müsste?

Sie hob den Blick zu ihrer Mutter.

„Kannst du mir das beibringen?“

Ameyukis Blick wurde weich, und ein sanftes Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Natürlich, mein kleines Mädchen.“
In diesem Moment wusste Raphaeline es noch nicht, aber vor ihr hatte sich ein neuer Weg aufgetan. Ein Weg voller Klingen und Schatten, voller Liebe und Verlust.

Und in dieser versteckten Halle, umgeben von alten Schwertern und dem liebevollen Blick ihrer Mutter, begann die Angst, die einst ihr Herz erfüllt hatte, langsam zu schwinden.

„Ich kann alles sehen“, murmelte Vergil mit tiefer Stimme, während er durch Raphaelines Erinnerungen navigierte.
Er sah das kleine Mädchen, das auf den Stufen des Baal-Clans weinte. Er spürte ihre Angst, ihre Unsicherheit. Er sah die Gestalt ihrer Mutter, stark und imposant, aber voller Zärtlichkeit, die sie auf dem Weg der Schwerter führte. Und dann sah er den Moment, in dem Bewunderung in Besessenheit umschlug … den Moment, in dem Raphaeline begann, eine Last zu tragen, die vielleicht nie für sie bestimmt war.
Als er wieder in die Gegenwart zurückkehrte, lag sie still auf ihm, aber ihr Körper zitterte leicht.

Vergil fuhr mit seiner Hand durch ihr schwarzes Haar und spürte, wie es weich zwischen seinen Fingern glitt.

„Jetzt verstehe ich dich“, sagte er leise.

Raphaeline antwortete nicht, aber er spürte, wie sie ihr Gesicht noch ein wenig tiefer an seine Brust drückte.
„Du hast deine Mutter so sehr geliebt … so sehr, dass du ihr Vermächtnis mit einer Obsession verwechselt hast. Du hast dich an die Schwerter gebunden, ihre Last über deine eigene Tochter gestellt … und über dich selbst.“

Er spürte etwas Warmes und Feuchtes auf seiner Haut.
Vergil seufzte leise und strich ihr weiter über das Haar, seine Berührungen waren sanft und tröstend.

„Du kannst jetzt weinen, Liebling.“ Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern.

Für einen Moment war nur noch ihr Atem im Raum zu hören.

Dann, als wäre ein Damm gebrochen, drückte sich Raphaeline an ihn, ihre Schultern zitterten, als die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, endlich ihren Weg nach draußen fanden.

Meine Frauen sind wunderschöne Dämonen

Meine Frauen sind wunderschöne Dämonen

Score 10
Status: Ongoing Author: Artist: Released: 2024 Native Language: German
Vergil, ein 21-jähriger Typ, lebt ein scheinbar einfaches Leben in einer etwas chaotischen Welt. Seine Familie ist auch ganz normal – sein Vater ist zwar nicht mehr da, aber seine Mutter ist immer für ihn da, auch wenn sie ein bisschen... aggressiv ist. Aber das ist heutzutage ja nichts Ungewöhnliches, oder? Alles ändert sich drastisch, als Vergil nach einem unerwarteten Tod als Dämon erwacht. Zu seiner Überraschung entdeckt er, dass er versehentlich eine wunderschöne reinblütige Dämonin geheiratet hat. Nun wird er aus der Perspektive eines Dämons entdecken, wie die Welt wirklich funktioniert. WARNUNG: Bevor du dich aufregst: Das Buch ist von drei Werken inspiriert, die ich mag. Ich habe Szenen ABSICHTLICH ÄHNLICH gestaltet, indem ich Dialoge aus den Originalen imitiert habe. WÄRE ES EINE KOPIE, würde die Website es nicht genehmigen. Wenn dich das so stört, lies es einfach NICHT. ---- Discord: https://discord.gg/2rFfaP9BfB Der Roman "Meine Frauen sind schöne Dämonen" ist ein beliebter Light Novel aus den Genres Fantasy, Action, Romantik, Abenteuer, Erwachsene, Komödie, Harem, Slice of Life genre. Geschrieben vom Autor Katanexy. Lies den Roman "Meine Frauen sind schöne Dämonen" kostenlos online.

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