Die Luft veränderte sich.
Zwei Gestalten tauchten aus den dunklen Ecken der großen Halle auf, ihre Anwesenheit war wie ein Messer, das in absoluter Stille gezogen wurde. Ein Mann und eine Frau, gekleidet in fließendes Schwarz, ihre Gestalten schlank und doch bedrohlich, ihre Aura wie gezogene Dolche – für die meisten unhörbar, doch für diejenigen, die mächtig genug waren, sie wahrzunehmen, ohrenbetäubend. Ihre bloße Existenz war eine Aussage, nicht nur über ihre Stärke, sondern über ihre Herrschaft über die Schatten selbst.
Selbst Dracula, der Vampirfürst, spürte es. Nicht weil er sie ignorieren konnte, sondern weil er sich erlaubte, anzuerkennen, wofür sie standen. Den Willen des Hauses Obsidian. Den Willen von Pyris.
Ihre Bewegungen waren geschmeidig, unnatürlich präzise, als würde die Zeit um sie herum innehalten.
Sie sprachen nicht, doch ihre Botschaft war klar. Sie würden Dracula zu seinem Platz führen – nicht als Diener, nicht als Untergebene, sondern als Phantome des Hauses Obsidian, um ihn daran zu erinnern, wo er heute Abend stand.
Draculas Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen, sein Stolz lastete schwer auf seiner Brust. Doch er bewegte sich.
Es gab kein Zögern, keine Trotzreaktion – nur das stille Einverständnis zwischen denen, die unter Titanen wandelten.
Als Dracula zum ersten Mal im Drachenreich angekommen war, war er mit einer stillen, unmissverständlichen Demonstration der Dominanz des Hauses Obsidian konfrontiert worden – sei es durch die Hand der Herrin selbst oder, wie diesmal, durch Pyris –, als er von Song eskortiert wurde. Eine subtile, aber unmissverständliche Erinnerung daran, in wessen Reich er sich befand.
Heute Abend war es nicht anders.
Die stillen Phantome führten ihn vorwärts, ihre Anwesenheit ein Flüstern von Autorität, das selbst er nicht ignorieren konnte. Ihre Botschaft war klar – dies war nicht sein Hof.
Er atmete langsam aus und schluckte den kalten Biss des Stolzes hinunter, als er seinen ihm zugewiesenen thronartigen Stuhl erreichte. Der Sitz war aus einem geschwärzten Material geschnitzt, das das umgebende Licht zu absorbieren schien, seine Präsenz imposant und doch sorgfältig platziert. Nicht in der Mitte. Nicht am höchsten Punkt. Eine bewusste Entscheidung.
Sein Blick wanderte zu dem langen, geschwungenen Tisch, der sich vor ihm erstreckte, dessen Oberfläche makellos war, an dem jedoch mehr thronähnliche Stühle standen, als es eigentlich sein sollten. Mehr als die wahren Anführer des Reiches.
Seine Finger trommelten leicht gegen die Armlehne, sein Gesichtsausdruck war unlesbar.
Emberly.
Sie fügte dem Tisch weitere Stühle hinzu. Sie holte andere herein, die nicht zu den wahren Herrschern des Reiches – des Reiches der Sterblichen – gehörten.
Das war nicht nur eine Beleidigung – es war eine Veränderung. Eine Umstrukturierung der Macht. Und das gefiel ihm gar nicht.
In der Zwischenzeit war Anastasia bereits nach vorne getreten und stand nun vor den versammelten Adligen. Die Vampirprinzessinnen und -prinzen, die den Kaiser begleitet hatten, wurden mit Anmut zu ihren Plätzen geführt, ihre Anwesenheit ein Symbol für die Macht ihres Hauses. Unter ihnen war auch Valarie.
Anastasias Blick fiel sofort auf sie, und trotz der Jahre, trotz der Entfernung erkannten sie sich. Ein sanftes Lächeln von der Bühne. Ein warmes, überraschtes Lächeln als Antwort.
„Sie erinnert sich noch an mich.“ Valarie spürte es tief in ihrer Brust. Als die beiden Familien noch eng befreundet waren, hatte Anastasia sie als Kind einmal im Arm gehalten und sie bei ihren kurzen Besuchen im Haus Obsidian aufwachsen sehen.
Aber das war mehr als Nostalgie. Das war Anerkennung. Eine stille Bestätigung – Anastasia sah in ihr die Frau ihres Bruders.
Diese Erkenntnis entging dem Kronprinzen der Vampire, der neben ihr saß, nicht. Sein Blick huschte zwischen ihnen hin und her, seine scharfen Augen verengten sich leicht, bevor sie sich zu einem wissenden Lächeln verzogen.
„Ich werde nicht den Heiratsvermittler spielen, versuch gar nicht erst, mich darum zu bitten“, murmelte Valarie, bevor er ein Wort sagen konnte.
Er lachte leise und amüsiert, drängte aber nicht weiter.
Anastasias Stimme erklang erneut, ihre Präsenz beeindruckend. „Willkommen, Vampirkaiser. Willkommen, königliche Söhne und Töchter des Blutes!“
Eine Pause. Ein Atemzug.
„Und nun – die Ankunft des Menschenkaisers.“
Donner.
Ein Portal öffnete sich mit elektrischer Präzision und eine Flotte vergoldeter Fahrzeuge rollte auf die Plattform. Ihre schlanken, hochtechnologischen Formen strahlten Macht aus, der Glanz des polierten Metalls und die geheimnisvollen Gravuren waren ein Ausdruck der Ambitionen der Menschheit.
Das Geräusch marschierender Stiefel hallte wider, als Elitesoldaten in Formation auftraten, ihre schwarz-goldenen Uniformen makellos, ihre Synchronisation fast unmenschlich. Jede Bewegung präzise. Jede Präsenz eine Klinge im Dienste des Kaisers.
Dann öffneten sich mit einem Zischen die Türen des führenden Fahrzeugs.
Als Erster trat der Kronprinz hervor.
Der Champion von Heris, der Sonnengott.
Ein Raunen ging durch den Saal, als er erschien, goldene Energie strömte in strahlenden Wellen von ihm ab, jeder Impuls eine Erinnerung an die Göttlichkeit, die sein ganzes Wesen durchfloss. Die bloße Hitze seiner Anwesenheit war erdrückend, eine spürbare Kraft, die auf die versammelten Adligen drückte.
Jeder seiner Schritte war gemessen, bedächtig – als ob der Himmel selbst Zeuge seiner Ankunft wäre.
Sein Aussehen war beeindruckend. Sonnengebräunte Haut, perfekt geformte Gesichtszüge und durchdringende bernsteinfarbene Augen, die wie geschmolzenes Gold glänzten. Seine weiß-goldenen Gewänder schimmerten mit himmlischen Verzauberungen, gewebt von den geschicktesten Handwerkern des Reiches.
Jeder Faden, jedes komplizierte Muster sang ein Loblied auf den Sonnengott.
Einige Adlige waren völlig fasziniert, ihre Blicke verweilten eine Sekunde zu lange, ihre Gedanken verloren sich für einen Moment in der rohen Pracht der göttlichen Blutlinie.
Die goldene Aura, die mühelose Dominanz – es war schwer, sich davon nicht mitreißen zu lassen.
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Aber nicht alle waren beeindruckt.
Ein paar Frauen verdrehten die Augen, unbeeindruckt von dem Spektakel. Für sie war es, als würden sie einem Kind zusehen, das mit einem Blitz herumfuchtelt und es „himmlisches Urteil“ nennt – in seliger Unwissenheit, dass es Menschen gab, die weitaus mächtigere Kräfte beherrschten als bloßes Sonnenlicht.
Unter ihnen saß Selen, die gleichgültig ihren Wein schwenkte.
Dann war da noch Valarie.
Ein einziger Blick, ein Funken Belustigung in ihren dunklen Augen, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder anderen zu – als hätte sie schon etwas Besseres gesehen und dies hier für unzureichend befunden.
Und Anastasia.
Ihre Haltung blieb entspannt, ihr Gesichtsausdruck unlesbar, aber ihr Schweigen sprach Bände. Sie hatte gesehen, wie wahre, mühelose Kontrolle über Macht aussah – Macht, die nicht zur Schau gestellt werden musste, Macht, die keine Ehrfurcht verlangte, sondern einfach da war – ihr Bruder.
Ihre unausgesprochene Vereinbarung war klar.
Der Kronprinz der Menschheit mochte hell strahlen, aber sie hatten die Nacht gesehen, in der kein Licht sie erreichen konnte.
Neben ihm stand Lekiza, die Erste Prinzessin. Präsidentin des Akademierats. Scharfsinnig, gelassen, mit der Ausstrahlung einer Frau, die allein mit ihren Worten den Lauf der Zukunft bestimmte.
Und dann –
tauchte er auf.
Der Menschliche Kaiser.