Die Stimmung im Büro des Dekans war angespannt. Das flackernde Licht vom Hologrammbildschirm warf scharfe Schatten an die Wände, aber die eigentliche Spannung im Raum kam von den Worten, die gerade gesprochen worden waren.
Dekan Leonard Graves kniff seine scharfen grauen Augen zusammen, beugte sich vor und verschränkte die Finger auf seinem Schreibtisch. „Was hast du gerade gesagt?“
Ihm gegenüber stand mit fester Haltung Victor Hayes – einer der angesehensten Ausbilder der Akademie. Sein schmutzig blondes Haar war leicht zerzaust, ein Zeichen dafür, dass er sich schon eine Weile mit diesem Problem herumgeschlagen hatte.
„Zwei unserer Studenten – Alice Dhark und Joshua Jeremiah – sind verschwunden“, wiederholte Victor mit ruhiger Stimme. „Sie sind da draußen und bearbeiten einen nicht genehmigten Fall.“
Dean Graves atmete tief aus und drückte sich die Nasenwurzel. „Dieser nervige Bengel …“, murmelte er, seine Verärgerung war deutlich zu spüren. „Seit Joshua diese Akademie betreten hat, ist er nichts als ein Dorn in unserem Auge. Und das alles wegen seiner verdammten Vendetta gegen die Reaper Mafia.“ Seine Stimme triefte vor Frustration. „Was zum Teufel hat er diesmal vor?“
Victor verschränkte die Arme. „Überraschenderweise? Er ist tatsächlich erfolgreich.“
Graves runzelte die Stirn.
„Er hat Verdächtige festgenommen, die mit der Reaper Mafia in Verbindung stehen – und Beweise geliefert“, fuhr Victor fort. „Nicht nur das. Er hat ihre Operationen nacheinander gestört. Effizient. Sauber. Fast so, als hätte er das schon einmal gemacht.“
Es wurde kurz still im Raum. Die Spannung stieg.
Dean Graves trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch, sein Gesichtsausdruck war unlesbar. Dann lehnte er sich mit einem langsamen, tiefen Atemzug in seinem Stuhl zurück.
„Der Bengel macht also nicht nur Ärger … er gewinnt auch.“
Victor nickte.
Graves lachte leise und schüttelte den Kopf. „Der verdammte Idiot hat Mut, das muss ich ihm lassen.“ Aber dann verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck. „Wenn er so weitermacht, wird er sich irgendwann mit den Falschen anlegen. Und wenn das passiert …“
Seine grauen Augen blitzten gefährlich.
„Dann kann die Akademie ihn vielleicht nicht mehr beschützen.“
Victor atmete langsam aus, die Arme immer noch verschränkt. „Glaubst du, das interessiert ihn?“ Sein Tonfall schwankte zwischen Frustration und widerwilligem Respekt. „Wenn überhaupt, würde ihn das Wissen um die Gefahr wahrscheinlich nur noch mehr antreiben.“
Graves lehnte sich zurück und starrte an die Decke, als würde er nach Geduld suchen. „Bei dem Tempo bringt sich der Idiot noch um.“
Der holografische Bildschirm flackerte und zeigte nun grobkörnige Aufnahmen einer Überwachungskamera. Verschwommene Gestalten huschten durch die Schatten – Joshua und Alice, die sich schnell bewegten. Die Übertragung war abgehackt, aber selbst in der niedrigen Auflösung war klar zu erkennen, dass es sich nicht um leichtsinnige Kinder handelte, die sich als Helden aufspielten.
Joshua bewegte sich präzise und brutal effizient, jeder Schlag war genau berechnet. Alice an seiner Seite war genauso scharf und deckte seine toten Winkel, als hätten sie das schon seit Jahren gemacht. Die Kameraaufnahmen brachen ab, gerade als Joshua einen Mann, der doppelt so groß war wie er, entwaffnete und ihn auf den Bürgersteig drückte.
Victors Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen. „Das sind nicht die Bewegungen eines normalen Kadetten.“
Graves trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. „Nein. Das ist es nicht.“ Seine Stimme war leise und nachdenklich. „Dieser Junge … er hat Erfahrung. Echte Erfahrung. Nicht die Art, die man in Trainingsübungen sammelt.“
Victor zögerte, dann murmelte er: „Glaubst du, er hat schon mal so was gemacht?“
Graves antwortete nicht sofort. Er starrte nur auf den leeren Bildschirm und war in Gedanken versunken. Dann atmete er endlich aus. „Es ist egal, wo er das gelernt hat. Was zählt, ist, was er als Nächstes macht. Und im Moment zwingt er uns zum Handeln.“
Victor lachte höhnisch. „Du meinst, du denkst tatsächlich darüber nach, ihn zu unterstützen?“
Graves‘ graue Augen schossen zu ihm, scharf wie Messer. „Das habe ich nicht gesagt.“ Er stand auf, sein schwerer Mantel raschelte, als er zum Fenster ging. „Aber ihn zu ignorieren, ist keine Option mehr.“
Victor fuhr sich mit der Hand durch die Haare und schüttelte den Kopf. „Und jetzt? Ziehen wir sie zurück? Schleppen wir sie zurück in die Akademie, bevor sie noch mehr Chaos anrichten?“
Graves lachte leise und trocken. „Wenn es nur so einfach wäre.“ Er drehte sich um und sah Victor an. „Joshua Jeremiah ist nicht einfach nur ein Kadett. Er ist ein Lauffeuer. Und im Moment verbrennt er die Reaper-Mafia schneller, als wir es je könnten.“
Victor runzelte die Stirn. „Du klingst, als würdest du ihn bewundern.“
Graves grinste, aber es war kein Humor darin. „Ich bewundere einen Mann, der Ergebnisse erzielt.“ Seine Augen verdunkelten sich. „Aber selbst ein Lauffeuer muss kontrolliert werden, bevor es alles niederbrennt – einschließlich sich selbst.“
Eine lange Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
Dann knisterte die Sprechanlage.
„Sir“, erklang eine dringliche Stimme. „Wir haben ein Problem. Joshua und Alice … sie haben gerade eine weitere Festung der Reaper-Mafia angegriffen. Und dieses Mal …“
Die Stimme stockte.
Graves kniff die Augen zusammen. „Raus mit der Sprache.“
Die Antwort kam prompt. „Dieses Mal waren sie nicht allein. Es war noch jemand anderes dabei.“
Victor richtete sich auf. „Wer?“
Es gab Störgeräusche in der Leitung, bevor die Antwort kam.
„Berichten zufolge … ist er es.“
Graves‘ Gesichtsausdruck verhärtete sich. Victor stieß einen leisen Fluch hervor.
Die Luft im Büro wurde schwerer.
Graves atmete aus und presste die Kiefer aufeinander. „Besorg mir eine Live-Übertragung. Sofort.“
Die Gegensprechanlage verstummte. Es war wieder still im Raum, aber nur für eine Sekunde.
Denn beide wussten – wer auch immer er war –, dass es jetzt richtig schlimm werden würde.
Der Bildschirm flackerte wieder auf, es gab ein paar Störgeräusche, dann erschien ein verpufftes Livebild. Der Winkel war mies – schräg, wackelig –, aber es reichte.
Eine dunkle Gasse, trübe Neonlichter spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Überall lagen Körper, stöhnend oder bewusstlos. Alice stand an der Seite, keuchte und hatte blaue Flecken an den Knöcheln. Joshua stand ein paar Schritte vor ihr, mit dem Rücken zur Kamera, angespannt.
Und vor ihm …
Ein Mann stand mitten in dem Gemetzel, völlig regungslos. Groß, breitschultrig, gekleidet in einen langen schwarzen Mantel, der sich trotz des Windes kaum bewegte. Sein Gesicht war unter der Kapuze verborgen, aber die Luft um ihn herum fühlte sich schwer an. Bedrückend.
Graves kniff die Augen zusammen. „Zoom rein.“
Das Bild wurde schärfer und zeigte mehr Details. Der Mann wirkte entspannt – zu entspannt. Als wäre ihm alles egal.
Victor spannte sich an. „Scheiße.“
Graves warf ihm einen Blick zu. „Kennst du ihn?“
Victor atmete scharf aus. „Ja. Und wenn er hier ist … dann hat sich Joshua gerade in etwas verwickelt, das ihn weit überfordert.“
Auf dem Bildschirm neigte Joshua leicht den Kopf und musterte die Gestalt vor sich. Dann knackte er langsam mit den Fingerknöcheln.
Alice sah zwischen den beiden hin und her. „Josh, vielleicht sollten wir …“
Zu spät.
Der Mann bewegte sich.
Die Kamera konnte es kaum einfangen. In einer Sekunde stand er noch still, in der nächsten war er vor Joshua und hatte bereits den Arm ausgeholt.
Joshua wich knapp aus, sein Körper drehte sich gerade noch rechtzeitig, als eine Windböe an ihm vorbeirauschte und eine Straßenlaterne hinter ihm zerschmetterte. Glassplitter regneten herab. Alice taumelte zurück, die Augen weit aufgerissen.
Joshua zögerte nicht. Er konterte und zielte mit seiner Faust direkt auf die Rippen des Mannes. Doch bevor sie ihr Ziel erreichen konnte –
BOOM.
Eine Schockwelle ging los. Die Übertragung stockte, für einen Moment war nur Rauschen zu sehen, dann kam das Bild zurück.
Joshua kniete auf einem Knie, seine Stiefel rutschten über den Asphalt. Sein Ärmel war zerrissen, Blut tropfte ihm den Arm hinunter. Der Mann hatte nicht einmal gezuckt.
Victor biss die Zähne zusammen. „Das ist kein gewöhnlicher Killer. Das ist ein Geist.“
Graves‘ Miene verdüsterte sich. „Du glaubst, er ist es?“
Victor antwortete nicht. Das musste er nicht.
Zurück auf dem Bildschirm wischte Joshua sich das Blut vom Mund und grinste dann. „Okay“, murmelte er. „Du bist interessant.“
Der Mann sprach endlich.
„Geh nach Hause, Junge.“ Seine Stimme war tief, leise, wie ein Knurren unter seinem Atem. „Das ist nicht dein Kampf.“
Joshua zuckte mit den Schultern. „Ja? Fühlt sich aber irgendwie so an.“
Der Mann seufzte. Dann, ohne Vorwarnung –
verschwand er.
Er bewegte sich nicht. Er war nicht verschwommen. Er war einfach weg.
Die Kamera versuchte verzweifelt, mitzuhalten, und dann –
CRASH.
Die Übertragung brach ab.
Es wurde totenstill im Raum.
Graves atmete langsam und bedächtig aus. „Schickt ein Bergungsteam“, befahl er. „Sofort.“
Victor rührte sich nicht. Sein Blick blieb auf dem eingefrorenen Bildschirm haften, auf dem zuletzt Joshua zu sehen war, wie er auswich, ein Grinsen auf seinem blutüberströmten Gesicht.
„… Verdammter Junge“, murmelte Victor. „Er will wirklich gegen ihn kämpfen, was?“
Graves‘ Gesichtsausdruck war unlesbar.
„Wenn er überlebt.“