Der Abend ging weiter, während die Menge langsam kleiner wurde und die Gäste nach und nach den großen Ballsaal verließen. Ihre Gespräche wurden leiser und weniger lebhaft. Die goldenen Kronleuchter an der Decke wurden im Laufe des Abends etwas gedimmt und tauchten den Palast in ein intimeres Licht.
Pyris Obsidian stand am Rand des Raumes und beobachtete, wie Seraphina Valyrian sich unter die verbliebenen Gäste mischte. Jede ihrer Bewegungen war kalkuliert, ihr Lächeln gelassen, aber Pyris konnte die subtilen Anzeichen ihrer Ablenkung erkennen.
Die Spannung zwischen ihnen hatte den ganzen Abend über geschlummert, und er konnte spüren, wie sie zunahm – eine unsichtbare Kraft, die sie einander näher zog.
Seraphinas Blick huschte immer wieder zu Pyris, ihre Gedanken waren offensichtlich zwischen den Gesprächen um sie herum und der unausgesprochenen Verbindung, die sie zuvor geteilt hatten, hin- und hergerissen. Sie hatte sich nicht mehr vollständig unter Kontrolle, und das wusste sie.
Pyris hatte das Gleichgewicht verschoben und das, was eigentlich eine Falle sein sollte, in etwas ganz anderes verwandelt – einen komplizierten Tanz aus Verführung, Macht und Unterwerfung.
Pyris‘ Blick wanderte nicht von ihr. Er war geduldig und wartete auf den richtigen Moment, denn er wusste, dass Seraphina bereits unter dem Gewicht ihres eigenen Verlangens zusammenbrach.
„Sie kämpft dagegen an“, dachte Pyris und kniff die Augen zusammen, als er beobachtete, wie sie sich auf den Balkon zubewegte. Aber sie wird nicht gewinnen.
Seraphina blieb an der Tür zum Balkon stehen und legte ihre Hand auf den vergoldeten Rahmen.
Einen Moment lang stand sie still da und schien den nächtlichen Blick auf die Hauptstadt zu genießen, den Rücken zu ihm gewandt, den Kopf gesenkt, als wäre sie in Gedanken versunken.
Das war die Einladung, die Pyris brauchte.
Er schlich sich leise durch den Ballsaal, die übrigen Gäste und Bediensteten verschwanden im Hintergrund, während er sich ganz auf Seraphina konzentrierte. Als sie in die kühle Nachtluft trat, war Pyris direkt hinter ihr.
_____
Der Nachthimmel war klar, die Sterne funkelten über ihnen, während sich die Stadt des Drachenimperiums Drakos wie ein Meer aus Lichtern unter ihnen ausbreitete. Der Balkon bot einen Blick auf die kaiserliche Hauptstadt, aber keiner von beiden interessierte sich für die Aussicht.
Seraphina stand am Rand und stützte sich mit den Händen leicht auf das Marmorgeländer. Sie drehte sich nicht um, als Pyris näher kam, aber er spürte, wie sich ihr Körper in Erwartung seiner Anwesenheit leicht anspannte.
„Du bist ziemlich früh von der Party gegangen“, sagte Pyris mit leiser, sanfter Stimme, als er neben sie trat.
Seraphina warf ihm einen Blick zu, ihr Gesichtsausdruck war ruhig, aber ihre Augen verrieten ihre innere Unruhe. „Ich brauchte etwas frische Luft“, antwortete sie leise, obwohl ihre Worte wie eine Ausrede klangen.
Pyris lehnte sich lässig gegen das Geländer und sah sie fest an. „Du hast über das nachgedacht, was vorhin passiert ist, oder?“
Seraphina stockte der Atem, und Pyris konnte das Zögern in ihren Augen sehen. Sie wandte den Blick ab und krallte ihre Finger etwas fester in das Marmogeländer.
„Du irrst dich“, sagte sie, obwohl ihre Stimme nicht überzeugend klang.
Pyris grinste und beugte sich ein wenig näher zu ihr. „Wirklich?“
Es entstand eine kurze Stille zwischen ihnen, die Luft war voller unausgesprochener Spannung. Pyris spürte, wie die Anziehungskraft zwischen ihnen stärker wurde und Seraphinas Abwehr mit jeder Sekunde, die verging, bröckelte.
„Ich sehe es in deinen Augen“, fuhr Pyris fort, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Du denkst nicht nur an die Macht, an die Politik. Du denkst daran, wie es sich anfühlen würde, nachzugeben.“
Seraphinas Atem ging schneller, aber sie drehte sich immer noch nicht zu ihm um. Sie kämpfte dagegen an – gegen die Anziehungskraft, das Verlangen –, aber Pyris wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie nachgeben würde.
„Seraphina“, sagte er mit sanfter, aber bestimmter Stimme. „Sieh mich an.“
Langsam, als würde sie sich dagegen wehren, drehte Seraphina den Kopf und sah ihm in die Augen. Ihre violetten Augen waren voller Konflikt, aber das Verlangen darin war unverkennbar. Sie wollte ihn – mehr, als sie sich jemals eingestanden hatte.
Pyris trat einen Schritt näher, verringerte den Abstand zwischen ihnen und berührte sanft ihre Hand, die auf dem Geländer lag. „Du musst dich nicht mehr verstellen. Du willst das genauso sehr wie ich.“
Seraphinas Puls raste, ihre Gedanken kreisten, während sie versuchte, die Kontrolle zu behalten, aber die Anziehungskraft von Pyris war überwältigend. Ihre sorgfältig aufgebaute Fassade bröckelte, und sie wusste es.
„Ich …“, begann sie, aber ihre Stimme versagte, als sie nach den richtigen Worten suchte.
Pyris‘ Hand glitt über ihre, seine Berührung war warm und beruhigend. „Du hast die ganze Nacht gegen dich selbst gekämpft. Warum gibst du nicht einfach nach?“
Seraphina schloss die Augen und atmete tief und zittrig ein. Die kühle Nachtluft konnte das Feuer in ihr kaum dämpfen, und jede Faser ihres Körpers schrie danach, sich hinzugeben.
Und dann, mit einem leisen Ausatmen, gab sie nach.
Seraphina drehte sich ganz zu Pyris um, ihr Körper stand nun direkt vor seinem, der Abstand zwischen ihnen war fast nicht mehr vorhanden. Ihr Blick heftete sich auf seinen, ihre Entschlossenheit schwankte, aber ihr Verlangen war unbestreitbar.
„Ich hasse dich dafür“, flüsterte sie, obwohl ihre Stimme keine Wut enthielt – nur Sehnsucht.
Pyris lachte leise, seine Hand glitt zu ihrer Taille und zog sie sanft zu sich heran. „Nein, Seraphina. Du hasst mich nicht. Du hasst es, wie sehr du das willst.“
Ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie protestieren, aber es kam kein Ton heraus. Stattdessen lehnte sie sich an ihn, ihr Körper reagierte auf die Anziehungskraft zwischen ihnen. Ihre Hände ruhten auf seiner Brust, ihre Finger krallten sich leicht in den Stoff seines Hemdes, während sie sich in seinen Bann ziehen ließ.
„Du hast das Spiel gut gespielt“, flüsterte Pyris, seine Lippen nur wenige Zentimeter von ihren entfernt. „Aber jetzt ist es Zeit für die Realität.“
Seraphinas Atem stockte, als die Bedeutung seiner Worte zu ihr durchdrang. Sie war in einem Netz gefangen, das sie selbst gesponnen hatte, und Pyris hatte den Spieß so mühelos umgedreht. Aber jetzt, wo sie hier mit ihm stand, war ihr das Spiel egal.
Sie wollte ihn.
Pyris sah in ihren Augen den Moment der Entscheidung – den Moment, in dem sie sich dem Verlangen hingab, das sich die ganze Nacht über aufgebaut hatte. Und als sie ihren Körper an seinen presste und ihre Lippen seine kaum berührten, wusste Pyris, dass die Jagd vorbei war.
Seraphina Valyrian war gefallen.