Das Licht des Mondes fiel wie ein Urteil. Es war nicht hell. Es war nicht freundlich. Es war zerstörerisch. Ein gnadenloser, alles verschlingender Glanz, der die Welt komplett einhüllte und keinen Platz für Dunkelheit ließ.
Es war nicht das sanfte Leuchten, das Liebende in silbernen Glanz tauchte, noch das Leitlicht verlorener Reisender. Nein, dies war etwas viel Absoluteres. Ein Hunger, der das menschliche Verständnis überstieg. Das unstillbare Mondlicht verschlang jeden Schatten und ließ der Dunkelheit keinen Platz, sich zu verstecken.
Keine Flucht. Kein Zufluchtsort. Keine Gnade. Es strömte in einer Flut roher himmlischer Kraft herab, einer Kraft, die die Nacht nicht nur wegbrannte, sondern aus der Existenz löschte. Die Welt darunter war kahl zurückgelassen, gereinigt durch das unerbittliche Urteil des Himmels.
Und dann traf es die goldenen Augen.
BAM!
Der Aufprall war augenblicklich, eine Kraft so absolut, dass sie die Realität selbst zerschmetterte.
Der goldene Blick wich zurück, geblendet, versengt, verschlungen von etwas, das selbst er nicht begreifen konnte. Eine Präsenz, die niemals hätte berührt werden dürfen. Und doch hatte das Licht sie gefunden, gejagt und zerstört.
Alexa schreckte aus dem Schlaf hoch. Der Übergang war so heftig, dass ihr ganzer Körper zuckte, ihr Herz wie eine Kriegstrommel gegen ihre Rippen schlug und ihr Atem unregelmäßig und stoßweise ging.
Ihre Lungen brannten, als wäre sie ertrunken. Das Gefühl von Feuer und Licht haftete noch immer an ihrer Haut, die Überreste einer Prophezeiung, die sie nicht loslassen wollte. Ihre Hände zitterten, ihre Sicht verschwamm, ihr ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er gerade aus einem Abgrund voller Albträume gekrochen – nur dass dies kein Albtraum war.
Es war etwas viel Schlimmeres. Etwas Gewaltiges. Etwas Unvermeidliches.
Ihre Lippen öffneten sich, und bevor sie überhaupt begreifen konnte, was sie gesehen hatte, riss sich das Wort aus ihrer Kehle, immer und immer wieder, wie ein Fluch.
„Apokalypse … Apokalypse … Apokalypse … Apokalypse …“
Die Vision wollte nicht aufhören. Sie wollte nicht verblassen. Der Moment spielte sich in ihrem Kopf immer wieder ab, eine endlose Schleife aus Tod, Zerstörung und heulenden Monden. Das Geräusch von etwas, das irreparabel zerbrach. Das Geräusch vom Ende der Welt.
Ihre Finger krallten sich in ihre Handflächen, ihre Fingernägel gruben sich so tief in ihr Fleisch, dass Blut auf ihrer Haut zu tropfen begann, aber sie bemerkte es kaum.
Sie verstand nicht, was sie gerade gesehen hatte.
Sie wusste nicht, wer die Frau war, wusste nicht, was sie getötet hatte, aber etwas in ihrer Seele wusste es. Etwas Uraltes, etwas Instinktives, etwas, das wusste – wenn dies geschah, würde niemand mehr zu retten sein.
Sie wollte das verhindern. Den Tod von jemandem verhindern, den sie nicht einmal kannte, denn wenn sie es nicht tat, würde die Welt vom Mond vernichtet werden.
Aber wie? Wie sollte sie jemanden, den sie nicht einmal kannte, vor dem Tod bewahren?
Ihre Gedanken waren wie ein Sturm, sie drehten sich unkontrolliert im Kreis und prallten in einer Raserei aus Dringlichkeit und Verzweiflung aufeinander. Sie brauchte mehr Informationen. Irgendetwas, das ihr helfen könnte. Einen Namen, einen Ort, eine Zeitangabe.
Zeit!
Alera und Aurelia saßen neben ihr in dem rasenden Auto, ihre Stimmen versuchten, sie aus ihrer Benommenheit zu reißen, aber Alexa konnte sie nicht hören. Sie konnte nicht antworten.
Die Hitze ihrer eigenen Panik war erstickend, ihre Haut war klamm, ihr Atem unregelmäßig.
Wie viel Zeit hatte sie noch?
Mit zitternden Fingern zog sie ihr Handy aus der Tasche, ihre Sicht verschwamm für einen Moment, als sie sich auf den Bildschirm konzentrierte. Das Datum. Heute. Es würde heute passieren.
Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen.
Sie zwang sich, sich zu erinnern – an die Einladung. Die Frau in der Vision hatte eine Einladung in der Hand gehalten.
Die Spielvorstellung von Obsidian Tech. Sie erinnerte sich an das Siegel, das Gewicht des Pergaments, die feinen Goldintarsien. Die Frau war elegant gekleidet gewesen, eine Verkörperung des Mondlichts, in Weiß gehüllt, ihr silbernes Haar fiel ihr wie ein Seidenstrom über die Schultern.
Aber wann genau?
Ihr Verstand schrie sie an, sie solle sich beeilen, aber sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Zeit!
Die richtige Zeit! Da war eine Uhr gewesen. Eine Wanduhr im Büro. Aber in der Vision war sie zu sehr auf die Frau fixiert gewesen – sie hatte nicht genau hingesehen.
Die Limousine ruckelte, als Pyris plötzlich bremste. Die Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit aller auf Alexa. Alera, Aurelia und die anderen im Auto riefen ihren Namen, Besorgnis stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Aber Alexa konnte sie nicht hören.
Sie war woanders.
Immer noch gefangen in der Vision.
Ihre Hände bewegten sich wie von selbst. Sie griff nach einem Lippenstift, einem Kompaktspiegel und einem Eyeliner aus ihrer Handtasche, aber das reichte nicht. Sie brauchte etwas Größeres. Sie brauchte Platz.
Ohne zu zögern riss sie einen Streifen Stoff von ihrem weißen Kleid und drückte ihn gegen die Rückseite des Sitzes vor ihr. Die anderen hatten kaum Zeit zu reagieren, bevor sie mit dem Zeichnen begann.
Ihre Striche waren fieberhaft, präzise, fast unmenschlich schnell. Die Formen entstanden augenblicklich – eine perfekte Rekonstruktion von Selara Moonveils Büro.
Jede Linie, jeder Schatten, jedes Detail war, als hätte es sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die hohen Bogenfenster, der dunkle Mahagonischreibtisch, der mit Dokumenten übersät war, das schwache Leuchten der verzauberten Federkiele, die von selbst schrieben, die Mondzeichen, die in die silbernen Verzierungen des Bücherregals eingraviert waren.
Alles.
Und dann – die Uhr.
Ihr stockte der Atem, als ihr Blick auf die Zahlen fiel. Sie hatte es.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
10 Sekunden!
Sie hob den Kopf und starrte ihn mit wilden Augen an.
„Pyris! Pyris, rette sie! Sofort!“ Sie drückte ihm die Zeichnung in die Hand, ihre Stimme zitterte vor Angst.
Sie wusste nicht, wie er jemanden retten sollte, den sie nicht einmal kannten, aber er war ihre einzige Hoffnung. Die einzige Hoffnung, die die Welt der Sterblichen in diesem Moment hatte – denn wenn er versagte, würde der Mond die Vernichtung bringen. Aber sie wusste: Wenn sie jetzt nicht handelten, würde es nichts mehr zu retten geben.
Wenn das, was sie gesehen hatte, wahr war – wenn die Prophezeiung echt war – würde der Mond nicht aufhören. Die Welt der Sterblichen würde verbrennen.
Pyris‘ Blick wanderte über die Zeichnung, und er wusste es. Er erkannte das Büro sofort. Er brauchte das Gesicht der Frau auf dem Gemälde nicht zu sehen. Er brauchte nicht einmal weitere Erklärungen.
Die Art und Weise, wie Alexa die kriechende Dunkelheit eingefangen hatte, die sich dick und hungrig in der Ecke des Raumes sammelte, reichte aus.
Aber all das spielte keine Rolle.
Nicht, wenn jemandes Leben auf dem Spiel stand.
Und nicht, wenn dieser jemand Selara Moonveil war.
Seine Entscheidung war sofort getroffen. „Geh ohne mich. Sorge dafür, dass Alexa versorgt wird!“ Seine Stimme war scharf und entschlossen. Alexa hatte einen Schlag auf die Augen bekommen, und das bedeutete, dass das, was kommen würde, nicht nur eine Möglichkeit war. Es war bereits in Bewegung.