Ruvons Lachen verschwand in ihrer Kehle. Die sprudelnde Freude, endlich hier zu sein, endlich dazuzugehören, verschwand, ihr Glück war mit einem Schlag weg. Zuerst war es kaum zu spüren, wie ein Druck, der sich in der Luft aufbaute, ein Gewicht, das langsam auf ihre Brust drückte. Aber bald war es nicht mehr zu leugnen.
Die Dunkelheit in der Akademie, die zuvor still und stagnierend gewesen war, begann sich zu verändern. Sie wand sich, dehnte sich aus und wirbelte auf unnatürliche Weise, als hätte sie einen eigenen Willen – ein unnatürlicher Puls, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
Sie erstarrte.
Die plötzliche Veränderung war zu stark. Zu fremd. Und doch vertraut –
Ihre Instinkte schrien. Ihre Füße fühlten sich an, als wären sie am Boden festgeklebt, ihr Körper wollte sich verzweifelt bewegen, weglaufen, aber sie konnte nicht – sie fühlte sich gefangen von diesem Gefühl, wie angewurzelt.
Eine Stimme donnerte durch ihren Kopf, klarer und eindringlicher als je zuvor.
„Egal was passiert! Verhindere, was auch immer passieren wird. Rette diese Frau!!!!!“ Ruvons Kopf schnellte nach hinten, als eine Welle der Kraft durch sie hindurchging, ihr Geist dehnte sich aus und ihre Sicht verschob sich.
Plötzlich waren ihre Augen überall.
Ihre Sinne öffneten sich, als könnten sie die ganze Welt erfassen. Sie konnte jede Bewegung, jeden Schatten, jeden Zentimeter der riesigen Hallen der Akademie spüren – alles auf einmal.
Ihr Blick blieb an einem entfernten Büro hängen.
Eine Gestalt tauchte aus den Schatten auf und bewegte sich mit übermenschlicher Geschwindigkeit, ihre Silhouette verschwamm in der Dunkelheit. Sie konnte es in der Luft spüren, eine tödliche Präsenz, die sich in der Stille zusammenrollte, die Anmut und Absicht eines Raubtiers. Die Gestalt steuerte direkt auf die Frau zu – Selara Moonveil.
Die Dolche in ihren Händen leuchteten, aber nicht mit Licht. Sie schimmerten mit etwas anderem, etwas Verbotenem. Es war etwas Unrechtes – etwas, das in der Welt des Lichts und des Lebens nicht existieren sollte.
Nein.
Nicht, solange sie wach war.
Ruvon dachte nicht nach. Sie handelte.
Sie zog ihre beiden Schwerter, deren Klingen im seltsamen Licht der wechselnden Schatten der Akademie glänzten. Mit einer einzigen, schnellen Bewegung schlug sie durch die Luft – ihr Schwert durchschnitten die Realität selbst.
Der Raum faltete sich in sich selbst, die Entfernung zwischen ihr und dem Büro verschwand augenblicklich. Ihr Körper schoss nach vorne, tauchte in die Dunkelheit ein und raste auf die Frau zu, die sie beschützen musste.
Doch gerade als sie sie erreichte, traf sie etwas.
BAM!
Es war, als hätte sie ein Vorschlaghammer getroffen – die Wucht schleuderte ihren Körper nach hinten, ihre Brust schnürte sich zusammen, als ihr die Luft aus den Lungen gedrückt wurde. Sie konnte keine Luft holen, konnte sich nicht erholen. Schmerz explodierte in ihrer Brust, und für einen Moment drehte sich die Welt.
Der Aufprall kam wie der Zusammenbruch eines Sterns. Eine verheerende Kraft traf sie, noch bevor sie auf dem Boden aufschlug.
Es war, als würde sie von einem Berg getroffen, ihre Rippen brachen, ihr Körper knickte ein, ihr Atem verschwand. Sie krachte durch Möbel, durch die Wände, bis sie auf dem kalten Boden aufschlug, die Welt drehte sich –
Und in diesem Moment –
Bevor sie sich überhaupt wieder orientieren konnte, hörte sie ein leises Flüstern. Es war ein so leises Geräusch, dass sie es kaum wahrnahm, aber in diesem Moment wusste sie, dass es das Ende war.
Ein Geräusch.
Ein Flüstern. Ein Wimmern.
Dann Stille.
Die Dunkelheit verschwand.
Und Selara Moonveil lag regungslos da.
Das Leben hatte die Frau verlassen.
Selara Moonveil war tot.
Ruvon konnte sich nicht bewegen. Sie konnte nicht atmen. Der Angriff war zu stark gewesen!
Die Schatten um sie herum begannen sich zurückzuziehen, als könne selbst die Dunkelheit nicht ertragen, was geschehen war.
Ruvon konnte sich kaum bewegen. Die Welt um sie herum war wie erstarrt – ihre Glieder waren steif, ihr Körper wollte nicht reagieren. Die Gestalt – der Attentäter, der Henker – war bereits auf dem Weg nach draußen. Ihr Auftrag war erfüllt. Sie schlüpften durch die zurückweichenden Schatten und verschwanden in der Leere. Es tat weh, dass sie besiegt worden war, dass sie versagt hatte, Selara zu beschützen, und dass sie nur zusehen konnte, wie der Attentäter, der Mörder, in der Dunkelheit verschwand, nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte.
Doch dann –
tauchte er auf.
Pyris.
Der gutaussehende, gebrochene Mann war da, aber er war nicht allein. Eine Frau – mächtig, imposant und kälter als die Leere selbst – stand neben ihm. Ruvon konnte nicht begreifen, wer sie war, nur dass sie mit Pyris da war.
Pyris sah den Mörder nicht an.
Er sah sie an.
Moonveil.
Das, was von ihr übrig war. Eine Hülle!
Er bewegte sich. Rannte. Stolperte. Fiel hin. Kroch auf seinen Knien vor dem leblosen Körper von Selara Moonveil. Seine Hände griffen nach ihr, zitternd, bebend, als könne er nicht glauben, was gerade passiert war. Seine Lippen zitterten, aber seine Stimme kam kaum heraus.
„Mira … Ich will ihn.“
Die Worte kamen kaum über seine Lippen, schwach und gebrochen. Er konnte nicht einmal den Kopf heben, zu sehr war er in seinem eigenen Schmerz versunken, um sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Aber die andere Frau – Mira – verschwand. Sie war weg, rannte demjenigen hinterher, der das getan hatte.
Und Ruvon? Sie konnte nur zusehen.
Sie hörte das Schluchzen.
Sie hörte ihn weinen.
Es war nicht nur Trauer – es war ein zerreißender Schmerz, der tiefer ging, als sie es sich vorstellen konnte. Sie konnte ihn spüren, in der Luft, in den Grundfesten der Akademie selbst, als würde die Welt mit ihm zusammenbrechen.
Seine Hände berührten kalte Haut.
Sein Körper zitterte. Er bebte.
Und dann –
[Host ist von einem Unbekannten beschädigt!]
Es war passiert.
Die Luft selbst schien vor Pyris‘ Trauer zu heulen. Der Mond, eine Präsenz, die man nie wirklich verstehen konnte, stimmte mit ein. Der Lärm war ohrenbetäubend, ein Heulen purer Verzweiflung. Die ganze Gegend bebte, als würde sie unter dem Gewicht ihres Schmerzes zusammenbrechen – er schrie.
„NNNNOOOOOOOOOOOOO!!“
Der Mond schrie mit ihm.
„NNNNOOOOOOOOOOOOOOO!!“
Pyris‘ Schrei war wie Donner. Der Himmel über der Akademie riss mit heftiger Wut auf, die Wolken wirbelten, als würden sie auf die Qual reagieren, die ihn zeriss.
„NNNOOOOOOOOOOO!!“
Der Donner grollte. Die ganze Welt bebte. Blitze zerschnitten den Himmel.
Seine Schreie hörten nicht auf.
Sie kamen wieder. Und wieder.
„NNNOOOOOOO!!“
Seine Stimme war rau, jeder Schrei verzweifelter, gebrochener als der vorherige. Es war nicht mehr nur Trauer. Es war etwas Tieferes.
Etwas Uraltes.
Etwas aus den Tiefen seiner Seele.
Und dann – stieg die Kraft in ihm auf.
Es war nicht nur Magie. Es war nicht nur eine Naturgewalt.
Es war pure Schöpfung, als wäre ein Gott der Schöpfung und Zerstörung selbst erwacht. Kraft strömte aus ihm heraus, rein und unverfälscht, und verzerrte die Realität selbst. Die Welt um ihn herum bebte und verbog sich wie Glas unter Druck, das sich mit jedem Energieimpuls, der auf es traf, verformte.
Kraft, die nicht sterblich war. Nicht göttlich. Nicht für irgendein Wesen bestimmt.
Der Boden spaltete sich. Der Himmel barst. Die Welt verschob sich.
Etwas jenseits der Existenz selbst regte sich.
Und dann –
ERSCHIEN DIE RUINE.