Ganz anders als alle gedacht hatten, war es bei den Mitternachtsfürsten und im Sonnensteinreich total still. Nach der schockierenden Nachricht vom Tod des Generals – der vom König selbst geplant worden war – gab es keine großen Veränderungen in der Politik oder Wirtschaft.
Für die Massen war das ein echter Schock. Viele hatten sich schon auf das unvermeidliche Chaos vorbereitet: die Rebellion, die der General angeblich geplant hatte, um das Reich von der scheiternden Monarchie zu „befreien“. Finde Abenteuer in My Virtual Library Empire
In geheimen Ecken der Gesellschaft waren Kriegsvorbereitungen im Gange, und sowohl in Tavernen als auch in Adelshäusern kursierten Gerüchte über Unruhen.
Andere beteten inständig, dass eine solche Rebellion niemals stattfinden würde, aus Angst vor einer Störung des fragilen Friedens zwischen dem Sonnenstein-Imperium und dem Mitternachtsreich.
Obwohl die Rebellion selbst nie zustande kam, verbreitete die Nachricht vom Tod des Generals dennoch Angst und Unsicherheit unter der Bevölkerung.
Alle warteten mit angehaltenem Atem auf das bevorstehende Blutbad – einen blutigen Kampf um die Macht, in dem die drei verbliebenen Kriegsherren um die Macht streiten würden, die durch den Tod des Generals frei geworden war.
Doch zu aller Überraschung kam es nicht zum Blutvergießen. Stattdessen passierte etwas viel Schockierenderes: Derjenige, der öffentlich für den Mord an dem General verantwortlich gemacht wurde, wurde zum neuen General ernannt. Der König gab ihm fast sofort nach dem Tod des alten Generals die absolute Macht, die nur noch von seiner eigenen übertroffen wurde.
Alles ging so schnell und war so gut geplant, dass sich die Gerüchte im ganzen Reich wie ein Lauffeuer verbreiteten.
Viele nahmen an, dass die Untätigkeit der drei Kriegsherren aus Angst resultierte – Angst vor der scharfen Guillotine des neuen Generals, eine Warnung an alle, die es wagten, den Thron anzufechten. Andere spekulierten, dass etwas weitaus Hinterhältigeres im Gange war.
Die Massen ahnten nicht, dass das Schweigen der Kriegsherren nicht aus Feigheit herrührte. Ihre Untätigkeit drehte sich um eine Person, die von Geheimnissen umgeben war.
Einige scharfsinnige Beobachter begannen, Informationsfragmente zusammenzufügen. Sie erinnerten sich an den geheimnisvollen Konvoi, der wenige Tage vor der Bekanntgabe des Todes des Generals unter dem dunklen Himmel des Reiches den Palast verlassen hatte.
Obwohl die Identität der Beteiligten unbekannt blieb, gab es zahlreiche Vermutungen, dass diese Person in irgendeiner Weise mit dem großen Komplott in Verbindung stand, der zum Tod des Generals geführt hatte.
Ein weiteres Rätsel beschäftigte die Menschen: die verfluchten Krieger. Diese mythischen Gestalten galten als nahezu unbesiegbar, und ihre verfluchte Herkunft wurde mit uralter Magie in Verbindung gebracht. Viele vermuteten, dass der König diese Krieger unter seine Kontrolle gebracht hatte, um selbst die mächtigsten Wesen des Reiches, die den König vom Thron stoßen wollten, in Angst und Schrecken zu versetzen.
Allein schon die Erwähnung der Krieger ließ einem Schauer über den Rücken laufen.
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Ammit saß im Thronsaal aus Sonnenstein, dessen prächtige Ausstattung vom Reichtum und der Macht des Reiches zeugte. Marmorsäulen säumten den Raum, jede mit komplizierten Szenen von Schlachten und Triumphen verziert. Der Boden glänzte wie flüssiges Gold im Sonnenlicht, das durch riesige Buntglasfenster fiel und die ewige Herrlichkeit des Sonnengottes darstellte.
Ein weitläufiger purpurroter Teppich führte zu den prächtigen Thronen, doch Ammit und König Soltan hatten sich dafür entschieden, auf den bescheideneren Stühlen Platz zu nehmen, die für Audienzen vorgesehen waren.
Ihre Haltung war entspannt, doch jede ihrer Bewegungen strahlte Selbstbewusstsein aus.
Sie schlug ein Bein über das andere und hörte mit zufriedenem Blick zu, wie der König von seinen jüngsten Manövern berichtete.
„Soltan, das ist hervorragende Arbeit“, sagte Ammit mit leiser, sanfter Stimme, in der ein Unterton von Belustigung mitschwang. Sie nickte anerkennend.
Während sie sich um die „Drecksarbeit“ des Imperiums kümmerte, um die Ankunft von Pyris vorzubereiten, legte König Soltan fleißig den Grundstein für die Pläne seines Meisters. Ammit beaufsichtigte alles und sorgte dafür, dass die Arbeiten stetig voranschritten.
Ihr Hauptaugenmerk lag jedoch auf der Konsolidierung der Wirtschaft des Imperiums, insbesondere in Petne Chaos. Als neu ernannte Generalin stießen ihre Vorschläge bei Kaufleuten und Wirtschaftsmagnaten auf wenig Widerstand – nicht nur aus Angst, sondern auch wegen der beispiellosen Sicherheit, die ihr Einfluss bot.
Unterdessen kursierten in den höchsten Kreisen des Imperiums Gerüchte über eine neue Organisation: Bane Logistics.
Über sie war nur wenig bekannt, außer dass sie von der neuen Generalin angeführt wurde und schnell Verbindungen zu den mächtigsten Unternehmen und Konzernen des Reiches geknüpft hatte.
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Während Ammit und Soltan ihre Pläne besprachen, bewegte sich ein unsichtbarer Eindringling wie ein Geist durch den Palast. Die Gestalt war in Schatten gehüllt, ihre Bewegungen präzise, ihre Schritte lautlos. Sie schlüpfte mit solcher Routine an den Wachen vorbei, als wäre sie Teil der Dunkelheit selbst.
Der Eindringling bewegte sich durch die verwinkelten Gänge des Palastes, sein Ziel klar vor Augen. Bald erreichte er das Herzstück des Palastes: den Tresorraum. Die Tür war eine imposante Metallplatte, verstärkt mit Void Matter, einer Substanz, die magische Kräfte neutralisiert.
Die Gestalt grinste bei diesem Anblick. „Kinderspiel“, murmelte sie mit gedämpfter, unerkennbarer Stimme.
Sie zog zwei dünne, fast unsichtbare Metallstäbe aus ihrem Gürtel und drehte sie geschickt zwischen ihren Fingern. Mit flüssiger Präzision steckte sie die Stäbe in den Schließmechanismus des Tresors. Die Werkzeuge drehten sich schnell und erzeugten ein leises Klicken, als sie die komplizierten Sicherheitsvorkehrungen umgingen.
Mit einem leisen Zischen begann sich die Tresortür zu öffnen.
Der Eindringling trat ein und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Unter dem sanften, verzauberten Schein des Tresorraums glitzerten Schätze von unvorstellbarem Wert. Doch er ignorierte die Berge von Gold, seltenen Juwelen und antiken Artefakten.
Sein Blick war auf ein einziges Objekt fixiert, das auf einem Sockel in der Mitte des Raumes stand: die Arkanen Handschuhe.
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Weit entfernt vom Sonnensteinreich grinste Pyris, als das leise Piepen seiner Uhr seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er steckte das Gerät in sein Inventar und ein zufriedenes Lachen entrang sich seinen Lippen.
„Sie konnten nicht widerstehen, oder?“, murmelte Pyris. Seine Vorhersage hatte sich als goldrichtig erwiesen. Das Eclipse-Syndikat hatte sich daran gemacht, die Handschuhe zu stehlen, was seine Vermutungen über ihre Verzweiflung bestätigte. Was ihn noch mehr faszinierte, war die göttliche Verbindung – oder vielmehr deren Fehlen.
Die göttlichen Wesen, die einst die Macht über die Handschuhe hatten, schienen sie aufgegeben zu haben und behandelten sie wie Spielzeuge, die ihrer Aufmerksamkeit nicht würdig waren.
„Typisch“, sagte Pyris mit sarkastischem Unterton.
Neben ihm regte sich Alera, deren Geist endlich von der lähmenden Falle des Nebels befreit war, den sie besiegt hatte. Sie sah Pyris fragend an. „Was soll das Grinsen?“
Pyris warf ihr einen Blick zu. „Ach, nichts Besonderes. Nur die Bestätigung, dass das Syndikat den Köder geschluckt hat.“
Alera hob eine Augenbraue. „Du meinst die Handschuhe? Die werden sie also an den Meistbietenden verkaufen oder für sich selbst horten?“
Pyris schüttelte den Kopf. „Sie haben eine Attrappe gestohlen. Wieder einmal haben sie eine Attrappe erworben.“
Alera brach in Gelächter aus, das durch den Raum hallte. „Das ist genial. Jetzt werden sie monatelang Schatten jagen.“
Pyris gestattete sich ein kleines Lächeln. Während das Syndikat verzweifelt versuchte, seinen Misserfolg zu verstehen, war er ihnen mehrere Schritte voraus. Die echten Handschuhe waren in Sicherheit, ihr wahrer Zweck musste noch enthüllt werden.
Er musste nur etwas mehr bezahlen, damit das System eine Kopie anfertigte, die länger hielt, aber er beschwerte sich nicht über die Preise – jeder LP war es wert.
Als Alera zu Zara ging, kicherte sie über den glücklichen, verträumten Ausdruck auf Zaras Gesicht. Sie holte ihr Handy heraus und begann zu filmen. „Die Hexe hat doch eine weiche Seite“, neckte sie sie.
Pyris überlegte unterdessen seinen nächsten Schritt. Er wandte sich an Alera. „Fühlst du dich … anders? Oder bin das nur ich?“
Alera neigte den Kopf. „Definiere ‚anders‘.“
„Vergiss es.“
„Hmph! Wen interessieren schon deine kleinen Geheimnisse!“
Pyris grinste nur.