Pyris schwebte in der endlosen Leere, die Dunkelheit erstreckte sich unendlich in alle Richtungen. Doch vor ihm schimmerte die kolossale Gestalt eines goldenen Drachen wie ein Leuchtfeuer uralter Macht, seine Präsenz überwältigend und göttlich. Das Licht, das von den Schuppen des Drachen ausging, war fast blendend, doch Pyris konnte seinen Blick nicht abwenden.
Er konnte seine Energie durch die Leere pulsieren spüren, eine Kraft, die so stark war, dass sie in seinen Knochen zu vibrieren schien.
Aber irgendetwas an dem Drachen war anders, als er es sich vorgestellt hatte. Seine massive Gestalt war weiblich, seine Augen scharf und doch weise und von einer zeitlosen Anmut. Seine Flügel waren riesig, jede einzelne Feder glänzte wie geschmolzenes Gold in der dunklen Weite.
Sein Körper war zwar kräftig und muskulös, hatte aber eine elegante, fast königliche Form, als hätte er einst über Reiche geherrscht, von denen Pyris nur träumen konnte. Erlebe exklusive Geschichten über Imperien
„Du hast mich erweckt“, dröhnte die Stimme des Drachen, sanft und doch voller Kraft. Ihre Stimme war nicht kalt – sie war voller Weisheit, die Stimme einer Mutter, die unzählige Leben gesehen hatte. „Ich bin Astraya, die Letzte der Goldenen Drachen, und ich habe auf jemanden gewartet, der würdig ist, mein Vermächtnis weiterzuführen.“
Pyris spürte, wie sein Herz in seiner Brust pochte, als ihre Worte ihn überkamen. Er hatte immer gewusst, dass das Vermächtnis seiner Familie mehr war, aber das hier … das übertraf alles, was er sich jemals hätte vorstellen können.
„Warum ich?“, fragte Pyris mit leicht zitternder Stimme, während er in der Leere schwebte, winzig klein neben ihrer immensen Präsenz. „Warum jetzt?“
Astrayas Blick wurde sanfter und strahlte eine seltsame Zuneigung aus, als sie ihn ansah. „Du bist bereits ein einzigartiger Drache, Pyris Obsidian. Deine Blutlinie trägt die Kraft der Lustdrachen in sich – eine Linie mit einer eigenen tiefen, ursprünglichen Stärke. Aber du … du bist mehr als das. Ich habe deine Anwesenheit gespürt, als du zum ersten Mal deine Magie gespürt hast, ich wusste, dass du der Auserwählte bist!“
Sie hielt inne, ihr Blick war durchdringend, als sie sich näher zu ihm beugte. „Ich bin die Letzte meiner Art, Pyris. Meine Kraft schlummerte seit Jahrtausenden und wartete auf eine Seele, die sie tragen konnte. Die Goldenen Drachen waren einst Herrscher unter den Drachen, nicht nur wegen unserer Stärke, sondern auch wegen unserer Macht über Kräfte, die selbst Götter fürchteten.“
Pyris stockte der Atem, während er zuhörte, seine Gedanken rasten. „Was … was für Kräfte?“
Astraya schimmerte, als sie ihren riesigen Kopf hob, und ihre Stimme klang jetzt stolz und traurig zugleich. „Die Kraft, die ich dir hinterlasse, ist anders als alles, was du bisher erlebt hast. Es ist nicht nur Stärke, sondern die Kontrolle über das Wesen des Lebens und der Schöpfung. Meine Kräfte sind mit der Struktur der Realität selbst verbunden, einer Kraft, die nicht nur zur Zerstörung, sondern auch zur Wiedergeburt und Verwandlung führt.“
Sie streckte eine ihrer massiven, mit Klauen versehenen Hände aus, und als sie das tat, pulsierte goldene Energie aus ihrem Körper und schuf komplizierte, leuchtende Muster in der Leere.
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„Das ist mein erstes Geschenk an dich, Pyris“, erklärte Astraya mit leiser, aber ernster Stimme. „Die Kraft, nicht nur zu zerstören, sondern auch zu erschaffen. Du wirst in der Lage sein, die Essenz des Lebens selbst zu manipulieren und nach deinem Willen zu formen. Ob du nun Waffen, Rüstungen oder Lebewesen erschaffst, deine Kontrolle über die Materie wird sogar die Grenzen der Sterblichkeit überschreiten.“
Pyris spürte, wie eine Welle von Energie durch ihn hindurchfloss, während sie sprach, und das schiere Potenzial dieser Kraft raubte ihm den Atem.
Er konnte es fühlen – die Fähigkeit, die Welt um sich herum zu formen, Leben zu erschaffen, wo keines war, oder das Verlorene wiederherzustellen. Das bedeutete nicht, dass Pyris tatsächlich ein Lebewesen wie sich selbst oder andere erschaffen konnte, aber er konnte Konstrukte erschaffen, die Lebewesen fast perfekt nachbildeten.
Goldene Flammen der Wiedergeburt:
„Das Feuer der Goldenen Drachen war nicht wie das anderer Drachen“, fuhr Astraya fort, ihre goldenen Augen vor Stolz glänzend. „Unser Feuer ist das Feuer der Schöpfung und der Wiedergeburt. Deine Flammen werden nicht mehr einfach nur brennen – sie werden heilen, wiederherstellen und verwandeln. Diejenigen, die von deinem Feuer berührt werden, werden ihre Wunden geheilt und ihre Seelen verjüngt finden.
Aber im Kampf wird dasselbe Feuer heißer brennen als jedes andere, das es gibt, und sowohl Körper als auch Geist verzehren.“
Pyris‘ Gedanken rasten angesichts dieser Implikationen. Er konnte Feuer einsetzen, das seine Verbündeten heilen oder seine Feinde zu Asche verbrennen konnte. Es war ein zweischneidiges Schwert, eine Kraft, die ihn sowohl gefürchtet als auch verehrt machen würde.
Astraya sah ihn mit einem wissenden Blick an. „Du hast bereits einen ersten Eindruck von dieser Kraft bekommen“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Der goldene Blitz, den du im Hain beschworen hast, ist eine Manifestation meiner Essenz. Aber du hast erst an der Oberfläche gekratzt. Mein Blitz ist nicht an die Gesetze der Sterblichen gebunden – er ist göttlich, kann Dimensionen durchdringen und mit der Kraft des Zorns eines Gottes zuschlagen.
Kein Wesen, keine Kraft kann sich ihm entgegenstellen, wenn er erst einmal entfesselt ist. Er kann durch die Fäden der Realität selbst reisen.
Pyris konnte die Kraft, die er bereits in sich gespürt hatte, kaum begreifen. Der Blitz hätte ihn fast vernichtet, aber jetzt war klar, dass es sich um ein Geschenk von Astraya handelte, um eine Kraft, die über die Welt der Sterblichen hinausging.
„Als Goldener Drache war ich nicht nur ein mächtiges Wesen – ich war eine Herrscherin“, sagte Astraya, und ihre Stimme hallte nun voller Autorität wider. „Allein meine Anwesenheit konnte den Willen anderer beherrschen und sie meiner Sache unterwerfen. Auch du wirst diese Kraft erben. Deine bloße Anwesenheit wird eine Aura ausstrahlen, die je nach deinem Willen Loyalität, Furcht oder Ehrfurcht hervorruft.
Geringere Wesen werden sich dir nur schwer widersetzen können, und selbst mächtige Feinde werden die Last deiner Dominanz spüren.“
Pyris‘ Gedanken kreisten. Er konnte bereits den Respekt seiner Mitmenschen einfordern, aber das hier … das würde ihn nicht nur zum Herrscher über Menschen machen, sondern auch über Tiere, Drachen und vielleicht sogar über Götter.
„Endlich“, flüsterte Astraya mit trauriger Stimme, „die Macht, den Tod selbst zu überwinden. Du wirst nicht mehr an die Sterblichkeit des Fleisches gebunden sein. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du deine sterbliche Hülle ablegen und zu etwas Größerem aufsteigen können.“
Pyris schluckte schwer. Die Vorstellung, den Tod zu überwinden und etwas Übermenschliches zu werden, war verlockend … aber auch beängstigend.
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Als Astraya zu Ende gesprochen hatte, begann das goldene Licht um sie herum zu verblassen, und ihre massive Gestalt wurde durchscheinend, als würde sie sich in der Leere auflösen.
„Meine Zeit ist gekommen“, sagte sie leise, ihre Stimme voller Stolz und Trauer. „Aber mein Vermächtnis lebt jetzt in dir, Pyris. Du wirst die Macht der Goldenen Drachen tragen, und durch dich wird unser Volk wieder auferstehen.“
Pyris streckte die Hand aus, sein Herz pochte. „Warte! Ich muss noch so viel wissen …“
Doch bevor er zu Ende sprechen konnte, löste sich Astraya in einem goldenen Lichtblitz auf, und die Überreste ihrer Essenz flossen in ihn hinein. Pyris spürte erneut die Welle der Kraft, sein Körper wurde von der Stärke des uralten Drachen überwältigt, die sich mit seiner eigenen vermischte.
Er spürte das Feuer, den Blitz, die schiere Kraft der Schöpfung, die durch seine Adern floss und ihn von innen heraus verwandelte.
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Draußen, in der realen Welt
Während Pyris‘ Körper bewusstlos auf dem kalten Boden des Stammhauses lag, begann die Verwandlung. Seine Haut schimmerte, und unter der Oberfläche tauchte eine neue Schicht von Drachenschuppen auf, eine Mischung aus tiefem, glänzendem Schwarz, Rosa und leuchtendem Gold.
Der Kontrast zwischen der verführerischen, dunklen Ausstrahlung des Lustdrachen und Astraya’s königlicher, göttlicher Strahlkraft war atemberaubend.
Die Schuppen wellten sich über seine Brust, Schultern und Arme, der goldene Schimmer glänzte vor Kraft, während sich darunter die dunklere, lustvolle Essenz des Lustdrachen zusammenrollte, als wären die beiden Kräfte nun miteinander verflochten.
Seine Muskeln spannten sich an und entspannten sich wieder, während die Kraft durch ihn floss, und sein Körper passte sich den Veränderungen an. Die Magie der Villa knisterte und spürte die Kraft, die nun in Pyris erwacht war. Das unzerbrechliche Glas, das einst die goldene Schuppe gehalten hatte, lag nun zerbrochen auf dem Boden, seine Aufgabe erfüllt.
Emberly sah voller Ehrfurcht zu und hielt den Atem an, als sie die Verwandlung sah.
Ihr Sohn war zu etwas geworden, das sogar ihre Erwartungen übertraf – er war jetzt Träger einer Kraft, die seit Jahrtausenden nicht mehr gesehen worden war. Und obwohl sie nicht ganz verstand, was geschehen war, wusste sie, dass sich die Zukunft des Hauses Obsidian für immer verändert hatte.
Während Pyris regungslos dalag und seine neuen Schuppen im schwachen Licht glänzten, summte die Luft um ihn herum von der Energie des goldenen Drachen.