Pyris atmete tief aus, veränderte seine Haltung und passte die Position seines Schwertes an. Er war zu aggressiv und zu direkt vorgegangen. Nysa hatte seine Angriffe wie im Schlaf pariert. Er musste seine Taktik ändern.
Als er diesmal zustürmte, waren seine Bewegungen präziser – nicht nur rohe Gewalt, sondern gut kalkuliert.
Der Wind wirbelte um sie herum, aufgewirbelt von der Kraft seiner Schritte. Er täuschte einen Schlag nach links an, drehte dann sein Handgelenk und lenkte seine Klinge im letzten Moment um –
KLACK!
Nysas Stock traf sein Schwert perfekt und fing seinen Angriff ab, als hätte sie ihn schon von weitem kommen sehen. Der Aufprall sandte eine scharfe Vibration durch seine Arme, deren Klang durch die Lichtung hallte.
„Du verrätst dich immer noch zu sehr“, meinte sie und drehte ihren Stock mühelos, wobei der Wind die Bewegung auffing, als wäre er schwerelos. Ihre Kleidung bewegte sich kaum, ein starker Kontrast zu der wellenförmigen Kraft, die ihren Bewegungen folgte. „Deine Augen verraten deine nächste Bewegung, noch bevor dein Körper sie ausführt.“
Pyris biss die Zähne zusammen. Na gut, einverstanden. Er senkte seine Haltung und stürmte diesmal nicht blindlings vor. Sein Atem verlangsamte sich, und anstatt eine Lücke zu erzwingen, wartete er ab.
Nysa hob anerkennend eine Augenbraue. „Besser.“
Dann setzte sie zum Angriff an.
Die Luft zischte, als ihr Schlag kam, eine verschwommene Bewegung, die wie eine Peitsche durch den Raum zwischen ihnen zischte.
Der Stock schlug auf seine Rippen zu – schnell, präzise, mit bloßem Auge unmöglich zu verfolgen.
Pyris schaffte es gerade noch, den Schlag abzuwehren. In dem Moment, als ihre Waffen aufeinander trafen, ging eine Schockwelle nach außen, die Staub und Blätter aufwirbelte und die Äste über ihnen rascheln ließ. Die Wucht des Aufpralls durchzuckte seinen ganzen Körper, aber er fing den Schlag ab und lenkte ihn um, anstatt dagegen anzukämpfen.
Anstatt zurückzuweichen, konterte er – schnell, geschmeidig, sein Schwert floss wie Wasser.
THWACK!
Der Stock knackte gegen sein Handgelenk, ein scharfer Schmerz schoss seinen Arm hinauf. Pyris zischte durch zusammengebissene Zähne. „Verdammt …“
Nysa grinste. Sie hatte nicht einmal ins Schwitzen gekommen. „Guter Versuch, aber du bist zu steif. Du musst mit der Bewegung fließen, nicht dagegen ankämpfen.“
Mit der Bewegung fließen.
Pyris rollte die Schultern und atmete aus. Er spürte, wie sich alles zusammenfügte. Das Problem war nicht Geschwindigkeit oder Kraft – es war Widerstand. Er musste sich mit dem Angriff bewegen, nicht gegen ihn.
Als sie diesmal auf ihn zukam, bereitete er sich nicht auf den Aufprall vor. Er passte sich an. Ihr Stock peitschte erneut auf ihn zu – er drehte sein Handgelenk und wehrte ihn ab wie ein Flüstern im Wind.
Sie stieß nach vorne – er wich zur Seite aus, ließ den Angriff an sich vorbeigleiten und lenkte ihn mit minimalem Kraftaufwand um. Ein schwungvoller Schlag – er duckte sich tief, drehte sich auf der Ferse und spürte, wie die Luft knapp über seinem Kopf zerteilte. Der Wind trug nun ihre Bewegungen und wirbelte im Einklang mit ihren aufeinanderprallenden Waffen.
Nysas Augen funkelten vor Interesse. Das Tempo hatte sich geändert. Sie drängte vorwärts, schneller, schärfer, unberechenbarer. Ihre Waffen verschwammen zu Lichtstreifen und Schatten, die durch die Lichtung schnitten. Jeder Schritt riss das Gras unter ihnen auf, die schiere Kraft ihrer Schläge sandte Wellen durch die Luft.
Ein diagonaler Hieb – er parierte tief und ließ die Energie hinter sich zerstreuen.
Eine plötzliche Finte – er reagierte nicht und zwang sie, sich festzulegen, bevor er konterte.
Ein Schlag nach unten – er traf ihn frontal, Stahl auf Holz, der Aufprall sandte Schockwellen durch ihre Umgebung.
KLANG!
Ihre Waffen waren ineinander verkeilt. Die Wucht des Aufpralls schleuderte Staub und Blätter in einer kreisförmigen Welle nach außen, die Bäume schwankten von der verdrängten Energie. Für einen Moment war es still.
Dann grinste Nysa. „Nicht schlecht.“ Pyris grinste zurück und spürte noch das Nachbeben in seinen Fingerspitzen.
Gar nicht schlecht.
_____
Pyris stöhnte, als er aufwachte, sein Körper schmerzte an Stellen, von denen er nicht einmal gewusst hatte, dass sie schmerzen konnten. Das Training mit Nysa war brutal gewesen – unerbittlich, gnadenlos und genau das, was er gebraucht hatte. Jeder Zentimeter seines Körpers spürte die Nachwirkungen der gestrigen Lektion, aber unter den Schmerzen war noch etwas anderes zu spüren – Fortschritt. Ein neues, tieferes Verständnis seiner Schwertkunst, das wie eine Erweiterung seines Wesens durch ihn hindurchströmte.
Er atmete aus und ließ seine Gedanken zu der vergangenen Nacht zurückwandern. Nysa hatte endlich aufgehört, nachdem er die Grundlagen gemeistert hatte – Bewegungen, die nicht nur Techniken waren, sondern die Bausteine für etwas viel Größeres. Ihren Worten nach waren sie das absolute Minimum, das er brauchte, wenn er jemals seinen eigenen Weg als Schwertkämpfer gehen wollte.
Und verdammt, hatte er das gespürt. Jeder Schlag, jede Abwehr, jede Bewegung – das war nicht nur Training. Das war ein Erwachen.
Ein leises Seufzen neben ihm ließ ihn erstarren.
Erst jetzt bemerkte er die Wärme, die ihn umgab – mehrere Wärmequellen.
Er öffnete die Augen und gewöhnte sich an das sanfte Morgenlicht, das durch die großen Fenster seines Zimmers fiel. Die seidigen Laken bedeckten kaum die verschlungenen Glieder und Körper um ihn herum. Seine Frauen hatten sich irgendwie in sein Bett geschlichen, während er bewusstlos war, und sich an ihn gekuschelt, als ob sie dort hingehörten.
Was sie, seien wir ehrlich, auch taten.
Neben ihm. Schade, dass er nicht glaubte, dass sie bereit für das „Morgentraining“ waren.
Eine hatte einen Arm träge über seine Brust gelegt, ihr Atem ging langsam und gleichmäßig. Eine andere hatte ihr Gesicht an seinen Hals geschmiegt, ihr weiches Haar kitzelte seine Haut. Das Bein einer dritten lag lässig über seinem und hielt ihn wie eine liebevolle Falle fest. Sie fühlten sich wohl – vollkommen entspannt.
Pyris jedoch nicht.
Rang 17. Die Macht, die er gefestigt hatte, pulsierte immer noch in ihm, vibrierte direkt unter seiner Haut, wickelte sich wie eine lebendige Kraft auf und ab. Er war aufgestiegen. Er konnte es spüren, wie sich das Wesen seines Wesens veränderte, stärker und raffinierter wurde.
Aber dann – Ruin.
Eine scharfe Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz. Sein ganzer Körper spannte sich an. Wo war Ruin? Sein ganzer Körper spannte sich an. Lies die Geschichten weiter auf My Virtual Library Empire
Das Letzte, woran er sich erinnerte, war die kleine pummelige Bedrohung, die wie ein ahnungsloses Neugeborenes herumstolperte und Mühe hatte, richtig zu laufen. Aber das war Ruin – die gefährlichste Kraft, die es gab – und jetzt war sie verschwunden.
Sein Herz pochte, sein Instinkt schrie ihn an, aufzustehen und es zu finden –
Aber dann erinnerte er sich.
An die Verbindung.
Er musste nicht suchen. Er konnte es spüren.
Er atmete langsam ein, konzentrierte sich nach innen und griff durch die Verbindung, die sie verband.
Und da war es.
In ihm.
Es ruhte.
In seinem Manavorrat.
Pyris blinzelte.
Dann blinzelte er noch einmal.
„Das ist doch nicht dein Ernst“, murmelte er leise.
Ruin saß nicht einfach nur da – es hatte sich eingenistet. Es ruhte. Es wartete. Ein Schauer der Unruhe und Faszination kroch ihm den Rücken hinunter. Er griff tiefer, versuchte zu verstehen, an der Verbindung zu ziehen –
Und etwas regte sich.
Die Welt um ihn herum verdunkelte sich. Ein Puls roher, uralter Kraft durchzuckte seine Brust, tief und hungrig.
Dann, genauso schnell wie es gekommen war –
Ein Paar leuchtende Augen öffneten sich in ihm – diesmal waren sie weit entfernt von dem unschuldigen kleinen Wesen von gestern …