Der Dunkle Tempel stand ganz allein in einem Reich, das irgendwie nicht richtig da zu sein schien. Er war in ewige Dunkelheit gehüllt, und seine alten Steine pulsierten leicht mit dunkler Energie, als wären sie lebendig und würden atmen. Das Gebäude war unglaublich hoch, und die Türme schienen im schattigen Himmel zu verschwinden.
Nur ein paar Auserwählte konnten ihn überhaupt sehen, geschweige denn sein heiliges Innere betreten.
Im Inneren dominierte der Große Dunkle Altar das Herz des Tempels. Er war aus Obsidian geschnitzt, seine Kanten scharf und makellos, als wäre er direkt aus der Nacht selbst gehauen worden.
Aus seiner Oberfläche sickerten Tentakel der Dunkelheit, die sich wie fühlende Wesen um die Kammer wanden und verflochten.
Auf dem Altar saß Ruvon, eine auffällige junge Frau mit rabenschwarzem Haar, das ihr wie ein Mitternachtswasserfall über den Rücken fiel.
Ihre blasse Haut schien im schwachen Licht leicht zu leuchten und bildete einen starken Kontrast zu den wirbelnden Schatten, die sich an ihre Gestalt klammerten. Ihre einst gewöhnliche Gestalt war zu einer Vision dunkler Perfektion geformt worden – ätherisch und doch furchterregend. Ihre durchdringenden violetten Augen, die nun von einem Hauch göttlicher Dunkelheit getönt waren, brannten mit einer Intensität, die selbst die trotzigste Seele zum Schweigen bringen konnte.
Ruvons schlanke Handgelenke waren mit dunklen Ketten gefesselt, die rohe, unerbittliche Energie ausstrahlten.
Die Fesseln waren nicht nur physisch – sie waren Leitungen, die Ströme dunkler, göttlicher Kraft in ihren Körper pumpten.
Jeder Energieschub war überwältigend, wie geschmolzene Lava, die durch ihre Adern floss, doch sie ertrug es. Sie hatte keine Wahl. Dies war der Weg, den sie freiwillig gewählt hatte, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen.
Wenn ein Unsterblicher oder ein Gott dies gesehen hätte, hätte er erkannt, dass diese Kraft über das Göttliche hinausging.
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Wochen waren vergangen, seit die Gottheit der Dunkelheit sie zu ihrer Championin auserwählt hatte. Sie hatte jeden wachen Moment an den Altar gekettet verbracht und die Kraftzufuhr ertragen, die ihr Wesen zu zerstören drohte. Es war eine Prüfung, eine Art Feuerprobe.
Jede Faser ihres Wesens schrie nach Freiheit, doch sie wusste, dass Widerstand zwecklos war. Die Ketten waren nicht ihre Fesseln – sie waren ihre Erlösung.
Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Monaten, bevor sie hierher gekommen war. Damals war sie nichts gewesen – ein schönes, aber machtloses Mädchen, nur dem Namen nach ein Dämon.
Da sie ohne jede magische Kraft geboren worden war, war sie eine Ausgestoßene gewesen, eine Schande für ihre Art. Doch dann waren da diese Träume gewesen … Diese Träume hatten alles verändert.
Die Bilder waren lebhaft und zogen sie zu etwas Größerem – einem Tempel, versteckt in einem verlassenen Dorf, umhüllt von Schatten und uralten Flüstern.
Sie glaubte, dass es sich um ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit handeln musste, ein Ort, an dem die Frommsten eine Audienz bei den Göttern erlangen konnten.
Die Vorstellung schien selbst ihr lächerlich, aber die Träume waren hartnäckig und unerbittlich.
Ihre Reise war anstrengend gewesen. Monatelang hatte sie nach Fragmenten ihrer Visionen gesucht, bis sie zu den zerfallenen Ruinen eines vergessenen Dorfes gelangte.
Und dort, hinter einem Schleier der Dunkelheit, fand sie ihn – den Tempel, der außerhalb von Zeit und Raum existierte.
In dem Moment, als sie ihn betrat, veränderte sich die Welt. Mit ihren gewöhnlichen Sinnen nahm sie die räumlichen Veränderungen nicht wahr, aber die Luft fühlte sich anders an.
Dichter. Lebendig. Es dauerte nicht lange, bis sie vor dem Altar stand und ihre Knie nachgaben, als die überwältigende Präsenz der Dunkelheit über sie hereinbrach.
Das Wesen hatte nicht mit Worten gesprochen, sondern mit Empfindungen – Versprechen, Befehlen und Wahrheiten, die jede Sprache überflügelten. In diesem Moment waren die Ketten aufgetaucht, die sie an den Altar fesselten und den Beginn ihrer Verwandlung markierten.
Als sie dann auf der kalten Oberfläche des Altars saß, spürte sie, wie die Veränderungen einsetzten. Ihr einst gewöhnlicher Körper wurde umgeformt, verfeinert, als wäre er von den Schatten selbst geformt worden. Ihre Kraft wuchs exponentiell.
Selbst ohne aufzustehen, konnte sie die Kraft unter ihrer Haut summen – einen Sturm, der darauf wartete, entfesselt zu werden.
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Die Zufuhr göttlicher Energie war unerbittlich. Jedes Mal, wenn sie vorankam, reagierten die Ketten, überschütteten sie mit noch mehr Kraft, trieben sie weiter voran und testeten ihre Grenzen. Zuerst dachte sie, es würde sie umbringen. Aber jedes Mal, wenn sie das Gefühl hatte, zu zerbrechen, schien sich die Dunkelheit in ihr zu stabilisieren und sie zu verankern.
Sie war nicht mehr unerweckt. Die Verwandlung hatte einen Kern der Dunkelheit in ihr entfacht, der mit einer Mischung aus sterblicher und göttlicher Energie pulsierte. Es war ein Geschenk, das nur wenige verstehen konnten, geschweige denn ohne jede Affinität dazu einsetzen konnten.
Es ging nur darum, die Akzeptanz der Dunkelheit zu erlangen!
Nachdem sie Rang 9 erreicht hatte, begann sie, Leistungen zu vollbringen, die jeder Logik widersprachen.
Ihre Fähigkeiten waren nicht mehr an ihren Rang gebunden. Sie hatte ein Konstrukt des Rangs 13 mit Leichtigkeit besiegt, ihre Bewegungen waren flüssig und präzise, ihre Kraft überwältigend.
Die Wesenheit hatte sich nicht zurückgehalten. Sie bereitete sie auf etwas viel Größeres vor.
„Bald werde ich zu den Besten gehören, ich werde der Akademie beitreten und allen, die es gewagt haben, auf mich herabzuschauen, zeigen, was wahre Macht bedeutet!
Die Ketten bewegten sich, als würden sie ihre Gedanken spüren. Eine neue Welle göttlicher Energie durchfloss sie und ließ ihren Körper unwillkürlich sich wölben. Ihr Atem stockte, als die Dunkelheit jeden Poren füllte und sie zu verschlingen drohte. Doch sie hielt durch.
Sie hielt immer durch.
Eine tiefe, hallende Stimme hallte in ihrem Kopf wider. Es war die Dunkelheit, deren Ton weder grausam noch freundlich war, sondern absolut.
„Du hast viel ausgehalten, meine Auserwählte. Aber die Schmiedearbeit ist noch lange nicht abgeschlossen. Du sollst die Dunkelheit nicht nur beherrschen – du sollst sie werden.“
Die Ketten pulsierten erneut, ihr Griff verstärkte sich kurz, bevor sie sich wieder lockerte. Es war eine Erinnerung an ihre Bestimmung, ihr Schicksal.
Ruvon öffnete die Augen, das schwache violette Leuchten wurde intensiver. Ihr Blick fiel auf ihre Hände, die immer noch gefesselt waren, aber nicht mehr zitterten. Das Mädchen, das einst machtlos gewesen war, war verschwunden.
An ihrer Stelle stand eine Kraft, mit der man rechnen musste – eine Championin der Dunkelheitsgottheit.
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Außerhalb des Tempels bebte das Reich, als würde es auf ihre langsam erwachenden Kräfte reagieren. Die Schatten schienen ihren Namen zu flüstern, ihre Stimmen ehrfürchtig und voller Ehrfurcht. Die Verwandlung war fast abgeschlossen.
Und irgendwo, jenseits der Grenzen dieses verborgenen Reiches, zitterte die Welt, obwohl sie noch nicht wusste, warum. Ruvons Zeit war gekommen. Und wenn sie wieder in die Welt der Sterblichen zurückkehrte, würde sie nicht mehr dieselbe sein.