Stille. Die Luft war schwer von etwas Unfassbarem, etwas Unnatürlichem, etwas, das nie hätte passieren dürfen. Und doch war es passiert.
Ein scharfes, raues Einatmen durchbrach die Stille wie der erste Riss in einer unzerstörbaren Mauer. Das Geräusch war so leise, so zerbrechlich, und doch war es in diesem Moment das Einzige, was zählte. Pyris rührte sich nicht. Er atmete nicht. Sein ganzer Körper war erstarrt, gefangen in einem Moment zwischen Trauer und etwas noch Schrecklicherem – Hoffnung.
Seine zitternden Finger, die immer noch um Moonveils leblosen Körper gekrümmt waren, zuckten.
Er hatte eine gefühlte Ewigkeit in Verzweiflung gefangen verbracht, seine Seele in einer gebrochenen Symphonie aus Schluchzern ausgegossen, seine Stimme verloren in den Echos des Schmerzes, die einfach nicht verstummen wollten. Er hatte gespürt, wie sie entschwand, wie ihre Wärme ihn verließ, wie die qualvolle Stille des Todes sie einhüllte.
Aber jetzt – jetzt war etwas anders.
Ein weiterer Atemzug. Dieser war tiefer, gleichmäßiger, als würde ihr das Leben zurückkehren.
Und dann – Bewegung.
Es begann ganz leise. Eine winzige Bewegung ihrer Finger auf seiner Brust, ein kaum wahrnehmbares Zucken, das ihn am ganzen Körper erschauern ließ. Er konnte es immer noch nicht glauben, wagte es nicht, zu hoffen, denn Hoffnung war grausam, Hoffnung war eine Lüge, Hoffnung machte den Verlust unerträglich.
Aber seine Arme legten sich instinktiv fester um sie, unwillig, sie loszulassen, unwillig, sie wieder zu verlieren.
Die Welt war still geworden. Kein Wind, kein Flüstern des nachhallenden Chaos, kein fernes Heulen des Mondes – nur das Geräusch von Atem. Ihr Atem. Lebendig.
Und dann öffneten sich ihre Augen.
Silberne Wimpern zitterten, als ihre schlitzförmigen Pupillen in den Fokus rückten, ihr Glanz schwach und unsicher, als wäre sie ohne Vorwarnung und ohne Erklärung aus den Tiefen der Vergessenheit zurück ins Leben geworfen worden. Ihr Blick war verschwommen, unkonzentriert, verloren in einer Welt zwischen Leben und Tod.
Aber sie war da.
Pyris gab einen Laut von sich – ein ersticktes, gebrochenes Geräusch zwischen einem Schluchzen und einem atemlosen Ausatmen.
Er konnte nicht denken. Er konnte nicht sprechen. Er konnte nur starren, während seine ganze Welt sich auf die unmögliche Realität vor ihm verkleinerte. Sie sah ihn an. Sie sah ihn. Nicht als verblassende Erinnerung, nicht als flüchtigen Traum, sondern als etwas Reales.
Und dann wurde ihr bewusst, was los war.
Ihre Brust hob sich scharf, als hätte sie etwas plötzlich zurück in die Realität geholt. Ihre Finger krallten sich in den Stoff seines zerfetzten Anzugs – in das, was davon übrig war. Ihre Berührung war schwach, zögerlich, aber unverkennbar da. Pyris spürte es wie ein brennendes Brandmal auf seiner Haut, ein Beweis dafür, dass sie keine Illusion war, kein grausamer Streich des Schicksals, um ihn noch mehr zu zerstören.
Sie lebte.
Selara Moonveil lebte.
Doch Pyris konnte sich immer noch nicht bewegen, konnte nicht reagieren, konnte nicht einmal atmen, als sich ihre Lippen öffneten und ihre Stimme um Worte rang, die ihr nicht über die Lippen kamen. Sie sah verwirrt und benommen aus, als wäre sie aus dem tiefsten Abgrund gezogen worden, ohne zu wissen, wie oder warum. Und Pyris – er brach zusammen.
Tränen liefen ihm noch immer über das Gesicht, sein Atem ging immer noch unregelmäßig, sein ganzer Körper zitterte noch immer von den Nachwehen des Verlusts, der zu schnell, zu brutal, zu endgültig gekommen war. Und jetzt? Jetzt war sie hier, warm in seinen Armen, real.
Er umfasste sie fester.
Und dann, endlich, nach einer Ewigkeit, bewegte er sich.
Ohne zu zögern, ohne Zurückhaltung, ohne einen Gedanken an etwas anderes als den Wunsch, sie näher an sich zu drücken, vergrub Pyris sein Gesicht in ihrer Schulter.
Sein Körper zitterte, die Schluchzer, die zuvor Schreie der Trauer gewesen waren, verwandelten sich nun in etwas Rohes, etwas, das keine Worte beschreiben konnten. Seine Finger krallten sich fest, als würde sie verschwinden, wenn er sie losließe, als würde sie ihm entgleiten, wenn er seinen Griff auch nur ein wenig lockerte.
Und dann sprach er – kaum hörbar.
„Selara …“
Es war nicht nur ein Name. Es war alles. Ein Gebet, eine Bitte, eine verzweifelte Bestätigung, dass dieser Moment nicht nur ein weiterer grausamer Streich des Schicksals war. Seine Stimme war heiser, kaputt von der Last der Trauer, die immer noch an ihm hing, aber darin war noch etwas anderes – etwas, das sich befreite.
Moonveil blinzelte langsam, ihr Verstand versuchte noch immer, alles zu begreifen. Aber in dem Moment, als sie ihn spürte, in dem Moment, als sie die Wärme, den zitternden Griff, die stille Verzweiflung in der Art, wie er sich an sie klammerte, wirklich wahrnahm, bewegte sich ihr Körper instinktiv, ohne dass ihr Verstand ihr sagen musste, was sie tun sollte, als wäre es das, was ihre Seele begehrte.
Schwache Arme hoben sich, zittrige Finger streckten sich nach oben und zögerten nur eine Sekunde, bevor sie sich an seinen Rücken drückten. Die Berührung war sanft, unsicher, aber Pyris spürte sie, als hätte sie ihn durch und durch verbrannt. Sie hielt ihn fest.
„Ich bin hier.“
Zwei Worte.
Und Pyris brach zusammen.
Ein erstickter Laut entrang sich ihm, sein Atem stockte, sein Körper krümmte sich noch enger um sie, als könnte er sie vor allem schützen – sogar vor dem Schicksal selbst.
Er hatte noch nie solche Angst empfunden. Die Angst, sie fast zu verlieren. Die Angst, diesen Moment nie zu erleben. Die Angst, dass sie, wenn er sie auch nur für eine Sekunde losließ, zurück in die Leere gleiten würde und er allein in den Trümmern dessen zurückbleiben würde, was niemals hätte sein dürfen.
Aber sie war hier. Sie war hier.
Der Mond weinte nicht mehr.
Die Welt zitterte nicht mehr.
Und zum ersten Mal seit Beginn dieses Albtraums war Pyris nicht allein.
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Ein Ruvon sollte nicht so verwirrt sein.
Sie sollte nicht so entsetzt sein nach dem, was sie selbst in diesem geheimen Reich durchgemacht hatte. Sie sollte nicht die Realität in Frage stellen wie eine arme Sterbliche, die gerade ihr erstes göttliches Phänomen gesehen hat.
Und doch – hier war sie.
Sie hatte sich auf das Ende vorbereitet. Oh, sie hatte es gespürt, als dieser Mann sie schlug und dann, als Pyris zu zerbrechen begann –
Diese rohe, gewalttätige, das Universum verbiegende Kraft, die durch die Akademie raste und die Existenz selbst verzerrte, als wäre die Realität in einen Mixer mit maximaler Zerstörungskraft gesteckt worden… Sie hatte gesehen, wie der Boden zerbrach, die Wände auseinanderbarsten und die Luft selbst ihren verdammten Verstand verlor.
Sie hatte sich auf den Moment vorbereitet, in dem all das, alle, aufhören würden zu existieren.
Aber das hier?
Das war eine ganz andere Liga von Bullshit.
Sie starrte auf die Szene vor ihr – die Akademie, die einst kurz vor dem Zusammenbruch stand und nun unheimlich stabil war. Die Zerstörung, die einst unvermeidlich schien, war ausgelöscht worden, als hätte die Realität einfach … ihre Meinung geändert.
Und die Ursache?
Keine göttliche Intervention. Kein großer kosmischer Reset.
Ein winziges, flauschiges Wesen.
Dieses Ding. Aber die Existenz hatte noch mehr für sie auf Lager!