Wie eine unaufhaltsame Abrechnung, etwas Unvermeidliches, das passieren musste und durch nichts aufzuhalten war, wiederholte sich die Szene, als wolle sie diejenigen verspotten, die es gewagt hatten zu glauben, sie könnten die Ketten des Schicksals sprengen.
Kein Zögern. Keine Gnade.
Die Realität faltete sich um diesen Moment herum, die Zeit selbst verdrehte sich – nicht um etwas zu verändern, sondern um Zeugin zu sein.
Als würde das Universum verlangen, dass sich die Tragödie entfaltet, um ihre Spuren in der Existenz zu hinterlassen. Die Szene begann sich zu wiederholen, genau wie in Alexas Vision. War dies eine Erklärung des Schicksals, dass nichts sich ihm in den Weg stellen konnte, solange es das Schicksal wollte?
Selara Moonveil ging in ihrem Büro auf und ab, die Einladung in ihrer Hand fing das sanfte Mondlicht ein, das durch das große Fenster fiel.
Das elegante Siegel von Obsidian Tech glänzte auf der dunklen Oberfläche der Karte, ein Symbol für das große Ereignis der Nacht. Sie lachte leise und schüttelte den Kopf, als sie sich an den übermütigen Jungen erinnerte, der ihr persönlich die Einladung geschickt hatte. Pyris Obsidian. Ein Sterblicher mit zu viel Ehrgeiz und einem ebenso großen Ego, aber zumindest hatte er Stil.
Er hatte sich persönlich an sie gewandt, und allein dieses Selbstbewusstsein hatte ihr Interesse geweckt.
Sie seufzte, legte die Einladung beiseite und holte ihr Handy vom Schreibtisch. Mit einer schnellen Bewegung öffnete sie den Live-Feed der Veranstaltung. Der große Saal war voller mächtiger Persönlichkeiten, und sie sah zu, wie die letzten Anführer vorgestellt wurden – Emberly nahm ihren Platz ein.
Selas Gesichtsausdruck wurde weicher. Sie war nicht der Typ für gesellschaftliche Veranstaltungen, aber sie musste zugeben, dass dieser Abend von einer gewissen Vorfreude geprägt war. Die Welt war im Wandel, und sie hatte das Gefühl, dass diese Veranstaltung nur der Anfang von etwas viel Größerem war.
Ihr Taxi würde bald kommen. Nur noch ein bisschen Geduld.
Also drehte sie sich zu einer bestimmten Ecke um, während der Bildschirm weiterhin die Veranstaltung zeigte, und starrte gedankenverloren auf die Stadtlandschaft draußen.
Sie sah es nicht.
Die Schatten sammelten sich in der Ecke des Raumes, dicht und unnatürlich, und bildeten einen tiefen Abgrund, wo eigentlich nichts sein sollte. Sie krochen wie Tinte, die in die Realität sickerte, und bewegten sich wie von selbst. Etwas Uraltes. Etwas Geduldiges.
In dem Moment, als sie sich umdrehte, schoss die Dunkelheit auf sie zu.
Es war plötzlich. Unmittelbar. Endgültig!
Der gesamte Raum wurde verschluckt.
Selara stockte der Atem, als ihre Welt verschwand. Das beruhigende Leuchten des Mondes, das Umgebungslicht ihres Handys – alles war weg. Es gab nur noch Schwärze. Eine Stille, die so erdrückend war, dass sie auf ihre Ohren drückte und sie mit ihrem Gewicht erdrückte. Es war, als hätte das Universum aufgehört zu existieren.
Ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust. Ihre silbernen Augen huschten in alle Richtungen, aber sie sah nichts. Nicht die Wände, nicht ihren Schreibtisch – nicht einmal ihre eigenen Hände.
Nein.
Das war kein einfacher Stromausfall. Sie konnte es spüren. Etwas war hier bei ihr, sie fühlte sich schwach, so schwach, dass sie kaum atmen oder ihre Energie kontrollieren konnte.
Dann – Bewegung.
Von allen Seiten atmete die Dunkelheit. Es war keine leere Leere mehr, sondern eine Präsenz, lebendig und monströs. Sie schlängelte sich in unsichtbaren Ranken heran und streifte ihre Haut mit einer Kälte, die ihr einen heftigen Schauer über den Rücken jagte. Die Luft bewegte sich, etwas kam näher – nein, umgab sie.
Selara war ein gefangenes Lamm in der Höhle der Löwen.
Ihre Finger zuckten, Magie flammte an ihren Fingerspitzen auf, aber sie konnte nicht viel mehr tun, als ihre Energie an ihren Fingern zu spüren, als wäre sie von ihrem Innersten abgeschnitten, doch es war bereits zu spät.
Ein Flüstern. Direkt an ihrem Ohr.
Ein Atemzug, kälter als der Tod selbst.
Ihr Körper erstarrte.
Ein brennender Schmerz durchzuckte ihre Brust – eine Qual, die nicht von Wunden kam, sondern von etwas Tieferem. Etwas stimmte nicht. Ihr Wesen wurde ausgesaugt, von der erstickenden Schwärze weggerissen.
Ihre Stimme blieb ihr im Hals stecken. Kein Schrei. Keine Worte. Nichts als ein Wimmern. Ein fernes, trauriges Heulen durchbrach die Dunkelheit wie eine verzweifelte Bitte.
Und dann –
Ein dumpfer Schlag.
Ihr Körper schlug auf den Boden.
Leblos.
Die Schatten verschwanden in einem Augenblick, als wären sie nie da gewesen. Der Raum sah wieder normal aus – als wäre nichts passiert. Das Telefon spielte immer noch die Live-Übertragung. Die Einladung lag immer noch auf dem Schreibtisch. Die Bürouhr tickte weiter.
Aber Selara Moonveil war tot.
Es gab kein Blut. Keine Wunde.
Nur eine regungslose, blasse Gestalt auf dem Boden, die Augen offen, aber nichts sehend.
Und dann – dann passierte es.
Der Mond schrie. Ein lautloser, qualvoller Schrei, der die Grundfesten der Existenz erschütterte.
Ein Ausbruch von reinem, unstillbarem Mondlicht, das bald aus Selaras Körper hervorbrechen würde, weiße Flammen, die ihr Büro mit himmlischer Wut verschlingen würden, bevor sie das gesamte Reich verschlangen.
Der Nachthimmel draußen begann mit einer Helligkeit zu leuchten, die mit der Sonne wetteiferte, und die Welt begann zu beben.
Der Mond war im Begriff zu trauern.
Und seine Trauer – war Vernichtung.
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Fünf Sekunden vor Selaras Tod…
Die Hallen der Akademie waren endlich leer. Zum ersten Mal war sie wirklich allein.
Ruvon atmete tief aus und ließ die steife Haltung los, die sie immer einnahm, wenn andere Leute in der Nähe waren. Sie musste sich nicht mehr zusammenreißen, auf jeden Schritt und jedes Wort achten. Hier, in diesem Moment, konnte sie einfach sie selbst sein.
Und bei den Göttern, tat das gut!
Sie nahm sich Zeit, durch die Gänge zu schlendern, streichelte mit den Fingern das polierte Holz der Klassenzimmertüren und fuhr mit den Fingern die komplizierten Schnitzereien an den Wänden nach. Sie spähte in leere Hörsäle und stellte sich vor, wie sie zwischen den Studenten saß und dazugehörte, anstatt immer außerhalb der Akademie zu stehen und hinein zu schauen.
Das hatte sie immer gemacht, wenn sie aus dem Dämonenreich in die Drachenhauptstadt kam: einfach vor der Akademie stehen und zuschauen.
Das hatte sie sich immer gewünscht. Ihr Traum –
Teil von etwas Größerem zu sein. Mehr zu sein als nur ein talentloser Dämon, ein Ausgestoßener ohne Platz unter den Eliten.
Aber jetzt?
Jetzt war sie hier.
Und nicht nur als Studentin. Sie war eine Championin.
Ihre Augen leuchteten vor Aufregung, als sie eine der großen Trainingshallen betrat. Die schiere Größe, die geheimnisvollen Symbole an den Wänden – dieser Ort war für Legenden gebaut worden.
Sie rannte in die Mitte des Raumes, drehte sich einmal um sich selbst und nahm alles mit der Freude eines Kindes in sich auf, das einen Traum betritt.
Sie war nicht mehr nur Ruvon.
Sie war auserwählt worden. Von etwas Unbekanntem. Etwas Mächtigen. Und deshalb kämpfte sie nicht mehr, wie sie befürchtet hatte, um die hinteren Plätze – sie gehörte zu den Besten.
Hatte der Ausbilder nicht gesagt, sie sei stärker als selbst der talentierteste Adlige unter den diesjährigen Teilnehmern? Der Gedanke ließ einen Schauer der Begeisterung über ihren Rücken laufen.
Sie lachte, ein ungehemmtes, echtes Lachen, das durch die Halle hallte.
Zum ersten Mal hatte sie keine Angst, zurückgelassen zu werden.
Sie gehörte dazu.
Bis –