Als der Nebel um Seren herumwirbelte, drang ein berauschender Reiz in ihren Geist und erfüllte ihre Sinne mit einem dunklen, seidigen Versprechen. Sie schloss die Augen und tauchte tiefer in die Vision ein, als wäre es ein Traum, den sie nur in den stillsten Winkeln ihres Geistes zu träumen wagte.
Sie öffnete die Augen und fand sich in einer großen, schwach beleuchteten Halle wieder, die so riesig war, dass ihre Decke bis zum Himmel zu reichen schien.
Leuchtende Wandleuchter warfen Schatten an die Wände, und jeder Stein hallte wider von dem Flüstern uralter Macht.
Es lag eine Atmosphäre königlicher Geheimnisse in der Luft, als ob in jedem Schatten und hinter jeder Marmorsäule Geheimnisse verborgen waren. Seren stockte der Atem, ihr Herz schlug wie wild, als sie all das in sich aufnahm, und die Pracht gab ihr das Gefühl, als wäre sie in das Herz der Vampir-Königsfamilie eingetreten.
Der Saal wimmelte von adeligen Vampiren, gekleidet in aufwendigen schwarzen Roben, die mit schimmernden silbernen Fäden bestickt waren. Jedes Gesicht, jedes Paar purpurroter Augen wandte sich ihr mit einer Ehrfurcht zu, die sie noch nie erlebt hatte.
Ihre eigene Gestalt war königlich und von düsterer Eleganz, gekleidet in ein Kleid aus feinster Seide, auf ihrem Kopf ruhte eine verzierte Krone aus Silber und Rubinen.
Sie fühlte sich anders – mächtig, erhaben, als hätte sie endlich die Identität angenommen, die ihr von jeher zugedacht war.
Eine Stimme hallte durch den Saal, befehlend und zutiefst vertraut. Sie drehte sich um und sah eine große, imposante Gestalt mit einer Aura überirdischer Macht: Dracula höchstpersönlich, eine Erscheinung von dunkler Anmut, dessen bloße Anwesenheit den Raum mit stiller Ehrfurcht erfüllte.
Sein Blick heftete sich auf sie, ein Grinsen umspielte seine Lippen.
„Seren Nightshade“, sagte er mit einer Stimme wie Samt, umhüllt von Stahl.
„Meine verlorene Tochter, vor der Welt versteckt, ihrer Rechte als Vampir-Königstochter beraubt … Mein Blut, mein kostbarstes Vermächtnis, ich nenne dich nun Seren Dracula!“
Die Worte trafen sie wie ein Blitz, ein Schauer lief ihr über den Rücken. Tochter von Dracula? Das war unmöglich … und doch spürte sie es tief in ihrem Inneren, wie eine Wahrheit, die immer in ihren Erinnerungen verborgen gewesen war.
Sie war keine Nightshade mehr, sondern eine Dracula, nicht durch Zufall, sondern durch ihre Abstammung – seine Abstammung.
Ihr rechtmäßiger Platz war nicht am Rande der Vampirgesellschaft, sondern in ihrem Herzen.
„Komm her“, winkte Dracula, seine Stimme klang wie ein königlicher Befehl.
Sie ging auf ihn zu, ihre Schritte glitten über den Marmorboden. Als sie näher kam, streckte er ihr seine Hand entgegen, und sie nahm sie, seine Berührung war kalt, aber erfüllt von einem Gefühl unzerstörbarer Stärke der Verbindung, die sie verband.
„Du bist mein Blut“, wiederholte er, jetzt lauter, während sein Blick durch den Raum schweifte. „Meine wahre Erbin, meine geliebte Tochter. All das“, er deutete auf den Raum voller Vampire edler Abstammung, „gehört dir. Die Herrschaftsgebiete, das Imperium und der Ruhm aller Vampire werden einst dir gehören, so wie sie jetzt mir gehören!“
Die versammelten Vampire verneigten sich und murmelten ihren Namen voller Verehrung, als ob ihre bloße Anwesenheit ihre Loyalität forderte. Das Gewicht ihrer Ehrerbietung drückte auf sie und schürte ihr Verlangen.
Die Gunst ihres Vaters war wie eine dunkle Krone auf ihrem Kopf, und die Macht der Herrschaft lag zu ihren Füßen und wartete darauf, jeden ihrer Befehle zu befolgen. Sie fühlte sich … ganz, als ob dies der Zweck ihres Lebens war.
„Ja, Seren …“, flüsterte ihre innere Stimme in ihrem Kopf, und der verführerische Ton umschmeichelte ihre Gedanken. „Die Herrschaft, die Nacht, das gesamte Vampirreich … alles gehört uns. Wir müssen es nur annehmen.“
Ihr Herz pochte vor Aufregung. Das – das war es, was sie immer gewollt hatte: das Zentrum der Macht zu sein, diejenige, die über die Vampire herrschte, verehrt und geliebt als die leibliche Tochter von Dracula selbst.
Die Träume, die sie still in sich getragen hatte, die Sehnsüchte, die sie sogar vor sich selbst verborgen hatte – all das wurde in dieser Vision Wirklichkeit.
Mit einem wissenden Lächeln hob Dracula ihr Kinn mit einem einzigen Finger, sein Blick bohrte sich in sie. „Nimmst du deinen Platz an, Seren Dracula? Nimmst du das Erbe meines Blutes und alles, was damit verbunden ist, an?“
Ihre Lippen öffneten sich, die Antwort lag ihr auf der Zunge, ein klares Ja, das ihren Platz an seiner Seite besiegeln würde, ihr die Herrschaft, das Ansehen und die Macht geben würde, die sie sich immer gewünscht hatte.
Das war ihr Traum, ihr Schicksal, ihre Erfüllung.
Sag es einfach, Seren, drängte die Stimme, süß und schmeichelnd. Fordere unser Geburtsrecht ein … und es wird für immer uns gehören.
Der Nebel um sie herum im Labyrinth wurde dichter, schürte ihr Verlangen und drängte sie, die Worte auszusprechen, die sie an diesen Traum von Macht binden würden.
In ihrer Vorstellung sah sie bereits die Weite des Herrschaftsgebiets vor sich, grenzenlos, ihr zu befehlen.
Alles, was sie tun musste, war Ja zu sagen.
Dieses verlockende Versprechen war genau auf Seren’s Wünsche und Ambitionen zugeschnitten. Sie wurde immer tiefer in die Illusion hineingezogen und war kurz davor, sich bereitwillig dem Traum hinzugeben, endlich ihren Platz im Vampirreich als Draculas auserwählte Tochter zu finden.
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Die Nachmittagssonne tauchte die Gärten des Obsidian-Anwesens in ein warmes Licht und beleuchtete Reihen von leuchtenden, blühenden Blumen und die hohen Marmorsäulen, die die hohen Fenster der Bibliothek umrahmten.
Im Inneren saß Elsa an einem kleinen Schreibtisch, der mit Büchern und Schriftrollen bedeckt war, ihre Beine berührten kaum den Boden.
Sie blickte konzentriert nach unten, ihre Finger folgten dem Text, den Pyris für sie hinterlassen hatte, ihre Stirn war in konzentrierter Anstrengung gerunzelt.
Ihr gegenüber saß Emberly, deren elegante Ausstrahlung einen beruhigenden Kontrast zu Elsas kindlicher Intensität bildete.
Elsa hob den Blick, ihre Augen leuchteten vor Aufregung und Verwirrung. „Lady Emberly, ich verstehe einiges davon … aber es ist so viel, und einige dieser Wörter sind … zu groß für meinen Kopf“, gestand sie mit frustrierter Stimme.
Emberly lächelte sanft und strich Elsa eine lose Haarsträhne hinter das Ohr. „Wissen braucht Zeit, Elsa. Überstürze nichts. Pyris hat dir diese Lektionen gegeben, weil er glaubt, dass du dafür bereit bist. Nimm dir immer nur eine Idee vor. Wir gehen so langsam vor, wie du es brauchst.“
Elsa nickte und nahm Emberlys Worte auf, als wären auch sie eine Lektion, die Pyris ihr hinterlassen hatte. Ihr junges Gesicht wurde weich, und sie widmete sich wieder ihrer Arbeit, während ein Funken Entschlossenheit in ihren Augen aufblitzte. „Okay, ich werde mein Bestes geben.“
In der nächsten Stunde beobachtete Emberly, wie Elsa von einer Lektion zur nächsten überging und gelegentlich inne hielt, um sich an ihr zu orientieren.
Jedes Mal antwortete Emberly sanft und gab Elsa gerade so viel Input, dass sie es verstehen konnte.
Irgendwann holte Elsa leise Luft, ihre Finger erstarrten auf einer Textzeile, die unter ihrer Berührung leicht zu leuchten schien. „Es ist, als ob … ich es spüren kann“, flüsterte sie und machte große Augen. Entdecke versteckte Inhalte bei empire
Emberly beugte sich vor, folgte Elsas Blick und nickte anerkennend. „Gut. Das ist das Wesentliche, was dein großer Bruder Pyris dir hinterlassen hat, Elsa. Es sind nicht nur Worte, sondern Kraft – eine tiefere Verbindung zu deinem eigenen Potenzial.“
Das junge Mädchen blickte auf, voller Staunen in den Augen. „Werde ich in der Lage sein, die Familie zu beschützen, so wie Pyris es tut?“
Emberlys Blick wurde sanft, und ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Auf deine eigene Weise, Elsa. Deine Stärke wird anders sein, aber nicht weniger wichtig. Pyris glaubt an dich … und ich auch.“
Eine angenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus, während Elsa sich wieder ihrem Studium widmete und Emberlys sanfte Hand gelegentlich auf ihrer Schulter ruhte, fest und beruhigend.
Die Verbindung zwischen ihnen wuchs in diesen stillen Momenten, als hätte Pyris selbst sie in die Worte gewoben, die er hinterlassen hatte.
Als die Sonne unterging und lange Schatten durch die Fenster der Bibliothek warf, sah Elsa mit neuer Klarheit zu Emberly auf. „Ich glaube, ich verstehe jetzt ein bisschen mehr. Pyris hat mir den Anfang hinterlassen, und du hilfst mir, den Weg zu finden.“
Emberlys Blick wurde sanfter, als sie Elsa in eine zärtliche Umarmung zog und ihr leise versprach: „Und ich werde immer für dich da sein, wann immer du mich brauchst, Elsa.“
In diesem Moment schien der Weg vor dem jungen Mädchen ein wenig klarer zu sein, geleitet von der Weisheit, die Pyris ihr hinterlassen hatte – und von der Fürsorge, die Emberly ihr auf jedem Schritt des Weges entgegenbrachte.
„Oh mein Sohn ~ ich vermisse dich!“