Die Leere bebte erneut.
Teile toter Sterne regneten in langsamen Bögen über den zerrissenen Himmel. Das Schlachtfeld hatte keinen Namen mehr. Nur noch Ruinen. Nur noch Lärm und Wut. Kaelor schwebte in der Luft, seine Brust hob und senkte sich, Dampf stieg aus den Schnitten an seinen Armen auf. Seine Roben waren zerfetzt. Die Haut schälte sich von seinem Körper. Die Ranken um ihn herum waren zerrissen, ausgefranst, verbrannt.
Aber seine Augen – immer noch offen, immer noch leuchtend in diesem kränklichen, uralten Grün.
Joshua schwebte ihm gegenüber, ein Ärmel fehlte, Runen knisterten um ihn herum wie wütende Wespen. Ein Auge war zugeschwollen. Blut tropfte aus seiner Nase. Immer noch sauber, immer noch scharf, aber nicht mehr unversehrt. Nicht mehr.
Und Mael …
Er war ruhig.
Immer ruhig.
Schuppen wirbelten lautlos um ihn herum, aber selbst er hatte jetzt Risse. Seine Roben waren am Saum zerrissen. Eine der schwebenden Schuppen war sauber in zwei Hälften geteilt und flackerte. Er blinzelte langsam und beobachtete Kaelor wie ein Rätsel, das er nicht ganz lösen konnte.
Dann passierte es.
Kaelor schnippte mit den Fingern – einmal.
Der Himmel schrie.
Eine riesige Ranke explodierte aus dem Kern des toten Planeten unter ihm und durchbohrte die Leere wie eine Peitsche. Sie schoss wie ein Komet auf Joshua zu und riss Asteroiden auseinander, als wären sie aus Papier.
Joshua drehte sich, Runen umkreisten ihn und bildeten eine Kuppel.
Bumm.
Die Ranke schlug gegen die Kuppel, zersprang, bog sich dann um sie herum und drückte sie zusammen.
Goldene Lichter flammten auf, pulsierten, leisteten Widerstand – und zerbrachen dann. Joshua schoss nach hinten und krachte durch einen gefrorenen Asteroidengürtel.
Kaelor drehte sich in der Luft.
Er schwang seine Hand weit aus – und das Schlachtfeld wuchs.
Planeten verdrehten sich aus anderen Dimensionen, Wurzeln peitschten zwischen ihnen hin und her und bildeten einen sich bewegenden Dschungel im Weltraum. Bäume mit Sternenkernen blühten in Sekundenschnelle auf. Dornenblumen von der Größe ganzer Städte öffneten sich und schrien bei jedem Pulsschlag.
Mael machte den nächsten Schritt.
Nicht schnell. Nicht langsam.
Er trat vor.
Und der Raum faltete sich.
Im nächsten Augenblick stand er hinter Kaelor, die Handfläche erhoben.
Ein weiterer Balance-Impuls.
Diesmal spürte Kaelor ihn. Nicht auf seiner Haut – in seiner Seele. Alles wurde still. Zu still. Kein Atem, kein Blut, kein Gedanke. Die Welt wurde flach. Für einen Moment hätte er fast … losgelassen.
Aber er tat es nicht.
Er knurrte, drehte sich um und rammte seinen Kopf gegen Maels.
Knack.
Maels Nase brach. Er reagierte nicht.
Kaelor packte seinen Arm, verdrehte ihn und schleuderte ihn in einen brennenden Dschungelmond. Der Mond explodierte beim Aufprall – Lianen und Bäume verwandelten sich in kosmische Asche.
Kaelor drehte sich um – und Joshua war bereits da.
Keine Runen. Nur Fäuste.
Er schlug zu.
Kaelor blockte – gerade so –, aber die Wucht schleuderte ihn durch die Luft. Joshua folgte ihm. Jeder Schlag erhellte die Dunkelheit. Goldenes Licht zuckte wie ein Blitz durch die Leere, jeder Schlag schneller als der Gedanke.
Kaelor grunzte, duckte sich und hob einen Wurzelschild – der zerbrach.
Er formte eine Spirale aus Rinde vor sich – Joshua schlug sie durch.
Kaelor biss die Zähne zusammen, stemmte seinen Fuß in die Luft – und stampfte zu.
Wurzeln schossen in alle Richtungen – wie eine Sonne aus Ästen.
Joshua wurde mitten im Schlag erwischt – von einer Ranke, die so dick wie ein Turm war, zu Boden geschleudert. Er flog erneut durch die Luft – diesmal direkt auf Mael, der gerade wieder aufgetaucht war.
Die beiden Absoluten Monarchen prallten aufeinander.
Kaelor wartete nicht.
Er tauchte ab.
Wie eine Rakete, umhüllt von wirbelnden Ranken und grünen Blitzen.
Er traf beide mit der Wucht einer explodierenden Stern.
BOOM.
Die Schockwelle sprengte die provisorische Welt, in der sie sich befanden. Planeten zerbrachen. Gravitationslinien brachen. Das Licht bog sich. Der Raum verzerrte sich.
Joshua erholte sich als Erster – er drehte sich in der Luft und warf zwölfschichtige Runen in alle Richtungen.
„Eindämmen. Beschränken. Binden. Stillstand. Verankern …“
Kaelor brüllte, und Ranken schossen aus seiner Brust, wickelten sich um die Runen und verschlangen sie. Sie verschlangen die Konzepte selbst.
„Hör auf, Regeln zu benutzen“, zischte Kaelor mit knurrender Stimme. „Die Natur kümmert sich nicht um Regeln.“
Mael tauchte wieder hinter ihm auf.
Diesmal mit einer zerbrochenen Schuppe in jeder Hand.
Eine schwarz. Eine weiß.
Er zermalmte sie.
Doppelter Zusammenbruch.
Plötzlich schrumpfte Kaelor – nicht sein Körper, sondern seine gesamte Existenz. Als würde Mael den „Zusammenbruch“-Knopf seines Wesens drücken. Zeit, Masse und Gedanken verdichteten sich.
Kaelor hustete Blut, Ranken schlugen um sich und krallten sich an der Luft fest, um ihn vor dem Verschwinden zu bewahren.
Dann schrie er.
Aus jeder Narbe seines Körpers brachen Wurzeln hervor – uralte, wütende, lebendige Wurzeln.
Sie wuchsen nicht einfach nur – sie infizierten.
Sie berührten Maels Gleichgewichtsfeld – und korrumpierten es.
Mael blinzelte.
Seine Schuppen begannen sich in die falsche Richtung zu drehen.
Rückwärts.
Kaelor drehte sich um, Blut lief aus seinen Augen, und stieß Mael eine Wurzelspeer durch die Brust.
Mael schrie nicht.
Er schaute nach unten.
Dann nach oben.
Und schlug Kaelor mit der flachen Hand ins Gesicht – mit absoluter Präzision.
Kaelor krachte wie ein Komet zu Boden, taumelte und zerschellte.
Joshua kam zurück – diesmal schneller.
Er beschwor eine riesige Rune herauf – größer als alles, was er bisher gesehen hatte – und formte sie zu einem Schwert.
Ein Schlag.
Die Klinge schnitt durch Kaelors Schulter – glatt durch.
Der Arm war weg.
Blut spritzte in den Weltraum und verwandelte sich mitten im Flug in blühende Ranken.
Kaelor zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Er drehte sich um und biss Joshua in den Arm.
Die Zähne versanken darin. Keine menschlichen Zähne. Etwas Älteres. Wilderes.
Joshua schrie – zum ersten Mal – und zog sich zurück, goldenes Blut tropfte von seinem Mantel.
Kaelor brüllte – und sein fehlender Arm wuchs nach, umhüllt von Rinde, pulsierend vor Licht.
Er schlug mit den Fäusten auf beide ein.
Mael flog zurück.
Joshua konnte sich gerade noch auffangen und schoss nach oben.
Kaelor folgte ihm.
Sie prallten erneut aufeinander – und diesmal verbog sich der Raum mit ihnen.
Sie kämpften sich durch einen sterbenden Stern. Durch die Knochen eines vergessenen Gottes. Durch einen Krieg, der nie stattgefunden hatte.
Durch die Erinnerung eines Baumes.
Überall, wo sie sich bewegten, herrschte Chaos.
Sterne explodierten.
Gesetze wurden außer Kraft gesetzt.
Kaelors Ranken umschlangen ganze Realitäten und schwangen sie wie Waffen.
Joshua konterte mit einem Würfel aus Gesetzen, der Dimensionen verflachte.
Mael wandte das Konzept der Masse gegen Kaelor – und machte ihn schwerer als die Existenz selbst.
Kaelor durchbrach es, indem er in die Leere biss und davon trank.
Es war Wahnsinn.
Es war Krieg.
Und es nahm kein Ende.
Bis –
Kaelor in seine Brust griff.
Etwas herausholte.
Einen Samen.
Leuchtend.
Klein.
Alt.
Er flüsterte etwas.
Und dann … aß er ihn.
Alles kam zum Stillstand.
Überall.
Auf einmal.
Mael erstarrte in der Luft.
Joshua hörte auf zu atmen.
Die Galaxie flackerte.
Kaelor öffnete die Augen.
Sie waren nicht mehr grün.
Sie waren weiß.
Er breitete die Arme aus.
Und alles – alles – wuchs.
Wurzeln brachen aus der Zeit hervor.
Bäume blühten in der Erinnerung.
Planeten verwandelten sich in Wälder.
Sterne wurden zu Samen.
Jeder Schlag, den sie ihm versetzt hatten – jede Narbe, jeder Schnitt, jede zerbrochene Wurzel – hatte ihn genährt.
Und jetzt war er satt.
Der Wurzelgott stand auf.
Nicht Kaelor.
Nicht mehr.
Joshua hob seine Hand – und zum ersten Mal zitterten seine Finger.
Maels Schuppen wurden still.
Kaelor – der Wurzelgott – trat vor.
Und die letzte Runde begann.