Anastasia sagte nichts. Sie stand einfach da und wartete geduldig, bis Emberly ihre lockere Dominanz am Tisch beendet hatte und sich endlich neben Madam Serenova setzte. Aber ihre Mutter war noch nicht fertig. Noch lange nicht.
Emberly war mit einem Plan hierhergekommen – und der hatte nichts mit den politischen Verbindungen zwischen dem Haus Obsidian und dem Haus Serenova zu tun. Diese Allianzen waren zweitrangig. Was ihr wirklich wichtig war, war Alexa.
Die Frau ihres Sohnes.
Emberly würde nicht tatenlos zusehen, wie Alexa angesichts ihrer göttlichen Macht ungebildet und ungeformt blieb. Das Mädchen hatte Potenzial – enormes, furchteinflößendes Potenzial –, aber rohe Kraft allein reichte nicht aus. Sie brauchte Anleitung. Und wer wäre dafür besser geeignet als Madame Serenova, die schwer fassbare Priesterin und Matriarchin des Hauses Serenova der gefallenen Engel?
Und so trafen sich die Blicke der beiden Frauen.
Es wurden keine Worte gesprochen, doch ihre Mienen veränderten sich. Ein stilles Einverständnis wurde zwischen ihnen ausgetauscht. Ein Gespräch fand statt – ein privates, verborgen hinter unlesbaren Blicken und dem Gewicht unausgesprochenen Wissens.
Anastasia seufzte leise. Die Intrigen ihrer Mutter schritten wie immer voran. Doch im Moment musste sie sich auf etwas anderes konzentrieren. Sie wandte sich dem Publikum zu und erhob ihre Stimme über das Murmeln der versammelten Adligen.
„Und nun, verehrte Gäste, ist es mir eine Ehre, euch den Mann hinter Obsidian Tech vorzustellen. Den Visionär, den Pionier, die treibende Kraft der Zukunft – Pyris Obsidian!“
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Im Schatten bewegten sie sich.
Wie Geister. Wie ein Sturm, der sich in der Dunkelheit zusammenbraute.
Hoch über dem großen Saal huschten Gestalten durch die Dunkelheit, unsichtbar und unentdeckt. Dutzende. Hunderte. Sie bewegten sich mit erschreckender Geschwindigkeit.
Selbst die mächtigsten Wesen unter den Anwesenden – Dracula, die Chaosdämonen der Anfänge, die Anführer, die die Dunkelheit selbst beherrschten – spürten sie nicht.
Und Anastasia auch nicht.
Eine einsame Gestalt hatte bereits ihre Position eingenommen.
Rang 19. Ein Raubtier unter den Spitzenräubtieren.
Versteckt in den Falten der hoch aufragenden Schatten der großen Halle beobachtete sie – ihr Blick war auf Anastasia gerichtet, die in der Mitte der Bühne stand und sich darauf vorbereitete, ihren Bruder vorzustellen.
Sie hatte keine Ahnung.
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Die Akademie. Nacht.
Mondlicht fiel durch die großen Fenster von Ms. Moonveils Büro und tauchte den Raum in ein ätherisches Licht.
Die Wände, die mit hohen Bücherregalen gesäumt waren, tauchten in silberne Farbtöne, während das leise Rascheln von Papier die ruhige Luft erfüllte.
In der Mitte des Raumes saß Moonveil selbst an ihrem polierten Mahagonischreibtisch – vertieft in Papierkram, ihre zarten Finger glitten mit leiser Präzision über die Dokumente. Ihr Gesichtsausdruck war gelassen, aber konzentriert, verloren in den Tiefen ihrer Arbeit.
Aber die Einladung auf ihrem Schreibtisch stach ins Auge – ein eleganter Umschlag mit dem Wappen von Obsidian Tech.
Pyris hatte ihn geschickt.
Und sie hatte ihn nicht vergessen. Bleib auf dem Laufenden mit My Virtual Library Empire
Moonveil war nicht der Typ, der solche extravaganten Veranstaltungen besuchte, aber Pyris hatte sich die Mühe gemacht, sie persönlich einzuladen. Und das zählte. Sie würde ihn nicht enttäuschen.
Nicht nur das, sie interessierte sich auch für diesen jungen Adligen. Sie war fasziniert davon, wie mutig er bei ihrer ersten Begegnung gewesen war und wie er ihr unverblümt gesagt hatte, dass er sich für sie interessierte und sie wollte. Außerdem hatte der Mond ihr zugeflüstert – von ihm. Von Geheimnissen, die mit seiner Existenz verwoben waren.
Geheimnisse, die sie langsam lüften wollte, und sie wollte ihm auch näherkommen. Schließlich war sie genauso egoistisch wie er. Wenn er etwas von ihr wollte, war es dann nicht nur fair, dass sie auch etwas dafür bekam?
Sie stand von ihrem Stuhl auf, ihre Bewegungen fließend und anmutig, unbeschreiblich schön.
In ein weißes Kleid gehüllt, das aus Mondlicht selbst gewebt schien, war sie in diesem Kleid mehr als sonst die Verkörperung himmlischer Schönheit.
Der Stoff schmiegt sich an den richtigen Stellen an – streichelt die sanfte Wölbung ihrer Brüste, die Rundung ihrer Hüften, die Eleganz ihres langen, schlanken Halses. Ihre Elfenohren blitzen durch mondbeschienene silberne Haarsträhnen, und ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht, während eine Aura stiller Kraft sie umgibt.
Sie griff nach der Einladung.
Und im Schatten beobachtete er sie.
Aber die Mondelfe wusste nicht, dass sie ins Visier genommen worden war. Von wem? Vom Anführer des Eclipse-Syndikats. Der Anführer des Eclipse-Syndikats stand in absoluter Stille da.
Während die anderen losgezogen waren, um bei der Raketenstartparty Chaos anzurichten, schloss er sich diesem Wahnsinn nicht an. Nein – er hatte eine Mission zu erfüllen.
Der wahre Grund, warum er in die Welt der Sterblichen gekommen war.
Und er war genau hier, vor seinen Augen.
Selara Moonveil!
Die Tochter des Mondes? Nein. Sie war mehr als das.
Viel mehr.
Und jetzt, aus der Dunkelheit ihres Büros heraus, machte er sich bereit zum Schlag.
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Die dunkelgoldenen Augen schlossen sich plötzlich.
Dunkelheit – eine unwillkommene Umarmung, dicht und voller etwas Schlimmerem als Geheimnis. Eine erstickende Stille breitete sich aus, eine Stille, die sich lebendig anfühlte, als würde sie beobachten.
Irgendwo in einem kleinen Büro stand eine Frau. Eine Vision von Schönheit, eine Elfe, die in silbernes Licht getaucht war. Ihr mondhelles Haar fiel wie flüssiger Sternenstaub über ihren zarten Körper, und in ihren Händen hielt sie eine Einladung – mit dem Siegel des Hauses Obsidian darauf.
Doch die goldenen Augen, die diese Szene beobachteten, konnten nicht wirklich sehen.
Das Gesicht der Elfenfrau verschwamm, gerade außer Reichweite, als würde die Vision selbst sich weigern, Klarheit zu gewähren. Je mehr sich die unsichtbare Beobachterin bemühte, sich zu konzentrieren, desto mehr verschwammen ihre Gesichtszüge.
Dann – Dunkelheit.
Nicht die Art von Nacht, in der Sterne am Himmel funkeln. Nein.
Dies war ein Abgrund, eine Leere so tief, dass selbst das Nichts gütiger gewesen wäre. Eine dichte, bedrückende Leere, die die Welt vollständig verschluckte.
Und in dieser verschlingenden Schwärze begannen die Schreie.
Die Stimme einer Frau. Rau. Verzweifelt. Qualvoll.
Das Geräusch von zerreißendem Fleisch. Das unverkennbare Knacken von Knochen, die unter einer unsichtbaren Kraft brachen. Und dann – ein letztes, ersticktes Wimmern.
Ein dumpfer Schlag.
Stille.
Die Dunkelheit zerbrach.
Das Licht kehrte zurück – grell, blendend.
Und nun lag auf dem Boden des Büros ein lebloser Körper.
Die Elfe.
Moonveil.
Doch es war kein einziger Tropfen Blut zu sehen. Trotz der fehlenden Wunden, trotz der Tatsache, dass ihr Körper unversehrt war, war etwas in ihr – ihre gesamte Existenz – ausgelöscht worden.
Die goldenen Augen, die nun sehen konnten, konnten ihr Gesicht nicht erkennen. Und dann – schrie der Mond.
Ein Schrei der puren Verzweiflung. Es war kein Schrei der Trauer. Es war eine Klage. Ein Begräbnislied, gesungen vom Himmel selbst. Die Welt bebte. Die Luft zitterte, als ein unheilvolles Inferno ausbrach. Kein Feuer der Zerstörung – sondern etwas Schlimmeres.
Weiße Flammen.
Sie brannten nicht. Sie verzehrten alles. Das Büro war kein Büro mehr. Die Wände, die Möbel – sogar die Realität selbst – wurden verschlungen. Und das Licht des Mondes fiel wie ein Urteil.
Es leuchtete nicht. Es war nicht freundlich.
Es war Vernichtung.